'Kein Zurück mehr' – Arend Remmers treibt «Oderbruch» ins Herz der Finsternis

Autor Arend Remmers spricht über Erwartungsdruck, neue Mythologien und warum ihn hinter allem Übernatürlichen vor allem eines interessiert: das Familiendrama im Kern.

Nach dem Überraschungserfolg der ersten Staffel wagt «Oderbruch» den nächsten radikalen Schritt: aus dem Mystery-Thriller wird eine vollblütige Vampirserie – als europäischer Road-Movie zwischen Oderbruch, Norwegen und der spanischen Wüste.

Staffel 1 von «Oderbruch» war ein Überraschungserfolg in der ARD-Mediathek. Welcher Druck entstand dadurch beim Schreiben von Staffel 2 – und wie haben Sie ihn ausgeblendet?
Natürlich geht mit einem solchen Erfolg ein gewisser Erwartungsdruck einher. Ehrlich gesagt fiel es uns Kreativen aber leicht, ihn auszublenden und uns ganz auf die Geschichte zu konzentrieren. Adolfo, Christian und ich ticken da sehr ähnlich. Aus Erfahrung wissen wir, dass man Druck respektieren und gewisse Erwartungen erfüllen sollte – aber man darf sie nicht das Steuer übernehmen lassen. Hinzu kommt, dass unsere Partner bei der Degeto, der ARD Mediathek und dem SWR ziemlich entspannt sind und sich auch in so einer Situation nicht aus der Ruhe bringen lassen. Unser gemeinsames Ziel war es, wie schon in Staffel 1, die bestmögliche Geschichte zu erzählen. Den Erfolg habe ich eher als Motivation und Bestätigung empfunden – als Ansporn, erneut mutig zu sein.

Sie sprechen davon, dass sich die Serie „organisch weiterentwickeln“ sollte. Wann war für Sie klar: Wir wagen den Schritt in eine vollblütige Vampirserie?
Das war von Anfang an Teil des Konzepts. Spätestens ab der Mitte beziehungsweise dem Ende der ersten Staffel ist klar, in welchem Genre wir uns bewegen. Ebenso stand früh fest, dass es in der nächsten Staffel kein Zurück geben würde – also keinen erneuten Genre-Twist. Damit war auch klar, dass wir uns weder wiederholen können noch wollen. Die erste Staffel steht als auslösendes Ereignis gewissermaßen für sich, die Fortsetzung geht neue Wege – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit jeder Staffel möchten wir die Welt erweitern und neue Schauplätze sowie Figuren erschließen, ohne dabei die DNA der Serie aus den Augen zu verlieren. Und natürlich gibt es wieder ein Mysterium – nur eben ein ganz anderes als in Staffel 1.

Die zweite Staffel spielt an vielen neuen Schauplätzen, von Norwegen bis Spanien. Wie früh stand fest, dass «Oderbruch» ein europäischer Road-Movie-Thriller werden muss?
Das ergab sich organisch aus der Handlung und war im Grunde immer so vorgesehen. Maggie und Kai sind nach Staffel 1 auf der Flucht – vor dem Gesetz und vor anderen Vampiren. Sie können also nicht im Oderbruch bleiben. Der Oderbruch wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen und immer wieder Schauplatz sein, ist jedoch zugleich der Ausgangspunkt einer größeren Geschichte, die weit über Deutschlands Grenzen hinausführt. Unser Traum war es, in die Wüste zu gehen – eine weitere karge, dünn besiedelte Landschaft wie das Oderbruch, visuell jedoch ein starker und zugleich inhaltlich stimmiger Kontrast. Wir mögen Serien, deren Staffeln jeweils einen eigenen Vibe haben und klar unterscheidbar sind. Diese Staffel ist definitiv unser Road-Movie-Wüsten-Thriller.

Das Übernatürliche rückt in den Vordergrund – gleichzeitig soll die Serie geerdet bleiben. Wie findet man diesen Balancepunkt zwischen Genre und Realismus?
Das ist tatsächlich ein wiederkehrendes Thema für uns, und wir bemühen uns sehr, diese Gratwanderung gut zu meistern. Dafür haben wir klare Regeln entwickelt und ein ausgeprägtes Grundgefühl für diese Welt. Beim Schreiben empfinde ich es nie so, als würde ich eine klassische Vampirserie verfassen. Ich erzähle vielmehr ein Familiendrama, das zugleich ein Vampir-Thriller ist. In der Regie wird es dann zur Frage von Inszenierung, Tonalität und Schauspiel. Adolfo, der in dieser Staffel bei allen Folgen Regie geführt hat, besitzt ein feines Gespür dafür, selbst genretypische Szenen eher als Drama denn als reines Genre-Spektakel zu inszenieren. Man kann das Trinken von Blut als Vampir-Highlight zelebrieren – oder als Moment eines Suchtdramas erzählen. Dieser Ansatz ist natürlich in den Drehbüchern bereits angelegt und wird immer wieder im Hinblick auf diesen Balanceakt überprüft. Auch unsere Redaktion kennt die Welt inzwischen sehr gut, und wir erinnern uns gegenseitig stets daran, die Serie auf dem Boden zu halten.

Maggie und Kai jagen nun ihre eigene Art. Was machte diese Perspektivverschiebung erzählerisch so reizvoll?
Es war spannend, Maggie und Kai nach einem Zeitsprung noch einmal völlig anders zu zeigen als in Staffel 1 – als Vampire und Vampirjäger. Dass aus den gejagten Geschwistern selbst Jäger werden, schwebte mir bereits bei der Entwicklung der ersten Staffel vor. Vampire, die ihre eigene Art jagen, sind an sich nichts Neues. Besonders dramatisch wird unsere Variante jedoch durch Kais Motivation: Er will mit dem Töten von Vampiren seine Schuld an dem Leichenberg aus Staffel 1 sühnen. Der ehemalige Serienkiller ist nun besessen davon, Menschenleben zu retten und seine eigene Art auszulöschen. Das ist eine Form von Aufopferung, vielleicht sogar Selbstzerstörung, im Dienst der Menschheit. Diese Ambivalenz finde ich spannend und emotional berührend – weil sie zugleich sein Weg zur Erlösung ist.

Mit Vera bringen Sie eine neue Hauptfigur ins Zentrum. Warum war es für die Dramaturgie wichtig, Maggie als Mutter zu zeigen – und wie verändert das die Serie?
Vera wurde bereits in Staffel 1 als zunächst unbekannte Figur eingeführt und als zentrale Person für Staffel 2 vorbereitet. Dass Maggie eine Tochter hat, bei der unklar ist, ob sie das Vampir-Gen in sich trägt, ist ein extrem spannendes, emotional aufgeladenes und narrativ antreibendes Element, dem man als Autor kaum widerstehen kann. In Staffel 1 fungierte Vera vor allem als Konflikt zwischen Maggie und Roland Voit; in Staffel 2 wird sie zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Maggie wächst dadurch in zweierlei Hinsicht: Sie wird nicht nur zur Vampirin, sondern auch zur Mutter. Beide Rollen miteinander zu vereinen, ist für sie eine kaum lösbare Aufgabe. Es geht um einen inneren Konflikt zwischen Schuld und Hoffnung – und zugleich um einen äußeren Kampf um Leben und Tod. Auch für Karoline Schuch war das eine enorme emotionale und schauspielerische Herausforderung. Kaum eine Szene, in der sie nicht an die Grenzen innerer Zerrissenheit gehen musste.

Der geheime Strigoi-Orden wirkt wie eine völlig neue Mythologie. Wie viel davon stammt aus Folklore, wie viel ist komplett eigene Weltbildung?
Das war ein längerer Findungsprozess und ist letztlich eine Mischung verschiedener Einflüsse. Wir haben uns mit Sekten beschäftigt und waren immer wieder erstaunt, was unter dem Deckmantel von Religion und Spiritualität möglich ist – nicht nur Gutes, sondern auch viel Unmenschliches.

Verbrechen bleiben dort oft unentdeckt oder ungeahndet, manchmal werden sie sogar geduldet. Von realen Sekten haben wir uns inspirieren lassen und das mit unserer geerdeten Vampirwelt verknüpft. Die Grundidee entstand aus der Frage, wie eine reale Vampir-Organisation aussehen und in unserer Welt im Verborgenen überleben könnte. Es gab unterschiedliche Ansätze, doch schließlich kamen wir zu dem Schluss, dass sich Vampire zu einer religiösen Gemeinschaft zusammenschließen und sich als solche tarnen würden. Das war zudem visuell reizvoll und passte hervorragend ins Setting der zweiten Staffel.

Staffel 2 ist actionreicher und körperlicher. Wie stark hat das die Art verändert, wie Sie Szenen schreiben und Figuren entwickeln?
Das hat großen Spaß gemacht. Ich hatte diesmal sogar mehr Freude am Schreiben als bei Staffel 1, in der alles auf zwei große Twists zulief. Wenn ein Twist funktioniert, ist das Ergebnis zwar sehr befriedigend, doch der Schreibprozess selbst war mitunter schwieriger und anstrengender als sonst, weil man ein dramaturgisches Plot-Labyrinth konstruiert, das in alle Richtungen funktionieren muss. Man verbringt viel Zeit damit Plotholes zu stopfen. Das gehört im Mystery-Genre fast zwangsläufig dazu und lässt weniger Raum für die Figuren. In Staffel 2 stehen große Twists nicht mehr im Vordergrund, auch wenn es natürlich weiterhin genügend Überraschungen und Wendungen gibt. Dadurch konnten wir uns stärker auf die Figuren und ihre inneren Reisen konzentrieren – und auf das wuchtige Aufeinandertreffen von Storylines und Charakteren, das mehrfach in körperlichen, vor allem aber emotionalen Showdowns mündet.

Der Cast wurde um Sabin Tambrea und Martin Feifel erweitert. Wie schreibt man Figuren, die sofort wie etablierte Teile des Kosmos wirken müssen?
In diesem Fall hatte ich vielleicht den Vorteil, dass die Figuren von Tambrea und Feifel Teil des geheimen Ordens sind, der ohnehin eine völlig neue Perspektive und Welt eröffnet – die Welt der Vampire. Zwar haben wir in Staffel 1 bereits „Vampir-Agenten“ des Ordens gesehen, allerdings noch ohne Kontext. Daher dürfen die neuen Figuren bewusst fremd und eigenartig wirken. Sie sind keine etablierten Bestandteile der bisherigen Geschichte, sondern erweitern den Oderbruch-Kosmos um eine neue Dimension. Dennoch muss sich das stimmig anfühlen und darf nicht wie ein Fremdkörper aus einer anderen Serie wirken. Diese Balance war eine Herausforderung – von der ersten Idee über das Setting und die Besetzung bis hin zur Musik. Gerade bei der Kloster-Storyline war der bereits genannte Balanceakt zwischen Realismus und Genre besonders anspruchsvoll.

Die Serie bleibt düster, aber die Optik wechselt vom nebligen Oderbruch in die Sonne Spaniens. Wie wichtig ist dieser visuelle Bruch für das Storytelling?
Beim Schreiben macht das viel aus. Man stellt sich die Bilder vor und bewegt sich gedanklich in einer anderen Welt – das weckt Abenteuerlust. Genau das ist beabsichtigt: Wir möchten diesen visuellen Bruch idealerweise in jeder Staffel, um neue Bilder und Eindrücke zu schaffen und die Staffeln klar voneinander abzuheben. Man soll das Gefühl haben, dieselbe Serie zu sehen – aber nicht immer dieselbe Geschichte an denselben Orten. Gleichzeitig erzwingen wir nichts; die organische Entwicklung hat oberste Priorität. «Oderbruch» ist glücklicherweise eine Serie, die ihre Figuren reisen lässt. Ich kann mir die Serie gar nicht dauerhaft an denselben Schauplätzen vorstellen.

Die Beziehung zwischen Maggie und Kai wird extrem belastet. Was interessiert Sie an Geschwisterkonflikten im Zentrum einer Mystery-Serie?
Wie gesagt schreibe ich vordergründig keine reine Mystery-Serie, sondern eine geheimnisvolle Familiengeschichte – die durch ihre Genre-Elemente zusätzlich an Spannung gewinnt. Im Kern eines guten Genre-Films steht ja immer etwas zutiefst Menschliches. Bei «Oderbruch» ist das die tragische Beziehung zwischen Maggie und ihrem Bruder Kai. Ich selbst habe eine große Schwester, und auch wenn wir glücklicherweise keine Vampire sind, sind eigene Erfahrungen eingeflossen – vor allem die unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Familiengeschichte, die sich oft erst im Erwachsenenalter zu einem bestenfalls wahrheitsnahen Gesamtbild fügen.

Geschwister tragen die ungelösten Konflikte und Geheimnisse ihrer Eltern ein Leben lang mit sich – ergänzt um eigene Deutungen und Emotionen. Daran kann man sich abarbeiten, manchmal ein Leben lang. Das kann eine Geschwisterbeziehung belasten - oder befreien. Zum Glück ist bei meiner Schwester Maike und mir Letzteres der Fall. Ob Maggie und Kai auch dieses Glück haben, sieht man im Verlauf der zweiten Staffel.

Sie kündigen an, dass jede Staffel die Welt erweitern soll. Wie weit denken Sie das «Oderbruch»-Universum – und planen Sie bereits Elemente für eine mögliche Staffel 3?
Ich entwickle derzeit die dritte Staffel, und die Geschichte der Kring-Geschwister wäre in vier Staffeln auserzählt. Ich weiß bereits ziemlich genau, wie es bis zum Ende weitergeht. Ich kann gar nicht schreiben, ohne das Ende vor Augen zu haben und mir auch den Weg dorthin vorstellen zu können – alles andere blockiert mich. Das bedeutet nicht, dass sich Pläne nicht noch verändern können, aber ohne Ziel und Route kann ich nicht loslaufen. «Oderbruch» bis zum großen Finale erzählen zu dürfen, wäre natürlich ein Traum. Aber die dritte Staffel hängt jetzt erstmal davon ab wieviele Leute sich unseren Road-Movie-Wüsten-Thriller ansehen.

Vielen Dank für die zahlreichen Informationen!

«Oderbruch» steht ab Freitag, 20. Februar 2026, ab 10.00 Uhr in der ARD Mediathek bereit. Folge 1 + 2 am Sonntag, ab 22.05 Uhr in Das Erste, am 27. Februar folgen ab 23.55 Uhr die restlichen vier Folgen.
19.02.2026 12:59 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/169053