‚Helden – aber eben auch Menschen‘: Paul Zichner über Zweifel und Teamkonflikte
In der zweiten Staffel von «Die Notärztin» rücken interne Konflikte, persönliche Belastungen und strukturelle Probleme im Rettungsdienst stärker in den Fokus. Paul Zichner spricht über mehr Verantwortung für seine Figur, moralische Grenzsituationen – und warum echte Helfer im Fernsehen nicht heroisiert, sondern menschlich gezeigt werden sollten.
Die zweite Staffel von «Die Notärztin» rückt das Team stärker in den Mittelpunkt. Wie verändert sich dadurch die Dynamik lhrer Figur innerhallb der Wache?
Paul sucht nach wie vor seinen Platz, sowohl im Team als auch irgendwie im Leben. Da die Arbeit im Team verschiedene Herausforderungen und auch Konflikte mit sich bringen kann, wird ein Mitarbeitervertreter gewählt. Dass das ausgerechnet ihn trifft ist für Paul etwas überfordernd. Außerdem verschärft sich die Situation mit seiner Tochter, was ihn mehr und mehr aus der Bahn wirft.
Die neuen Folgen zeigen deutlich mehr interne Konflikte, Machtfragen und Reibungen im System Rettungsdienst. Was hat Sie an dieser Verschiebung vom klassischen ,Einsatz-Drama" hin zum Ensemble-Drama besonders gereizt?
Ich finde es wichtig - und ich denke, dass ist auch das Anliegen unserer Serie - dass die Menschen hinter den Einsätzen sichtbar werden, dass klar wird, dass sie wie jeder und jede andere von uns im Leben Dinge mit sich tragen, die sie fernab vom Beruf beschäftigen, umtreiben, mit denen sie zu kämpfen und an denen sie auch zu leiden haben. Die Figuren werden dadurch dreidimensionaler, greifbarer, tiefer und dadurch auch reizvoller zum Spielen.
In mehreren Episoden geraten Entscheidungen unter extremen Zeitdruck moralisch ins Wanken. Wie sehr fordert Sie das Spielen einer Figur, die ständig zwischen Vorschrift und Menschlichkeit steht?
Es fordert mich schon, aber Figuren zu spielen, die sich in extremen Situationen befinden gehört gleichzeitig auch zu den schönen und spannenden Seiten meines Berufs. Ich bin ja auch Schauspieler geworden, um Dingen zu begegnen, die sehr weit weg von meinem eigenen Erleben sind. Es ist ein kostbares Privileg, mich mit immer neuen Situationen beschäftigen zu dürfen und es macht mir Spaß, herausgefordert zu werden.
Die Serie legt großen Wert auf Authentizität in den Rettungsszenen. Wie intensiv war die Vorbereitung auf die medizinischen Ablaufe -und gab es Momente, die selbst Sie emotional überrascht haben?
Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir jederzeit professionelle Begleitung und Beratung am Set hatten, um die Abläufe möglichst realitätsnah spielen zu können. Uns stand da in jedem Moment Jörg Homeyer mit seinem Fachwissen und all seinen Erfahrungen zur Seite. Emotional überraschend die medizinischen Abläufe betreffend war höchstens, dass jede emotionale Aufladung der Professionalität im Wege steht und eigentlich nicht an den Einsatzort gehört. Dafür gibts Nachbesprechungen.
Ihre Figur erlebt in Staffel zwei mehr Verantwortung, aber auch mehr Zweifel. Was sagt das über die Belastung aus, unter der Menschen im Rettungsdienst dauerhaft stehen?
Wer so viel Verantwortung trägt, dafür wenig Anerkennung erhält und innerhalb des Systems zu oft gegen Windmühlen kämpft, in dem wachsen früher oder später nachvollziehbar Zweifel und die Frage danach, wofür man das eigentlich macht, wird größer; gerade wenn man schon wieder und zum wiederholten Mal seine Tochter nicht wie versprochen vom Kindergarten abholen kann.
Besonders spannend ist, dass der ,Case of the Week‘ oft innerhalb des Teams stattfindet. Wie verändert das lhre Herangehensweise als Schauspieler im Vergleich zur ersten Staffel?
Ich fokussiere mich mehr auf Pauls private Haltungen und Gedanken zu dem, was innerhalb des Teams vor sich geht. Es geht mehr darum, wie er zu seinen jeweiligen Kollegen und Kolleginnen steht, was sie ihm bedeuten, wo sie ihn nerven, wann er sie beneidet, wo sie ihm fehlen. Das ist sicher eine spannende Ergänzung zu dem Einsatz-Paul.
Themen wie Überforderung, Loyalität, strukturelle Mängel und fehlende Wertschätzung ziehen sich durch die neuen Folgen. Haben Sie beim Dreh Parallelen zur realen Arbeitswelt gesehen?
Sicher, diese Themen gibt es denke ich in allen Berufsgruppen.
Die Serie zeigt nicht nur spektakuläre Einsätze, sondern auch stille, persönliche Momente. Welche dieser leisen Szenen ist Ihnen besonders nahegegangen - und warum?
Für mich war Billys Rede auf Pios Beerdigung etwas, was mich sehr berührt hat, ein Moment, der mir bis heute in Herz und Kopf geblieben ist. Generell ist Billys Kampf mit der Erkrankung ihrer Mutter, ihre Überforderung, gleichzeitig ihre Sturheit und Willenskraft und wie sie permanent über ihre eigenen Grenzen geht etwas, was mich sehr beeindruckt und zum Nachdenken bewegt hat. Denn es berührt ja nicht nur die Frage, wie weit Menschen im Rettungsdienst gehen, sondern wieviel jeder und jede einzelne von uns zur Selbstaufgabe bereit ist und wofür und ob sich das dann am Ende lohnt.
«Die Notärztin» erzählt von Menschen, die helfen, obwohl sie selbst an Grenzen stoßen. Wie wichtig ist es lhnen, dass solche Figuren im deutschen Fernsehen differenziert und nicht heroisiert gezeigt werden?
Sehr wichtig. Klar sind das irgendwo Helden, aber eben auch Menschen. Wenn man sie erhöht kann man sie auch angenehmerweise besser von sich weghalten. Sie müssen aber unbedingt an uns herangeholt und nachvollziehbar sein, vielschichtig, tief und ambivalent und es darf auch gern mal weh tun.
Nach 13 neuen Folgen: Was wünschen Sie sich, dass das Publikum über Ihren Charakter - und über die Arbeit im Rettungsdienst insgesamt - neu versteht oder anders wahrnimmt?>
Im besten Falle ja.
Danke für Ihre Zeit!
«Die Notärztin» ist ab Dienstag, 24. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Die ersten sechs Folgen sind seit 17. Februar in der ARD Mediathek abrufbar.