Alessija Lause: ‚Es ist eben nur eine Fassade‘

Im neuen Dortmunder «Tatort» „Schmerz“ wird Kommissarin Ira Klasnić mit den Traumata der Jugoslawienkriege und ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Schauspielerin Alessija Lause spricht über historische Verantwortung, brüchige Stärke – und darüber, warum Mitgefühl wichtiger ist als Vorverurteilung.

Der «Tatort» mit dem Titel „Schmerz“ führt tief in die Nachwirkungen der Jugoslawienkriege. Wie haben Sie sich dieser historischen und emotional hochbelasteten Thematik als Schauspielerin genähert?
Das Kriegsthema ging mir schon immer nah, und ich wusste, familiär bedingt, schon vieles zu der Zeit. Zudem habe ich Bücher über die Kriegsverbrechen gelesen, wie z.B. „Keiner war dabei“ oder „Als gäbe es mich nicht“ von Slavenka Drakulić. Ich habe mir wiederholt etliche Dokumentationen und Interviews von Zeitzeug*Innen angesehen. Einfach nur herzzerreißend.

Ihre Figur Ira Klasnić wird in diesem Fall erstmals sehr direkt mit ihrer eigenen Herkunft und verdrängten Erinnerungen konfrontiert. Was macht diesen «Tatort» für Sie zu einem Wendepunkt der Figur?
Uns war es ein Anliegen, den Backround der Figur zu erzählen, damit das Publikum die Motivation ihres Handels besser verstehen kann - wieso sie so ist wie sie ist.

Ira ist sonst die kontrollierte Leiterin der Mordkommission. Wie schwer war es, diese professionelle Fassade bewusst brüchig werden zu lassen?
Überhaupt nicht schwer. Es ist eben nur eine Fassade. In ihr sieht es alles andere als kontrolliert und geordnet aus. Vor Faber ehrlich zu sein, hat sie jedoch schon etwas Überwindung gekostet, da ihr der Kollege ja nicht unbedingt wohl gesonnen ist. Sie ist sich durchaus im Klaren darüber, dass es gut sein kann, dass sie sich dadurch angreifbar macht, und er ihre Offenheit gegen sie verwenden könnte. Sie sieht aber keinen anderen Weg, als offen zu sein und um aufrichtige Kollegialität zu bitten, da es um etwas viel Größeres geht, als um Ira selbst.

Der Film verhandelt Kriegsverbrechen, Schuld und Rache – Themen, die selten im klassischen Sonntagskrimi auftauchen. Was leistet der «Tatort» hier, was andere Formate vielleicht nicht können?
Das kann ich Ihnen schwer beantworten. Ich hoffe, es ist uns gelungen, diesem wichtigen und ernsten Thema gerecht zu werden. Reichweite ist aber sicherlich immer wichtig, wenn es um Bewusstmachung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht. Der «Tatort» wird Gottseidank von vielen gesehen.

Besonders stark ist die Figur der jungen bosnischen Zeugin, die im Rotlichtmilieu aufgegriffen wird. Wie wichtig war es Ihnen, dass ihre Perspektive nicht nur als Ermittlungsinstrument, sondern als menschliches Schicksal erzählt wird?
Marias Einsamkeit und tiefe Traurigkeit berühren Ira. Sie erkennt sich in der jungen Frau ein Stück weit wieder und will sie in diesem Moment einfach schützen, sie auffangen, so gut es eben in dieser seltsamen Situation geht. Mir persönlich ist es sehr wichtig, dass Marias menschliche Perspektive erzählt wird. Denn das ist sie doch in erster Linie: Ein Mensch - mit Gefühlen, Wünschen und Nöten und keine bloße Funktion als Opfer, Überlebende, Zeugin…. Mich interessieren immer die Menschen. Maria wird übrigens von der tollen Kollegin Lorena Jurić gespielt.

Mit Lorik Duka taucht eine Figur auf, die alte Loyalitäten und familiäre Verbindungen verkörpert. Wie verändert diese Begegnung Iras Blick auf Recht, Gerechtigkeit und Zugehörigkeit?
Ira ist unendlich enttäuscht von ihrem besten Freund und Warbuddy Lorik (gespielt von dem wunderbare Kasem Hoxa), dass er sich wieder in die kriminellen Machenschaften seiner Familie verstricken lässt, obwohl er sich ein autarkes Leben abseits von seiner Familie aufgebaut hatte. Die zwei haben etliche Nächte damit verbracht, die Dynamik der Familie und Loriks Aufgabe darin aufzudröseln, damit er sich lösen kann. Und dennoch zieht es ihn in die Verantwortlichkeit gegenüber der Familie, statt sich selbst gegenüber. Ich würde sowas als "transgenerationale Dynamik" bezeichnen. Wenn die Bande nicht gelöst werden, geht es um Generationen weiter. Und der Schmerz wiederholt sich, bis jemand die Stärke hat, die alten Muster zu lösen. Tja, Recht und Gerechtigkeit sind so eine Sache. Ira ist es jedoch ein großes Anliegen, dass die Kriegsverbrecher vor Augen der gesamten Welt vor Gericht verurteilt und schuldig gesprochen werden, sie sich dieser Schuld und Schande nicht entziehen können, und ihre Strafe verbüßen. Das hat viel größeren Impact, vor Allem für die Opfer, anstatt ein Täter klammheimlich aus dem Verkehr gezogen wird und nicht für seine Taten büßen muss.

Der Dortmunder «Tatort» ist bekannt für seine politische Schärfe. Spüren Sie bei solchen Filmen eine besondere Verantwortung gegenüber Publikum und Thema?
Unbedingt. Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Menschen, die selbst von dem Krieg betroffen waren, sich richtig dargestellt fühlen und wir in keiner Weise die Gefühle und die Würde der Betroffenen verletzen. Im Gegenteil, wir wollen ihr Schicksal honorieren und ihnen eine Stimme und Aufmerksamkeit geben.

Für das Team bedeutet der Fall eine Konfrontation mit verdrängter Schuld – nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich. Glauben Sie, dass deutsche Fernsehkrimis zu wenig über die Langzeitfolgen von Kriegen erzählen?
Ich glaube, dass grundsätzlich nicht genug über die Langzeitfolgen von Kriegen bzw. von Forschungsarbeiten darüber berichtet wird. Wenn man das Thema gut erzählt, wieso nicht? Mir fällt gerade ein, dass ich mir vorbereitend auf die Rolle die wahnsinnig gute schwedisch-französische Miniserie „Ein halbes Jahr wie ein ganzes Leben“ angesehen habe, die auf den Aufzeichnungen des schwedischen UN-Soldaten Magnus Engström basiert. Ich war tief beeindruckt von der Authentizität und der vielschichtigen Erzählweise, die Einblicke ins Seelenleben einer jeden Figur. Solche Produktionen haben meiner Meinung nach immer eine Berechtigung, gemacht und gesehen zu werden.

„Schmerz“ ist zugleich der letzte Fall von Rosa Herzog. Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt, wissend, dass hier auch ein Kapitel der Reihe zu Ende geht?
Da die Handlungsstränge parallel verliefen, sind wir uns während der Dreharbeiten tatsächlich weniger begegnet, als man vielleicht vermuten würde. Umso größer ist mein Respekt vor der Entscheidung einer geschätzten Kollegin, nach vielen starken Filmen einen neuen Weg einzuschlagen. Das verdient Anerkennung – und ich wünsche ihr von Herzen Neugier, Freiheit und viele inspirierende Projekte in diesem nächsten Kapitel. Dass viele Fans darüber traurig sind, kann ich gut verstehen. Gleichzeitig gehört Veränderung zu jeder langen Reise: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich meist eine andere – und genau darin liegt auch eine große Chance.

Nach diesem intensiven Film gefragt: Was wünschen Sie sich, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer über Ira Klasnić – aber auch über den Umgang mit Kriegstraumata in unserer Gesellschaft – neu verstehen?
Ich wünsche mir weniger Vorverurteilung. Mehr Mitgefühl und größeres Interesse aneinander, wieso eine Person so ist wie sie ist, und damit einhergehend auch mehr Verständnis und Toleranz. Nicht nur für Ira, sondern generell in unserer Gesellschaft, von Mensch zu Mensch.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Der «Tatort» mit dem Titel „Schmerz“ ist am Sonntag, 22. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
19.02.2026 12:51 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/169111