Filme des Grauens: «The Amazing Bulk»

14.000 Dollar, lila Wut und Windows-Clipart. Ein Hulk-Mockbuster aus dem Green-Screen-Keller wurde zum Internet-Mythos des Trashkinos.

Mit «The Amazing Bulk» erschien 2012 ein Superheldenfilm, der weniger durch Handlung als durch seine Machart berühmt wurde. Regie führte Lewis Schoenbrun, produziert wurde das Werk für gerade einmal 14.000 Dollar. Offenkundig als Mockbuster zu «The Incredible Hulk» konzipiert, erzählt der Film von einem Wissenschaftler, der sich ein experimentelles Serum injiziert und sich fortan bei Wut in ein riesiges, lila Monster verwandelt. Was nach klassischer Comic-Prämisse klingt, geriet hier zur wohl radikalsten Low-Budget-Variante des Genres.

Im Zentrum steht Henry „Hank“ Howard, ein Regierungsforscher, der für General Darwin ein Serum zur Steigerung von Stärke und Lebensdauer entwickelt. Um endlich dessen Segen für die Heirat mit Tochter Hannah zu erhalten, wagt Howard den Selbstversuch – mit bekannten Folgen: Er mutiert zum „Bulk“, einem violetten Riesenwesen. Parallel dazu plant der Schurke Dr. Werner von Kantlove, mit einer Saturn-V-Rakete den Mond zu zerstören. Spätestens hier wird klar, dass Logik nicht das leitende Prinzip dieses Films ist.

Der Bulk hinterlässt eine Spur der Zerstörung, wird verfolgt, verhaftet, manipuliert und schließlich sogar mit einer Atombombe bekämpft – nur um am Ende wieder aufzutauchen. Der Plot wirkt wie ein wilder Mix aus «Hulk»-Mythologie, «James Bond»-Parodie und Cartoon-Anarchie. Tatsächlich streute Regisseur Schoenbrun bewusst Anspielungen auf «2001: A Space Odyssey», Dr. Strangelove und «Lolita ein» – ob als Hommage oder ironische Brechung, bleibt Interpretationssache.

Berüchtigt wurde «The Amazing Bulk» vor allem durch seine visuelle Gestaltung. Der Film wurde nahezu komplett vor Green Screen gedreht. Hintergründe, Übergänge und Effekte bestehen größtenteils aus gekauften oder frei verfügbaren Stockgrafiken, Cliparts und 3D-Modellen aus dem Internet. Autos fliegen sichtbar als schlecht maskierte PNG-Dateien durch die Luft, Explosionen wirken wie PowerPoint-Animationen, ganze Städte scheinen aus Baukastensystemen zusammengesetzt. Die Produktionszahlen verdeutlichen das Ausmaß: Fünf Drehtage, rund 6.000 Dollar für den Dreh, 3.000 für Tonmischung, 1.000 für Farbkorrektur, etwa 4.000 für CGI, Software und Musik. Das Ergebnis erinnert weniger an einen Kinofilm als an ein ambitioniertes Heimprojekt – oder, wie ein Kritiker spottete, an „Windows-95-Clipart in Spielfilmlänge“.

Die Kritiken fielen vernichtend aus. Rezensenten bezeichneten den Film als unverständlich, handwerklich katastrophal und visuell schmerzhaft. Dennoch entwickelte sich «The Amazing Bulk» rasch zum „Best Worst Movie“-Kandidaten. Vergleiche mit «The Room» tauchten auf – nicht wegen ähnlicher Thematik, sondern wegen des unfreiwilligen Unterhaltungswerts. Die Absurdität, die hölzernen Dialoge und die fast dadaistische Bildsprache machten den Film zu einem Internet-Phänomen. Regisseur Schoenbrun verteidigte sein Werk später als bewusste Parodie und verwies darauf, viele Kritiker verstünden das Konzept nicht. Er verglich die Mischung aus Realfilm und künstlicher Welt mit experimentelleren Ansätzen des Genres. Ob diese Lesart von Anfang an intendiert war oder erst rückblickend entstand, bleibt offen. Doch sie passt zur ironischen Rezeption des Films.

«The Amazing Bulk» steht exemplarisch für eine bestimmte Spielart des Independent-Kinos: das Mockbuster-Prinzip. Kleine Produktionsfirmen greifen populäre Blockbuster-Themen auf, produzieren extrem kostengünstige Alternativen und profitieren von Namensähnlichkeiten. Vertrieben wurde der Film schließlich von Wild Eye Releasing, einem Label, das sich auf schräge Genrefilme spezialisiert hat.

Interessant ist, dass das Projekt komplett privat finanziert wurde. Es ist weniger das Werk eines Studios als die Manifestation eines Einzelkämpfers mit begrenzten Mitteln, aber großem Ehrgeiz. Dass daraus kein klassisch „guter“ Film entstand, steht außer Frage. Doch als Beispiel radikaler Low-Budget-Produktion demonstriert «The Amazing Bulk», wie weit digitale Werkzeuge den Zugang zur Filmproduktion geöffnet haben – im Guten wie im Schlechten.

Technisch betrachtet ist «The Amazing Bulk» ein Desaster. Schauspiel, Schnitt, Effekte und Dramaturgie wirken improvisiert und unausgereift. Doch gerade diese Überforderung mit den eigenen Ambitionen macht den Film faszinierend. Er ist weniger ein «Hulk»-Abklatsch als ein Dokument grenzenloser DIY-Mentalität. In einer Ära millionenschwerer Superheldenepen bleibt dieser 14.000-Dollar-Film als schillerndes Gegenstück in Erinnerung: lila, laut und legendär schlecht – und genau deshalb unvergesslich.
07.03.2026 12:41 Uhr  •  Sebastian Schmitt Kurz-URL: qmde.de/169044