Die Kritiker: «Tatort - Schmerz»

Im neuen Dortmunder «Tatort» klopft eine düstere Vergangenheit aus Jugoslawien an die Tür: Und eine muss das Team endgültig verlassen.

Stab

Darsteller: Jörg Hartmann, Stefanie Reinsperger, Alessija Lause, Stefan Konarske, Malick Bauer, Moritz Führmann
Musik: Warner Poland und Wolfgang Glum
Kamera: Andreas Köhler
Drehbuch: Jürgen Werner
Regie: Torsten C. Fischer
Es gibt diese Momente im Dortmunder «Tatort», in denen man spürt, wie sehr sich die Reihe vom ritualisierten Sonntagabend-Krimi emanzipiert hat. «Schmerz» ist so ein Moment. Der Film greift tief hinein in die Wunden der Jugoslawienkriege und verknüpft sie mit dem Hier und Jetzt des Dortmunder Rotlichtmilieus – und er tut das mit einer Ernsthaftigkeit, die man respektieren muss, selbst wenn nicht alles gelingt.

Mehrere Morde führen Peter Faber (Jörg Hartmann), Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) und Ira Klasnic (Alessija Lause) auf eine Spur, die zunächst nach Unterweltfehde riecht. Eine verstörte junge Bosnierin, aufgegriffen in einem Bordell, wird zur zentralen Zeugin. Und dann kippt der Fall: Einer der Toten lebte unter falschem Namen, war verurteilter Kriegsverbrecher, untergetaucht in Deutschland. Plötzlich weitet sich der Blick. Es geht nicht mehr nur um Milieugewalt, sondern um verdrängte Geschichte, um Schuld, um die Frage, ob Verbrechen je wirklich verjähren – moralisch zumindest.

Regisseur Torsten C. Fischer inszeniert das alles mit einer kühlen, beinahe spröden Konsequenz. Die Kamera von Andreas Köhler bleibt dicht an den Gesichtern, sucht weniger das Spektakel als die Erschütterung im Detail. Viel Neonlicht, viel Nacht, viel Beton. Dortmund wirkt nicht wie eine Kulisse, sondern wie ein Zustand. Die Musik unterstreicht diese Stimmung zurückhaltend; sie drängt sich selten auf, was in einem Film, der ohnehin schwer genug wiegt, eine kluge Entscheidung ist.

Im Zentrum steht wie so oft Faber, dieser sperrige, verletzliche Einzelgänger. Hartmann spielt ihn mit jener Mischung aus Zorn und Müdigkeit, die zur Signatur geworden ist. Faber ist hier weniger exzentrischer Querkopf als moralisch Getriebener.

Doch «Schmerz» ist auch ein Abschied: Für Stefanie Reinsperger ist es der letzte Auftritt als Rosa Herzog. Ihre Figur war nie die Lauteste, nie die Schrillste, aber stets eine, die Haltung zeigte. Reinsperger spielt diesen Abschied ohne Pathos, beinahe beiläufig – was ihn umso wirkungsvoller macht. In kleinen Blicken, in einem Zögern, in einem kaum merklichen Innehalten liegt mehr als in mancher großen Abschiedsgeste. Dass der Film ihr dennoch keinen wirklich eigenständigen dramaturgischen Bogen gönnt, ist eine der Schwächen. Herzog bleibt wichtig, aber nicht zentral. Für eine Figur, die das Dortmunder Team derart geprägt hat, hätte man sich mehr gewünscht.

Das Drehbuch von Jürgen Werner gestaltet sich nichtsdestoweniger ambitioniert. Es verknüpft individuelle Schuld mit kollektiver Erinnerung, persönliche Rache mit politischer Verantwortung. Dabei gerät der Film allerdings streckenweise in Gefahr, zu viel zu wollen. Die politische Dimension – Kriegsverbrechen, Exil, Traumata – wird angerissen, aber nicht immer in der Tiefe ausgelotet, die das Thema verlangt. Manches wirkt eher behauptet als wirklich durchdrungen. Gerade die Figur des untergetauchten Kriegsverbrechers bleibt seltsam schemenhaft; seine Biografie wird zum Plotinstrument, weniger zur psychologischen Studie.

Auch das Rotlichtmilieu, in dem die Ermittlungen beginnen, bleibt eher Kulisse als soziale Realität. Die Konflikte dort werden angerissen, aber rasch zugunsten der größeren politischen Erzählung verlassen. Das ist dramaturgisch nachvollziehbar, hinterlässt aber das Gefühl einer gewissen Unwucht. «Schmerz» will viel – vielleicht ein wenig zu viel für 90 Minuten.

Und doch: Das hier ist ein Film, der nachhallt. Nicht, weil er alle Fragen beantwortet, sondern weil er sie stellt. Wie lebt man mit Schuld? Was passiert, wenn die Vergangenheit plötzlich vor der eigenen Haustür steht? Der Film gibt darauf keine einfachen Antworten. Er vertraut darauf, dass das Publikum die Leerstelle aushält. Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck – im besten Sinne. «Schmerz» ist kein gefälliger Krimi, kein Wohlfühl-«Tatort», sondern sperrig, manchmal überfrachtet, gelegentlich etwas didaktisch. Aber eben auch ernsthaft, engagiert und getragen von starken Darstellerinnen und Darstellern.

Der Film «Tatort – Schmerz» wird am Sonntag, den 22. Februar um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
21.02.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/169205