'Es ist kein Entweder-Oder': Karsten Günther über Streaming-Ambitionen und Heimatkrimi im ZDF

Produzent Günther spricht über die Teaser-Premiere von «Drive – The Pretenders», die erste Zusammenarbeit von Prime Video mit Bavaria Fiction – und darüber, warum ein regional verankerter ZDF-Krimi und ein global gedachter Racing-Film heute selbstverständlich nebeneinander existieren können.

Sie arbeiten parallel für sehr unterschiedliche Plattformen – öffentlich-rechtlich wie privatwirtschaftlich. Unterscheidet sich Ihr Produzentenblick auf Stoffe für ZDF und für Prime Video grundlegend?
Im konkreten Fall von «Drive – The Pretenders»: ja – da hat sich der Blick unterschieden. Als ich vor knapp vier Jahren meine Vision für die Adaption formuliert habe, war klar: Wir betreten eine hochambitionierte Racing-Welt, die emotional und visuell „premium“ ist, und damit eben auch eine Budget- und Umsetzungsklasse erfordert, in der ich als Spielfilm nur wenige Versuche frei habe. Entweder ich überzeuge einen Streamer – oder Kino wäre die nächste logische Finanzierungsroute gewesen.

Grundsätzlich ist mein Produzentenblick aber nicht fundamental anders, weil sich die entscheidende Trennlinie angesichts heutiger Mediennutzung und des Kampfs um Aufmerksamkeit längst verschoben hat. Ich denke Entwicklungen als Produzent zuerst von der Zielgruppe her: Da konkurriert nicht primär „öffentlich-rechtlicher Sender gegen Streamer“. Es geht um einen Platz im hart umkämpften Relevant Set. Und in dieser Mission gibt es aus meiner Perspektive keinen grundsätzlichen Unterschied. Zielgruppe und die Ziel-KPIs der Auftraggeber sind der kreative Kompass. Genau deshalb arbeiten die Öffentlich-Rechtlichen heute ja auch viel früher und enger interdisziplinär mit Audience- und Mediatheken-Teams. Das begrüße ich sehr.

«Drive – The Pretenders» basiert auf einer Wattpad-Erfolgsnovelle und richtet sich klar an ein jüngeres Publikum. Was reizt Sie an Stoffen, die aus digitalen Erzählwelten stammen?
Mich reizen Stoffe aus digitalen Erzählwelten, weil sie gerade bei jüngeren Zielgruppen dort entstehen, wo Aufmerksamkeit heute gewonnen wird. In Communities, Fandoms und sozialen Netzwerken. Vor meiner Zeit bei der Bavaria habe ich über verschiedene Stationen hinweg crossmedial gearbeitet und war immer mit der Frage konfrontiert, wie man starke Geschichten nicht nur erzählt, sondern aus dem Storytelling heraus früh in Kampagnenlogiken übersetzt. Genau das reizt mich am Geschichtenerzählen bis heute. Das Spannende an Stoffen mit digitaler Genese ist dabei: Sie bringen oft einen klaren Zielgruppen-Code mit – also getestete Emotionen, Figuren, Hooks – und nicht selten einen organischen Proof of Concept. Das ersetzt keine Kreativität, aber es macht Entwicklung präziser und mutiger, weil man schneller erkennt, was wirklich trägt. Die Geschichte bleibt der Kern, aber ich muss früh KPI-fähig beantworten können: Warum dieses Projekt? Für wen? In welcher Auswertungslogik? Und vor allem: Wie erzeugen wir Talkability, Wiedererkennung und am Ende Reichweite über lineare wie non-lineare Plattformen hinweg? Gerade dort, wo Marketingbudgets begrenzt sind, muss ein Projekt diese Kraft noch stärker aus sich selbst heraus mitbringen.

Während «Der Garmisch-Krimi» stark im Regionalen verankert ist, erzählt «Drive» eine internationale, glamouröse Geschichte. Wie wichtig ist diese Bandbreite für Sie persönlich als Produzent?
Zu beiden Projekten habe ich einen sehr persönlichen Bezug und ohne den geht es nicht, wenn man Projekte aufstellt, für die es immer einen langen Atem braucht. Bei «Der Garmisch-Krimi» sind es die Berge: Als Wahl-Münchner mit rheinischen Wurzeln liebe ich es, dort Zeit zu verbringen. Umso schöner war es, diese Geschichte mit einem Team vor und hinter der Kamera zu erzählen, das tatsächlich von dort kommt, wo wir erzählen. Das war immer unser Anspruch: Authentizität nicht behaupten, sondern leben.

«Drive» hat mich auf einer anderen Ebene gepackt, weil hier zwei Dinge zusammenkommen, die mich treiben: Im Kern erzählen wir eine junge, große Liebesgeschichte, aber eben im Gewand einer Heldenreise im Rennsport. Diese Mischung aus emotionalem Sog und Production Value fand ich extrem reizvoll. Und es war ganz bewusst mein Ziel, für Bavaria den ersten jungen Streaming-Film in dieser Größenordnung aufzustellen. Dazu kommt die internationale Dimension: Es ist ein deutsches Projekt, aber der Release ist global, weshalb wir neben den deutschen sehr früh auch mit den Teams aus unterschiedlichen Märkten zu tun hatten. Dieses internationale Arbeiten macht mir extrem Spaß. Kurz: Ich brauche diese Bandbreite einerseits erzählerisch, weil mich unterschiedliche Welten ehrlich interessieren – und andererseits, weil ich es persönlich liebe, mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten.

Blicken Sie auf beide Projekte: Was sagt diese Gleichzeitigkeit über den aktuellen deutschen Markt aus – und darüber, welche Geschichten heute überhaupt noch entstehen können?
Es ist kein Entweder-Oder, sondern ein hybrides System mit unterschiedlichen „Job Descriptions“ für Inhalte. Was heißt das für „welche Geschichten überhaupt noch entstehen können“? Es entsteht zunehmend das, was gleichzeitig kreativ stark und strategisch anschlussfähig ist: Stoffe mit klarem Zielgruppenversprechen, hohem Wiedererkennungswert und einer Distributionslogik, die schon in der Entwicklung mitgedacht wird. Ich finde, diese Marktlogik beschneidet nicht zwangsläufig Vielfalt. Sie belohnt Projekte, die mutig genug sind, ein klares Profil zu haben. Und genau deshalb können ein Heimatkrimi im linearen ZDF und ein junger, global gedachter Streaming-Film im selben Moment nebeneinanderstehen: Weil sie unterschiedliche Nutzungsmodi bedienen und beide sehr präzise ihren Platz finden können.

Der neue «Garmisch-Krimi» „Wolfsmord“ startet mit einem extrem starken Bild – einem abgetrennten Wolfskopf als Morddrohung. Wie wichtig ist Ihnen bei einem neuen Krimi-Format ein provokanter Einstieg, der sofort Haltung und Thema setzt?
Dieses Bild für unseren Einstieg ist tatsächlich schon im ersten Brainstorming zum Exposé entstanden, weil uns sofort klar war: Es ist nicht nur der notwendige Hook, mit dem wir die Zuschauer binden, sondern setzt den Konfliktkern. Nämlich eine Frage, die in der Region real und emotional aufgeladen ist: Stehen Natur- und Tierwohl über menschlichen – und damit auch wirtschaftlichen – Interessen? Genau diese Reibung wollten wir von der ersten Sekunde an spürbar machen.

Der Film greift den hoch emotionalen Konflikt zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Politik auf. Wie schwierig ist es, ein so aufgeladenes Thema zu erzählen, ohne in platte Lagerlogik zu verfallen?
Unser Vorteil war, dass unsere Autoren vor Ort leben und die Debatte nicht aus der Distanz, sondern aus einer unmittelbaren, geerdeten Perspektive erzählen konnten. Wichtig war uns keine Schwarz-Weiß-Zeichnung und keine Belehrung. Dafür möchte ich auch beiden Sendern danken, weil sie sich diesen Ansatz gewünscht und konsequent unterstützt haben. In der aktuellen gesellschaftlichen Verfasstheit und Debattenkultur wäre ein moralisierender Zeigefinger aus meiner Sicht der falsche Ton. Wir wollten stattdessen zeigen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln und den Konflikt ernst nehmen, ohne ihn zu vereinfachen.

Mit Daphne Meindl und Ira Zach stehen zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren im Zentrum. War es ein bewusstes Ziel, den Generationen- und Haltungsunterschied auch innerhalb der Polizei zu spiegeln?
Ja, absolut und zwar ganz bewusst. Uns ging es darum, den Konflikt nicht nur „da draußen“ zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Politik zu erzählen, sondern im Inneren der Institution zu spiegeln: Polizei heißt eben auch Korpsgeist, Routinen, Loyalitäten. Daphne und Ira positionieren sich demgegenüber sehr unterschiedlich: Generation, Blick auf den Job, Umgang mit Druck und auch die Frage, wie man in einer aufgeladenen Lage souverän bleibt.

Dass Ira Zach nicht mehr im Dienst ist, sondern im Baumarkt arbeitet, ist ein ungewöhnlicher Kniff. Was erzählt dieser Bruch über institutionelle Reibungen – und über das System Polizei selbst?
In erster Linie macht es Ira als Figur interessant, weil sie aus einer Position kommt, die näher am Alltag der Leute ist, ohne Uniform. Dadurch sieht sie die Dinge anders, direkter, manchmal schmerzhafter ehrlich. Manchmal wird ihr dieser Außenblick gegenüber dem System Polizei zum Vorteil, weil sie freier denken und handeln kann. Manchmal überschreitet sie aber auch Grenzen. Auch über Ira darf und soll man sich streiten, genauso wie über die Positionierung im Wolfsthema selbst.

Der „Samstagskrimi“ im ZDF gilt als besonders publikumsnahes Genre. Wie viel gesellschaftliche Zuspitzung verträgt dieser Sendeplatz aus Ihrer Sicht heute?
Ich glaube: mehr als früher, wenn die Zuspitzung aus der Geschichte kommt und nicht wie ein Kommentar wirkt. Der Samstagskrimi ist publikumsnah und Lebensrealität ist heute nun mal zugespitzter, widersprüchlicher, emotionaler. „Wolfsmord“ tanzt mit der Kombination aus Krimi und gesellschaftlicher Relevanz aber tatsächlich etwas aus der Reihe.

In „Wolfsmord“ rückt die eigene Familie der Ermittlerin ins Zentrum der Eskalation. Warum ist das Private als Konfliktmotor im Krimi derzeit so wirkmächtig?
Weil das Private sofort Fallhöhe schafft. Ein Krimi ist meiner Meinung nach am stärksten, wenn es nicht nur um „Wer war’s?“ geht, sondern um „Was kostet es mich?“. Und nichts ist existenzieller als Familie, Loyalität und Herkunft. Gerade heute ist das so wirkmächtig, weil viele Menschen erleben, wie große Konflikte bis an den Küchentisch reichen. Wenn der Fall ins Private kippt, wird aus Ermittlungsarbeit eine Zumutung. Entscheidungen sind nicht mehr sauber und Schuld ist nicht eindeutig.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Der Garmisch-Krimi» ist am Samstag, 28. Februar, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.
27.02.2026 12:04 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/169320