Regisseur Michael Kreihsl: ‚Niemand hat allein die Wahrheit gepachtet‘
Mit der Tragikomödie «So haben wir dich nicht erzogen!» erzählt Regisseur Michael Kreihsl von einer liberalen Familie, deren Weltbild plötzlich ins Wanken gerät. Im Interview spricht er über moralische Gewissheiten, den schmalen Grat zwischen Humor und Ernst – und darüber, warum echte Aufklärung immer auch bedeutet, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.
Herr Kreihsl, Ihr Film «So haben wir dich nicht erzogen» erzählt von einer liberalen, queeren Musterfamilie, deren Weltbild plötzlich ins Wanken gerät. Was hat Sie an diesem Perspektivwechsel besonders gereizt?
Niemand hat allein die Wahrheit gepachtet. Das Wichtigste für mich ist der Diskurs zwischen Menschen, der Dialog und das Zuhören. Sich auch unbequemen Fragen zu stellen und die eigene Position zu hinterfragen, ist unerlässlich. Deshalb hat mich dieser Perspektivenwechsel interessiert. Auch um die Erkenntnis zu gewinnen, dass alle Menschen mit den gleichen Problemen, wie Kränkung, Angst, Schuld, Sehnsucht nach Nähe, Zurückweisung, kämpfen.
Der Titel «So haben wir dich nicht erzogen» klingt wie ein klassischer Vorwurf – nur hier kommt er aus einer sehr progressiven Familie. War es Ihr Ziel, moralische Gewissheiten auf beiden Seiten zu hinterfragen?
Ja absolut, das war das Ziel des Autors Uli Brée und von mir. Diesen Schwebezustand darzustellen, einerseits sich den Gewissheiten sicher zu sein und andererseits sie zu überprüfen, weil sie die Personen an ihre Grenzen bringen. Aber vielleicht zeigt der Film auch den Weg zu selbstverantwortlichen Menschen als eine Entwicklung, als ein Schritt in Richtung Menschwerdens. Am Ende sind sie in der Lage das „Gemeinsame“ vor das „Trennende“ zu stellen.
Der Film lebt von Tempo und pointierten Dialogen, gleichzeitig berührt er sensible Themen wie Identität, Herkunft und biologische Elternschaft. Wie findet man die richtige Balance zwischen Komödie und Ernst?
Das müssen Sie die ZuseherInnen fragen. Komödie hat immer ernste Wurzeln. Die existentielle Not der handelnden Personen ist die Basis der Komödie, denken sie nur an die Theaterstücke von Anton Cechov. Unsere Personen bleiben nicht an ihrer Ernsthaftigkeit kleben, sie zeigen auch Witz und Selbstironie. Oft lachen wir auch, weil es nichts zu lachen gibt.
Hedwigs Beziehung zu einem Mann bringt nicht nur romantische, sondern auch ideologische Konflikte mit sich. Erzählen Sie hier eher eine Liebesgeschichte oder eine Debatte über Erwartungshaltungen?
Ich hoffe Beides. Gesellschaftlich ist es doch immer eine Gratwanderung, wie würden sie selbst entscheiden? Wir haben oft sofort eine Meinung über Andere parat, aber bei unserem Film können die ZuseherInnen sich nach dem Film fragen: wie würde ich selbst reagieren, wenn mir so etwas passieren würde. Kann ich über meinen Schatten springen?
Besonders spannend ist, dass hier nicht die konservativen Figuren allein für Reibung sorgen, sondern auch die vermeintlich aufgeklärte Seite. Ist das der eigentliche Kern des Films?
In ihrer Frage steckt ja bereits das Adjektiv „vermeintlich“. Was bedeutet denn eigentlich Aufklärung im Zeitalter der Digitalisierung und von KI? Sie müssen sich heute eher fragen wem glaube ich, als was glaube ich. Aber gerade das Hinterfragen von Werten muss uns neugierig und wach machen auf unsere Mitmenschen zu zugehen. Das muss auch die Basis jeder Demokratie sein. Immanuel Kant schreibt zum Thema Aufklärung: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.“ Kein Kommentar.
Wenn unterschiedliche Weltbilder aufeinandertreffen – liberales Großstadtmilieu versus Tiroler Schwiegereltern – besteht immer die Gefahr von Klischees. Wie sind Sie damit umgegangen?
Indem ich versucht habe Persönlichkeiten zu zeigen, keine Typen. Menschen, die alle die gleichen Konflikte haben. Männer, Frauen, Städter und Landbewohner, alle gehen durch den gleichen Nebel, haben die gleichen Sorgen. Alle diese Personen müssen ihren Überzeugungen und ihren Wünschen, ihren Gefühlen zugleich gehorchen. Wir, das Publikum, dürfen über diesen Betrug an sich selbst lachen, letztlich damit wir in unserem Leben aufmerksam bleiben. Wenn man alle handelnden Personen gleich gerne hat, gibt man ihnen die gleichen Chancen. Das habe ich versucht.
Sie arbeiten mit einem starken Ensemble aus Brigitte Hobmeier, Gerti Drassl und Thomas Mraz. Wie wichtig war es, dass die Figuren trotz Zuspitzung immer glaubwürdig bleiben?
Der gesamte Cast war unsere absolute Wunschbesetzung. Mit diesen DarstellerInnen kann man eine solche Gratwanderung wagen. Und, wie schon gesagt, muss es beim Spielen immer um alles gehen. Stellen Sie sich Eltern vor, ganz egal welchen Milieus, welchen Geschlechts, die Angst haben, ihr einziges Kind an einen fremden Menschen zu verlieren, das ist per se nicht lustig für die Betroffenen, vielleicht aber für die, die den Vorfall aus sicherer Distanz beobachten und sich eventuell dabei selbst erkennen.
Österreichische Fernsehfilme haben oft eine besondere Mischung aus Leichtigkeit und Abgründigkeit. Sehen Sie Ihren Film in dieser Tradition?
Ja. Abgründigkeit, Leichtigkeit und Selbstironie sind wahrscheinlich, besonders im Osten Österreichs und in Wien, der einzige Weg zwischenmenschliche Probleme kreativ zu bewältigen. Es ist ein Humor, in welchem Verdruss, Freude, Traurigkeit, Ernst und Spaß miteinander kämpfen
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum nach dem Film hinterfragt: eigene Erziehungsideale, politische Selbstbilder – oder vielleicht die Erwartung, dass Kinder die Weltanschauung ihrer Eltern fortschreiben?
Hoffentlich das alles. Beachten sie, wie der Begriff Erziehung sich in den letzten 50 Jahren gewandelt hat. Wir sind sensibler geworden, was die Bedürfnisse unserer Kinder betrifft. Ob wir auch klüger geworden sind, weiß ich nicht. Kinder sollten ihre eigenen Erfahrungen machen. Sie müssen eine Selbstwirksamkeit entwickeln, darin muss man sie unterstützen.
Ich habe auch nichts gegen eine Weltanschauung, wenn sie die gesamte Welt abbildet. Ich hinterfrage nach jedem guten Gespräch, nach jedem Buch, jedem Film meinen Standpunkt. Wenn man dazu mit einem Film einen kleinen Beitrag leisten kann, ist das schon viel.
Danke für Ihre Zeit!
«So haben wir dich nicht erzogen!» ist seit 11. März in der ARD Mediathek abrufbar. Der Film läuft am Mittwoch, den 18. März, um 20.15 Uhr im Ersten.