Shakuntala Banerjee: ‚Auslandsjournalismus ist kein Wettrennen um Aufmerksamkeit‘

Als neues Gesicht des «auslandsjournal» im ZDF setzt Shakuntala Banerjee auf Kontext statt Klicks, Analyse statt Alarm – und versteht internationale Berichterstattung als demokratischen Auftrag in unruhigen Zeiten.

Sie moderieren das «auslandsjournal» erstmals als neues Gesicht des Formats. Mit welchem Anspruch sind Sie an diese Aufgabe herangegangen – eher als Moderatorin oder als politische Einordnerin?
Einordnungen sind aus meiner Sicht ein wichtiger Bestandteil von Moderationen. Eine Sendung wie das «auslandsjournal» soll, anders als eine reine Nachrichtensendung, den Blick auf die Geschichten hinter den Nachrichten lenken und zum Entdecken neuer Standpunkte einladen. Das geschieht hauptsächlich in den Beiträgen unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten und wird bestenfalls gut eingerahmt von Moderationen, die auch einordnen.

Das «auslandsjournal» steht traditionell für Tiefe und Kontext. Was ist aus Ihrer Sicht heute der größte Unterschied zwischen Auslandsjournalismus und der täglichen Nachrichtenberichterstattung?
Für mich liegt die Stärke in der Ergänzung: Wer auf dem Laufenden sein will, auch bei Auslandsthemen, bekommt den Überblick in den aktuellen Nachrichten – manchmal auf Basis von Agenturmaterial, meist aber direkt von unseren Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten. Wer in die Tiefe gehen und Hintergründe erfahren will, der findet diese in der Magazinsendung «auslandsjournal». Noch mehr Hintergrund gibt es in den «auslandsjournal»-Dokus, im Podcast «Der Trump Effekt» oder in den Artikeln und Videos, die wir von unseren Auslandsstudios für unser ZDFheute-Online-Angebot bekommen. Und das ist nur ein Auszug dessen, was „Auslandsjournalismus“ im ZDF-Kontext bedeutet.

Sie leiten seit 2024 die Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen. Inwiefern prägt dieser strategische Blick Ihre Moderation eines Auslandsformats?
An der Stelle ist die Trennung zum Glück einfach. Natürlich ist auch das «auslandsjournal» Teil der Reformen, denen wir uns fortlaufend unterziehen, um unser Programm erfolgreich für alle Altersgruppen zu machen, auf allen Informationsplattformen. Und dabei auch stärker in den Dialog zu gehen mit denen, die bei uns Information und Austausch suchen. Doch in dem Moment, in dem ich als Moderatorin das Studio betrete, genieße ich es, mich ganz auf die Sendung zu konzentrieren und darauf, die Zuschauer mitzunehmen zu den wirklich spannenden und oft auch bewegenden Einblicken, die die Kolleginnen und Kollegen im Ausland für uns gesammelt haben.

Internationale Krisen werden zunehmend komplexer, schneller und widersprüchlicher. Wie gelingt es, diese Vielschichtigkeit verständlich zu vermitteln, ohne sie zu stark zu vereinfachen?
Das ist die Kernfrage guter journalistischer Arbeit in diesen Zeiten. Ich glaube, Verständlichkeit ist ein großer Faktor. Für meine Moderationen bedeutet das: Wenn ich bei einem komplexen Thema drei Aspekte auslassen muss, damit die zwei wichtigsten verständlich sind, dann tue ich das. Damit zeichne ich vielleicht in der Moderation nicht das ganze Bild. Aber an der Stelle ist es mir wichtiger, wenige Informationen gut rüberzubringen, als viele, die nur vorbeirauschen. Und das gilt an vielen Stellen auch für Beiträge, Dokumentationen oder andere Formen, in denen wir die Weltlage analysieren: Je komplexer das Thema, desto wichtiger der verständliche Blick aufs Detail. Das heißt am Ende: Wer diese komplexe Welt verstehen will, darf nicht auf den einen Film warten, der alles erklärt, sondern muss am Ball bleiben und sich vielseitig informieren. Nur so wird aus den zahlreichen Standpunkten und täglichen Entwicklungen das ganze Bild.

Das «auslandsjournal» arbeitet stark mit den ZDF-Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten. Was erwarten Sie heute von moderner Korrespondenzarbeit jenseits von reiner Lagebeschreibung?
Im Grunde genommen das journalistische Handwerk im neuen Gewand: Früher haben Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten die Menschen mitgenommen an Orte, die die wenigsten von uns jemals selbst bereisen würden. Sie waren unser Zugang zu unbekannten Welten und Vermittler zwischen den Kulturen. Diese Aufgabe ist kleiner geworden in einer Zeit, in der der wohlhabende Teil der Welt sich fast jeden Ort auf dem Globus selbst erschließen kann und die Kulturen in offenen Gesellschaften in größerem, direktem Austausch miteinander stehen. Auch wenn ich immer wieder überrascht bin, welch unerwartete und schöne Einblicke viele Beiträge im «auslandsjournal» auch heute noch bieten. Wichtiger ist jetzt, dass unsere Reporterinnen und Reporter uns ein realistisches Bild davon vermitteln, wie sich die Welt um uns herum verändert.

Viele Zuschauerinnen und Zuschauer fühlen sich von globalen Krisen überfordert oder abgestumpft. Sehen Sie das «auslandsjournal» auch in einer orientierenden, vielleicht sogar beruhigenden Rolle?
Wenn es um Orientierung geht, unbedingt – das ist ein Kernanliegen des «auslandsjournal»: Wo die liberale Weltordnung, mit der die meisten von uns in den vergangenen Jahrzehnten aufgewachsen sind, wegbricht, weil Staatschefs wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Xi Jinping weder Geduld noch Respekt für die Regeln haben, die sich die internationale Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg selbst auferlegt hat, kann und muss Auslandsberichterstattung die neue Unübersichtlichkeit runterbrechen in fassbare Phänomene – und damit wichtige Orientierung schaffen. Die Erkenntnisse, die wir dadurch gewinnen, können nicht immer beruhigend sein, dazu ist gerade zu viel Vertrautes im Wandel zu etwas Neuem. Deshalb bin ich froh, dass wir in der Regel mindestens ein Thema in der Sendung haben, das daran erinnert, wie vielfältig und schön die Welt und das Leben abseits von allen politischen Fragen sind und bleiben.

Politische Einordnung birgt immer die Gefahr, als Haltung missverstanden zu werden. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen Analyse und Meinung?
Was man nicht belegen kann, ist zwangsläufig Meinung. Zugleich reicht ein Beleg allein nicht aus, um aus einer Meinung eine Analyse zu machen. Für mich stellt eine Analyse Zusammenhänge möglichst objektiv dar und kommt zu einer ebenfalls möglichst objektiven Schlussfolgerung – die mit einer klaren Haltung verbunden sein kann. Als Journalistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist dies keine politische Haltung, sondern eine grundsätzliche: Ich stehe ein für die Normen und Ideale des Grundgesetzes, der Menschenrechte und des internationalen Regelwerks, dem sich unsere Demokratie verpflichtet fühlt. Aus dieser Warte schaue ich auf Äußerungen und Handlungen politisch Verantwortlicher und auf Entwicklungen in unserem Land und in der Welt.

Gerade in geopolitischen Konflikten stehen öffentlich-rechtliche Medien unter besonderer Beobachtung. Spüren Sie einen gestiegenen Erwartungs- oder Rechtfertigungsdruck?
Ich nehme wahr, dass es heute ein deutlich höheres Interesse an unserer Arbeitsweise gibt als früher. Das halte ich überall dort für einen Gewinn, wo Menschen Kritik an uns üben, weil sie noch mehr verlässliche Information von uns wünschen oder weil sie grundsätzlich kritisch mit Informationsquellen umgehen. Wir im ZDF haben an uns selbst den Anspruch, dass wir Ereignisse und Zusammenhänge korrekt und mit vielfältigen Perspektiven darstellen. Aber auch bei uns sind Fehler nicht ausgeschlossen. Darauf kritisch hinzuweisen und eine Erklärung einzufordern, ist wichtig und richtig, denn das macht unsere Arbeit und unser Programm besser. Weniger anfangen kann ich persönlich mit Zuschriften oder öffentlichen Debatten, in denen einzelne Fehler zu einem Gesamtversagen oder zu gezielter Irreführung erklärt werden, oder in denen von uns verlangt wird, dass wir uns in einem Konflikt eine bestimmte Perspektive zu eigen machen. Aber auch dieser Diskussion müssen wir uns stellen, um immer wieder zu erklären, nach welchen Kriterien wir Themen auswählen und aus welchen Blickwinkeln wir sie beleuchten.

Das Medienvertrauen ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Welche Verantwortung trägt das «auslandsjournal» speziell in Zeiten von Desinformation und gezielten Narrativen?
Gerade zu den aktuellen globalen Machtkämpfen gehört der Kampf um die Deutungshoheit – auch mit unlauteren Mitteln. Vor allem autokratische Systeme haben früh verstanden, dass Bilder schneller wirken als Argumente und dass Empörung mehr Menschen mobilisiert als Differenzierung. Soziale Medien verstärken diese Logik und künstliche Intelligenz potenziert sie neuerdings. Darin liegt allerdings auch eine Chance für Journalismus, wie wir ihn anbieten: Wir sind mit Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort und können selbst überprüfen „Was ist echt, was nicht?“, „Was ist Inszenierung, was authentisch?“. Das wird angesichts der Flut von täuschend echt wirkenden KI-Bildern immer wichtiger werden. Unsere Stärke ist ein Journalismus, der transparent macht: „Das wissen wir, das vermuten wir – und hier endet unser Wissen, in diesem Moment.“

Sie haben viel Erfahrung mit Wahlsendungen und politischen Sondersendungen. Was fordert Sie an einem wöchentlichen Auslandsformat anders heraus?
Wahl- und Sondersendungen sind Ausnahmesituationen. Alles ist live, alles ist unmittelbar, jede Zahl kann die Lage verändern. Das erzeugt eine besondere Form von Adrenalin – höchste Konzentration, schnelle Einordnung, Entscheidungen im Sekundentakt. Ein wöchentliches Auslandsformat fordert auf eine ganz andere Weise. Hier geht es nicht um die nächste Hochrechnung, sondern um den zweiten und dritten Blick. Die akute „News“ ist oft schon gelaufen – oder sie läuft parallel weiter –, doch entscheidend ist die Frage, was sie bedeutet. Diese Form der Vertiefung verlangt Ruhe, Struktur und gedankliche Klarheit. Man muss führen, nicht reagieren. Manchmal habe ich festgestellt, dass ich in der Zuspitzung einer Live Situation fast leichter arbeite als in der klug komponierten Dramaturgie eines Wochenmagazins. Aber gerade darin liegt der Reiz. Das «auslandsjournal» nimmt sich Zeit für Hintergründe, für internationale Perspektiven, für Themen, die im täglichen Nachrichtentakt keinen Raum finden. Es ist ein Privileg, diese Zeit zu haben – und sie gemeinsam mit meiner Kollegin Alica Jung zu gestalten.

Das «auslandsjournal» ist kein Format für schnelle Klicks, sondern für Aufmerksamkeit und Zeit. Glauben Sie, dass sich dieses journalistische Prinzip auch langfristig behaupten kann?
Ja. Gerade da, wo KI schnelle Texte erzeugt und soziale Medien die Zahl der Bildquellen ins Unendliche treiben, suchen die Menschen Angebote, auf die sie sich in Ruhe einlassen können und die ihnen Zeit geben, sich mit Eindrücken, Argumenten und Entwicklungen wirklich auseinanderzusetzen. Zu den Grundsätzen des «auslandsjournal» gehört auch dieser: Auslandsjournalismus ist kein Wettrennen um Aufmerksamkeit, sondern ein Angebot zur Verständigung. Die Sendung entscheidet sich bewusst für Tiefe und Kontext, für Einordnung statt Anheizen. Dieser Ansatz bleibt unverzichtbar für eine demokratische Öffentlichkeit, die mehr braucht als Empörung in Endlosschleife.

Ganz persönlich gefragt: Was möchten Sie, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nach einer Ausgabe des «auslandsjournal» besser verstehen – über die Welt, aber auch über Journalismus? Verlässlich geprüfter Kontext, unaufgeregte Betrachtungen
Ein gutes «auslandsjournal» hilft zu verstehen, warum die Welt in Bewegung ist – im Guten wie im Schlechten. Es kann zeigen, dass unser von Wohlstand und Sicherheit geprägter Blick auf die Welt nicht der einzige und nicht der einzig wahre ist. Guter Auslandsjournalismus vermittelt, wie nah wir uns als Menschen trotz aller politischen und kulturellen Unterschiede sind. Wenn das gelingt, ist in Zeiten, in denen wir uns neu orientieren müssen, schon einiges gewonnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das «auslandsjournal» läuft mittwochs um 22.15 Uhr im ZDF.
16.02.2026 11:16 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/168931