Maria Wördemann über «Mordufer»: ‚Chiara wächst in ihre Rolle hinein‘
Schauspielerin Wördemann spricht über die besondere Dynamik zwischen zwei Kommissarinnen, weibliche Arbeitsrealitäten im Polizeiberuf und darüber, wie ihre Figur Chiara Locatelli am Bodensee Schritt für Schritt zur Chefin wird.
Hallo Frau Wördemann, lassen Sie uns über «Mordufer» sprechen! Chiara Locatelli ist jung, ehrgeizig und bereits Chefin, während Doro Beitinger nach Jahren der Care-Arbeit zurückkehrt. Was hat Sie an dieser umgekehrten Machtkonstellation zwischen zwei Frauen besonders gereizt?
Die Machtkonstellation hat für mich tatsächlich eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Natürlich ist es für Chiara herausfordernd, mit geringerer Lebenserfahrung eine Position mit so viel Verantwortung zu übernehmen und dabei für ihre Werte einzustehen – etwas, das ihr im Laufe der Folgen immer besser gelingt. Reizvoll fand ich vor allem die unterschiedlichen Temperamente und Energien der beiden Figuren und den Prozess, in dem sie lernen, sich aufeinander einzustellen und als Team zusammenzuwachsen. Interessant für die Konstellation ist auch Doros große Vertrautheit mit den Menschen und Besonderheiten der Region, in der Chiara sich erst noch zurechtfinden muss.
Ihre Figur steht karrieretechnisch deutlich weiter – ist aber trotzdem keine klassische Alphachefin. Wie haben Sie Chiara zwischen Durchsetzungsstärke und Lernbereitschaft angelegt?
Ich sehe Chiara als sehr fokussierten Menschen mit ausgeprägten Werten, die sie auch mit Vehemenz verteidigt. Gleichzeitig tut sie sich manchmal schwer damit, Verantwortung abzugeben und klare Ansagen zu machen. Ihre Neugier und Offenheit helfen ihr jedoch, sich zunehmend von anderen Denkweisen und Methoden inspirieren zu lassen.
«Mordufer» lebt stark vom Zusammenspiel zweier sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe. Was erzählt diese Konstellation über heutige Arbeitsrealitäten von Frauen – gerade im Polizeiberuf?
Ich glaube, dass diese beiden Lebensentwürfe in der heutigen Arbeitswelt von Frauen so oder so ähnlich sehr präsent sind – oft auch zu verschiedenen Zeiten im Leben. «Mordufer» zeigt, wie biografische Entscheidungen zu unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven führen, die aufeinandertreffen und ausgehandelt werden müssen. Gerade im Polizeiberuf kommen zusätzliche Herausforderungen hinzu, etwa unregelmäßige Arbeitszeiten, emotionale Belastung und reale Gefahren. Spannend finde ich, dass die Serie diese Unterschiede nicht gegeneinander ausspielt, sondern zeigt, wie viel die Figuren voneinander lernen und wie sie sich ergänzen können.
Die Serie hieß ursprünglich „Obersee“ und wurde nun umbenannt. Verändert der Titel «Mordufer» aus Ihrer Sicht die Wahrnehmung der Reihe – tonal oder thematisch?
„Obersee“ setzt in meiner Wahrnehmung stark den Fokus auf die lokale Verortung der Reihe - während «Mordufer» diesbezüglich weiter gefasst ist, dafür aber thematisch den Krimi mehr in den Blick rückt.
In der Auftaktfolge geht es um den Mord an einer Schönheitschirurgin. Wie bewusst setzt die Serie gesellschaftliche Reizthemen – etwa Körperbilder, Optimierungsdruck oder Machtverhältnisse – in den Fällen ein?
Die Serie greift immer wieder bewusst aktuelle Themen auf, wie zum Beispiel Optimierungsdruck, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Machtverhältnisse, häusliche Gewalt oder Misogynie. Sie sind zum einen Teil der jeweiligen Kriminalfälle und betreffen die Figuren aus dem unmittelbaren Umfeld der Taten. Zum anderen spiegeln sie sich auch im Leben der Kommissarinnen wider – sowohl privat als auch in ihrem Arbeitsalltag.
Chiara Locatelli bringt auch einen italienischen Familienhintergrund mit. Welche Rolle spielt Herkunft für Ihre Figur – eher biografischer Hintergrund oder aktiver Teil der Erzählung?
In den bisherigen Folgen ist Chiaras familiärer Hintergrund kein aktiver Teil der Handlung. Für mich hat in der Figurengestaltung ihre familiäre Prägung dahingehend eine Rolle gespielt, welche Eigenheiten, Werte und Verhaltensweisen sich daraus für Chiara ableiten.
Der Bodensee ist Schauplatz, zugleich aber Grenzregion mit Zoll, unterschiedlichen Rechtssystemen und Mentalitäten. Was macht dieses Setting dramaturgisch besonders reizvoll?
Die Region und das Dreiländereck bieten viele interessante Themen und Anknüpfungspunkte, auf die «Mordufer» Bezug nimmt – beispielsweise Drogenschmuggel oder die in der Region ansässige Waffenindustrie. Auch die Schauplätze der Fälle sind stark regional verankert, zum Beispiel ein Weingut oder eine Schnapsbrennerei.
Mit Franziska Weisz haben Sie eine starke Spielpartnerin. Wie hat sich das Zusammenspiel zwischen Ihnen entwickelt – eher konfrontativ oder von Anfang an partnerschaftlich?
Unser Zusammenspiel war von Anfang an kollegial und konstruktiv. Ich habe die Arbeit mit Franziska als sehr inspirierend erlebt. Gerade dadurch wurde es besonders reizvoll, die Startschwierigkeiten und anfänglichen Konfrontationen der beiden Figuren auszuloten.
«Mordufer» startet auf dem klassischen ZDF-Freitagskrimi-Slot. Spüren Sie beim Drehen den Anspruch, Bewährtes zu liefern – oder eher den Wunsch, das Genre weiterzuentwickeln?
Sowohl als auch. Ich habe als Kind bei meinen Großeltern oft «Der Kommissar» geschaut – natürlich auf Video oder DVD – und finde den Gedanken schön, Teil dieser Krimitradition zu sein. Gleichzeitig versuchen wir, das Genre weiterzuentwickeln, was sich für mich schon in der Konstellation unserer beiden Kommissarinnen zeigt.
Wenn man Chiara Locatelli über die vier Folgen hinweg beobachtet: Was lernt sie von Doro Beitinger – und was vielleicht auch über sich selbst?
Chiara kommt im Laufe der vier Folgen mehr und mehr am Bodensee an – und auch in ihrer Rolle als Chefin, in die sie hineinwächst. Sie lernt, Verantwortung zu übernehmen, ohne zu sehr an den eigenen Vorstellungen festzuhalten. Doro inspiriert sie dazu, andere Blickwinkel und Denkweisen zuzulassen und, wenn es nötig ist, auch mal nicht zu pedantisch oder übergenau zu sein. Ihre große Fokussiertheit, die manchmal den Blick verengen kann, entwickelt sich so nach und nach zu einer echten Stärke.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das ZDF startet «Mordufer» am Freitag, den 6. März, um 20.15 Uhr.