Ein Studiofilm als dadaistischer Amoklauf und vielleicht die radikalste Komödie ihrer Zeit.

Als
«Freddy Got Fingered» am 20. April 2001 in die Kinos kam, war die Empörung groß. Regisseur, Hauptdarsteller und Provokateur Tom Green hatte mit MTV-Stunts und anarchischem Fernsehhumor Kultstatus erreicht – doch sein erster großer Hollywoodfilm wurde von Kritikern beinahe einhellig vernichtet. Heute gilt die 87-minütige Zumutung für manche als Totalausfall, für andere als subversives Meisterwerk.
Green spielt Gordon „Gord“ Brody, einen 28-jährigen Möchtegern-Cartoonisten, der aus Portland nach Los Angeles zieht, um eine Animationsserie zu verkaufen. Sein Vater Jim (herrlich cholerisch: Rip Torn) hält ihn für einen Versager, die Mutter ist überfordert, der Bruder Freddy wirkt vergleichsweise normal – bis Gord aus purer Trotzreaktion behauptet, der Vater habe Freddy sexuell missbraucht. Eine absurde Anschuldigung, die den Film in immer groteskere Gefilde führt. Parallel verliebt sich Gord in die exzentrische Betty (Marisa Coughlan), die im Rollstuhl sitzt und von einem raketenbetriebenen Gefährt träumt. Es folgen Restaurant-Schlägereien, halbseidene Jobversuche, dadaistische Animationseinlagen („Zebras in America“) und eine Eskalation, die in Pakistan, bei einem Elefanten und einem enthemmten Vater-Sohn-Showdown gipfelt.
Der Plot ist weniger stringente Geschichte als lose Aneinanderreihung von Grenzüberschreitungen. Der Titel selbst – «Freddy Got Fingered» – ist bereits eine Provokation, die das Publikum absichtlich schockieren soll. Und genau hier liegt der Kern: Green scheint nie wirklich daran interessiert, eine konventionelle Komödie zu erzählen. Vielmehr wirkt der Film wie ein 14-Millionen-Dollar-Streich auf Kosten eines großen Studios.
Die Reaktionen waren brutal. Auf Rotten Tomatoes dümpelt der Film bei rund zwölf Prozent Zustimmung, auf Metacritic bei einem katastrophalen Wert. Roger Ebert vergab null Sterne und bezeichnete den Film als jenseits jeder Skala. Viele Kritiker nannten ihn „den schlechtesten Film aller Zeiten“. Auch bei den Golden Raspberry Awards räumte Green fünf „Auszeichnungen“ ab – die er demonstrativ persönlich entgegennahm, inklusive schiefer Mundharmonika-Einlage. Der Hauptvorwurf: exzessiver „Gross-out“-Humor ohne Pointe. Ein Kind wird verletzt, ein Baby an der Nabelschnur geschleudert (in einer geschnittenen Fassung), ein Elefant missbraucht, Würde systematisch zerstört. Für viele war das kein Humor, sondern bloße Geschmacklosigkeit.
Doch gerade diese Radikalität führte später zu einer Neubewertung. Einige Kritiker sahen im Film eine Form von Anti-Komödie – eine bewusste Sabotage klassischer Hollywood-Erzählweisen. Der „Guardian“ sprach Jahre später von einem möglichen Meilenstein des Neo-Surrealismus. War Green ein inkompetenter Provokateur – oder ein Performance-Künstler, der das Studiosystem vorführt?
Mit einem Budget von 14 Millionen Dollar spielte der Film weltweit knapp 14,3 Millionen ein – also nominell ein Flop. Doch im Heimvideomarkt entwickelte er sich zum Erfolg: Über 24 Millionen Dollar DVD-Umsatz machten das Projekt letztlich profitabel. Green selbst behauptete später augenzwinkernd, viele Jugendliche hätten Tickets für andere Filme gekauft und seien heimlich in seine Vorstellung geschlichen. Die Produktion war von Anfang an grenzwertig. Die MPAA vergab zunächst ein NC-17-Rating, das Studio verlangte Kürzungen. Green schnitt Szenen um, fügte absurde ADR-Kommentare ein – sogar eine dreiminütige PG-Version existiert als Gag. Animationen steuerte das Studio Titmouse bei, das später durch Serien wie «Metalocalypse» bekannt wurde.
Für Tom Green bedeutete der Film zunächst einen Karriereknick im Mainstream-Kino. Zwar blieb er als Comedian aktiv, moderierte weiter und arbeitete im Internet-Formatbereich, doch Hollywood überließ ihm kein zweites Großprojekt dieser Größenordnung. Rip Torn hingegen blieb ein angesehener Charakterdarsteller bis zu seinem Tod 2019. Marisa Coughlan zog sich weitgehend aus dem Rampenlicht zurück. Interessanterweise wuchs der Kultstatus des Films mit den Jahren. Gerade jüngere Zuschauer entdecken ihn als radikale Dekonstruktion der Vater-Sohn-Komödie. In Zeiten ironischer Meta-Kommentare wirkt «Freddy Got Fingered» fast visionär: ein Film, der sich weigert, gefallen zu wollen.
«Freddy Got Fingered »ist eine Zumutung. Er ist geschmacklos, laut, chaotisch und oft schlicht anstrengend. Aber er ist auch kompromisslos. Während viele Komödien ihrer Zeit auf kalkulierte Gags setzten, wirkte Greens Werk wie ein wütender Mittelfinger Richtung Industrie. Ob man ihn für einen der schlechtesten Filme aller Zeiten hält oder für ein subversives Meisterwerk, hängt stark vom Humorverständnis ab. Sicher ist nur: Gleichgültig lässt er niemanden zurück.