Nils Kreutinger: ‚Charly bringt eine gute Prise Konfliktpotenzial nach Lansing‘

Mit Charly Bauer bekommt das Dorf Lansing in der BR-Serie «Dahoam is Dahoam» ein neues Gesicht – und einiges an Unruhe. Schauspieler Nils Kreutinger spricht im Interview über die Parallelen zu seiner eigenen Biografie, den Einstieg in ein eingespieltes Serienuniversum und darüber, warum sein Charakter zwischen Bodenständigkeit und Vergangenheit für reichlich Konfliktstoff sorgen dürfte.

Herr Kreutinger, Charly Bauer kommt nach Lansing – sehr zum Unmut seines Bruders. Was hat Sie an dieser Figur sofort gepackt?
Charlys lockere, offene und selbstbewusste Art. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Einerseits ist er ein bodenständiger Typ, der gerne mal einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Andererseits aber auch seine weichen und verletzlichen Seiten zeigen wird. In beide Richtungen, und dazwischen, ist viel möglich. Das macht Charly für mich besonders reizvoll.

Philipp befürchtet, dass Charly nur Ärger mitbringt. Ist Charly tatsächlich ein Unruheherd – oder eher jemand, der mit seiner Vergangenheit ringt?
Sowohl als auch. Für Philipp wird die Begegnung mit Charly, auf Grund der gemeinsamen Vergangenheit, sicherlich erst einmal ungemütlich. Gleichzeitig möchte Charly in Lansing einen Neuanfang wagen und seine bewegte Vergangenheit hinter sich lassen. Ohne zu viel zu verraten, Charly bringt eine gute Prise Konfliktpotential mit nach Lansing 😀

In Ihrer Biografie gibt es Parallelen zu Charly. Welche Gemeinsamkeiten verbinden Sie mit ihm – und wo unterscheiden Sie sich klar?
Es gibt einige charakterliche Eigenschaften die ich bei mir wiedererkenne. Z. B. die Offenheit gegenüber anderen Menschen, der Humor, der Pragmatismus, die handwerkliche Begabung, die Bodenständigkeit… Zum Teil finden sich aber auch Parallelen in unseren Biografien: Charly hat eine Elektrikerausbildung gemacht. Bevor ich zur Schauspielerei kam, habe ich eine Ausbildung zum Energieelektroniker gemacht. Charly musste früh auf eigenen Beinen stehen. Auch da erkenne ich eine Gemeinsamkeit.

Was uns klar unterscheidet sind Ereignisse in Charlys Vergangenheit mit denen ich, in dieser Art und dem Ausmaß, keine Berührung hatte. Ich will nicht zu viel verraten, deshalb bleiben die Details hierüber erstmal noch geheim 😀

Sie kommen vom Theater und aus dem Synchronbereich. Wie anders fühlt sich das Arbeiten in einer etablierten Daily-Serie wie «Dahoam is Dahoam» an?
Die Arbeit vor der Kamera unterscheidet sich grundsätzlich zu der Arbeit im Theater oder im Tonstudio. Das hat erst einmal nicht so viel damit zu tun, dass es sich bei «Dahoam is Dahoam» um eine Daily handelt. Vor der Kamera wird viel intimer und reduzierter gespielt als im Theater, wo man auch den Zuschauer in der letzten Reihe erreichen möchte. Im Tonstudio habe ich nur meine Stimme zur Verfügung um Geschichten zu erzählen, Emotionen zu erzeugen, Charakteren eine Seele zu geben und sie für die Zuschauer*innen bzw. Zuhörer*innen erlebbar zu machen. Der wohl größte Unterschied zu „Nicht-Daily-Formaten“ ist das Tempo in dem wir drehen und die Menge der Szenen, die in verhältnismäßig kurzer Zeit an einem Tag fertig gestellt werden.

Lansing ist ein vertrautes, gewachsenes Serienuniversum mit treuer Fangemeinde. Spürt man als „Neuer“ einen besonderen Druck?
Erfreulicherweise spüre ich gar keinen Druck. Wenn man als „Neuer“ in ein so eingespieltes Team kommt ist das natürlich immer erst einmal aufregend. Man weiß nicht wie die Kolleg*innen auf einen reagieren, sind sie offen oder erst einmal distanziert, welche „Gepflogenheiten“ haben sich über die Jahre manifestiert etc. All das musste ich erst einmal kennenlernen und herausfinden. Aber ich wurde vom ersten Tag an so warm und herzlich in die «Dahoam is Dahoam»-Familie aufgenommen, dass erst gar kein Druck entstanden ist. Ich freue mich auf alles was kommt. Auf die vielen Geschichten, Beziehungen und Konflikte. Ich bin sehr entspannt und fühle mich schon jetzt, nach so wenigen Wochen, in Lansing angekommen. Das ist nicht selbstverständlich und hat sehr viel mit den tollen Kolleg*innen zu tun. Sowohl vor, als auch hinter der Kamera.

Familienzusammenführungen sind selten konfliktfrei. Was erzählt die Geschichte zwischen Charly und Philipp über Brüderlichkeit – und über alte Wunden?
Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen. Nur so viel: Wir erzählen die Geschichte zweier Brüder, die unterschiedlicher nicht sein können und nach vielen Jahren das erste Mal wieder aufeinander treffen. Die beide ihr Päckchen aus der, teils gemeinsamen Vergangenheit, zu tragen haben. Die Frage ist: Ist das Band zwischen den beiden Brüdern, die gemeinsame DNA, so stark, dass sie nach all den Jahren die Bereitschaft und den Willen zeigen, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten? Ob die Wunden heilen oder nicht werden wir sehen. Sollte es gelingen, erzählt die Geschichte, dass es immer einen Weg gibt, Altlasten abzuwerfen, sie hinter sich zu lassen und gemeinsam neu anzufangen. Egal was vorgefallen ist. Dass Familie über allem steht. Sollte es hingegen nicht gelingen, erzählt die Geschichte, dass das Schicksal manchmal Ereignisse für uns bereithält, deren Wunden so tief sind, dass wir sie nicht mehr heilen können. So sehr wir uns auch anstrengen und so groß der Wille auch sein mag. Lassen wir uns überraschen wohin die Reise geht.

Sie sind selbst Vater von zwei kleinen Söhnen. Verändert diese private Rolle Ihren Blick auf Figuren, die einen Neuanfang wagen?
Nein, das spielt für mich tatsächlich keine Rolle. Der einzige Unterschied ist, dass sich meine Sicht auf Figuren verschärft hat, die vielleicht selbst Kinder haben oder Konflikte, egal welcher Art, mit Kindern bewältigen müssen. Wenn eine Figur beispielsweise ein totes Kind in den Armen hält (eine ähnliche Situation hat eine Figur erlebt die ich am Schauspiel Frankfurt gespielt habe), entstehen schärfere innere Vorgänge wenn man eigene Kinder hat.

«Dahoam is Dahoam» lebt stark von Authentizität und bayerischem Lokalkolorit. War die Rückkehr nach Bayern für Sie auch emotional ein Heimkommen?
Der Wunsch wieder nach Bayern zu ziehen war schon einige Jahre sehr präsent. Ich bin in Bayern geboren und aufgewachsen. Ich fühle mich hier einfach „dahoam“. Nach 14 Jahren außerhalb Bayerns war es dann eine sehr große Freude und ein tolles Gefühl zurückzukommen und wieder hier zu leben. In den 14 Jahren war ich in vielen Städten Deutschlands zuhause. Aber in Bayern bin ich dahoam.

Als Synchronsprecher – unter anderem für «Outlander» – arbeiten Sie viel mit Stimme und Nuancen. Hilft Ihnen diese Erfahrung auch vor der Kamera?
Es ist eher umgekehrt. Meine Erfahrung als Schauspieler hat mir sehr geholfen die Szenen und Emotionen im Tonstudio zu erfassen. Figuren und deren Handeln nachvollziehen zu können. Und zwar nicht nur an der Oberfläche, sondern im Kern. Um dann stimmlich genau das zu erzeugen, was der Schauspieler vor der Kamera erlebt hat. Und diese Emotionen letztlich für die Zuschauer*innen/Zuhörer*innen erlebbar zu machen.

Wenn Sie in die Zukunft von Charly Bauer blicken: Soll er in Lansing eher anecken – oder irgendwann wirklich „dahoam“ ankommen?
Aus schauspielerischer Sicht ist es natürlich immer spannender wenn die eigene Figur nicht verschont wird und mit Konflikten und Problemen zu kämpfen hat. Deshalb habe ich nichts dagegen wenn es für Charly hin und wieder auch mal ungemütlich wird. Das schließt aber nicht aus, dass ich mir vorstellen kann, dass er in Lansing mal „dahoam“ sein wird. Auch dahoam kann das Eis durchaus mal dünner werden. 😀

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Nils Kreutinger ist ab Montag, 16. März, bei «Dahoam is Dahoam» zu sehen.
15.03.2026 12:06 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/169539