Natalia Wörner: ‚Klugheit und Menschlichkeit müssen Empathielosigkeit die Stirn bieten'
Seit fast zwei Jahrzehnten prägt Natalia Wörner als Jana Winter die ZDF-Reihe «Unter anderen Umständen» – im Jubiläumsfilm „Das Mädchen ohne Namen“ geht es um Identität, Verantwortung und gesellschaftliche blinde Flecken.
Seit 2006 verkörpern Sie Jana Winter in «Unter anderen Umständen» – nun bereits im 25. Film. Was hat diese Figur all die Jahre lebendig gehalten, sodass sie für Sie noch immer erzählerisch reizvoll ist?
Für uns war es immer wichtig, dass wir eine Visualität und Tonalität schaffen die sich an den skandinavischen Filmen orientiert - alles ist etwas reduzierter und karger, kein Platz für Gedöns. Jana Winter ist in ihrem Team Chefin geworden und wir schauen einer Frau zu die mittlerweile seit 20 Jahren alleinerziehend Kind, Beruf und Familie managt - hier gibt es eine große und stets dynamische Identifikation und eine Quote die uns immer wieder vermittelt: weiter erzählen! Und das tut ja auch gut.
„Das Mädchen ohne Namen“ beginnt mit einem anonymen Hinweis und einem stillen, verstörenden Fund im Wald. Was hat Sie an diesem Fall sofort gepackt – eher das Krimirätsel oder das menschliche Drama dahinter?
Es sind immer die psychologischen Fragen die mich reizen, warum tut ein Mensch etwas und was hat es für unmittelbare Konsequenzen für alle Betroffenen. Hier ist ja die Kernfrage: wie weit gehe ich mit der Wahrheit um einen Menschen zu schützen? Und wieviel Schuld bin ich bereit auf mich zu nehmen, um einen anderen Menschen nicht zu zerstören?
Jana Winter folgt oft ihrer Intuition, auch wenn die Beweise noch fehlen. Wie sehr ist diese Hartnäckigkeit heute ihr Markenzeichen – und wo bringt sie sich damit selbst in Gefahr?
Ja, es ist die Mischung aus Intuition und etwas Unerschrockenem. Jana Winter würde sich selbst nie als mutig beschreiben, aber ich finde schon, dass Sie auch Alleingänge macht, die sie immer wieder in Gefahr bringen, die sie allerdings für sich selbst so nicht wahrnimmt.
Der Film thematisiert das Verschwinden junger Frauen, die scheinbar niemand vermisst. Was sagt dieser Fall über gesellschaftliche blinde Flecken im Umgang mit Einsamkeit und Abhängigkeit aus?
Es ist ja noch nicht mal so, dass in unserem Film diese jungen Frauen nicht vermisst werden, aber sie sind innerlich nicht mehr erreichbar für ihre Familien. Wenn wir als Elterngeneration feststellen, dass diese Generation grundsätzlich das Gefühl hat abgehängt zu sein und die Gesellschaft tut nichts für sie: gerade Corona durchlebt, übermorgen Wehrpflicht, keine Aussicht auf ein sicheres Berufsleben usw. dann ist es ja auch unser Versagen hier keine Perspektive und Verlässlichkeit geschaffen zu haben. Das sind gesamtgesellschaftlich blinde Flecken die schmerzhaft und wahr sind.
Besonders stark ist das Motiv der namenlosen Toten – „Sunny“. Wie verändert es den Blick auf einen Mordfall, wenn der Mensch dahinter erst mühsam sichtbar gemacht werden muss?
Menschlich ist es furchtbar jemandem posthum wieder eine Identität zu geben. Wissenschaftlich ist es faszinierend, wie die Forensik in den letzten Jahren das Analysieren, die Aufarbeitung und die Rekonstruktion von kriminellen Handlungen revolutioniert hat.
Die DNA-Ahnensuche führt über Landesgrenzen hinweg nach Dänemark. Wie erleben Sie als Schauspielerin diese Erweiterung des klassischen Fernsehkrimis um moderne Ermittlungsansätze?
Wichtiger Punkt, denn natürlich ist es aus der Perspektive einer Kriminalrätin erstrebenswert Daten für einen Fall zur Verfügung zu haben die in einem ganz anderen Kontext entstanden sind. In unserem Fall hat jemand seine Daten zur Auswertung seiner Ahnenreihe einem Institut zur Verfügung gestellt und auf einmal ist man unfreiwillig ein Teil einer Ermittlung. Die Gesetzgebung in Dänemark ist hier sehr viel liberaler als In Deutschland.
Im großen Bogen ist das ja sowieso die Kernfrage aller Fragen: Wer hat alles Zugriff auf unsere Daten und wie zeitverzögert ist unsere Gesetzgebung im Sinne des individuellen Schutzes.
Das Zusammenspiel zwischen Jana Winter und Matthias Hamm ist seit Jahren vertraut und eingespielt. Was trägt diese Konstanz für die emotionale Tiefe der Reihe bei?
Hamm und Jana sind wie ein Ehepaar, das sich lesen kann und gar nicht viel Worte braucht um eine Atmosphäre, eine Dichte und auch offene Fragen buchstäblich in den Raum zu stellen.
Da reichen Blicke, Gesten - Ungesagtes das Bände spricht. Das geht nur wenn sich zwei Spieler so gut kennen, wie das bei Ralph und mir der Fall ist und, wenn das Publikum natürlich die Figuren kennt, schätzt und vor allem mitfühlt.
Mit Leo Winter ist auch Ihr realer Sohn Jacob-Lee Seeliger seit Beginn Teil der Serie. Wie hat sich diese besondere Konstellation über die Jahre für Sie verändert – beruflich wie persönlich?
Die Tatsache, dass Jacob in und mit dieser Reihe groß geworden ist, ist eines der vielen kleinen großen Wunder von «Unter anderen Umständen». Es gibt unendlich viele schöne Erinnerungen die ich mit den Dreharbeiten und seinem Großwerden verbinde. In den letzten Jahren ist natürlicherweise das Spielen mit ihm zu einer eigenen Reife herangewachsen und auch diese Momente schenken mir neue Möglichkeiten des Hinschauens, Erkennens und der Liebe. Es ist ein Geschenk, das alles so entstanden ist und wir diese Reise gemeinsam gestartet haben und nach wie vor unterwegs sind.
«Unter anderen Umständen» zeichnet sich durch ruhige Bilder, moralische Grauzonen und psychologische Genauigkeit aus. War das von Beginn an der Anspruch, sich vom klassischen Krimi abzuheben?
Es sind eben Menschen, die hier gezeichnet werden und keine Schablonen die nach dem klassischen Dreiklang Opfer, Verdächtiger, Täter im Krimi-Sujet abgerufen werden. Wir versuchen Menschen zu entdecken, zu entblättern und wir fallen eben auch in Löcher und kommen dann wieder raus, die Kommissare selbst sind ein Teil des Prozesses und eben keine Superfrauen und Männer. Vor allem die Bücher von Zora Holt sind hier Beispiele des Gelingens, keine kennt die Figuren so gut wie sie.
Der 25. Film blickt auch zurück: auf Versäumnisse, verpasste Hinweise, nicht gestellte Fragen. Ist das für Sie auch ein Film über Verantwortung – persönlich wie institutionell?
Ja - es ist eben auch die Frage die sich auf einer tieferen Ebene stellt : wie viel Verantwortung bin ich bereit zu tragen? Für meine Kinder, meinen Partner und letztendlich auch für mich? Nicht alles kann an Institutionen abgegeben werden.
Am Ende ist es immer ein Mensch, der schweigt, der handelt, der liebt. Sie bewegen sich seit Jahren zwischen anspruchsvollen TV-Filmen, internationalen Projekten und gesellschaftlichem Engagement. Was gibt Ihnen eine langjährige Rolle wie Jana Winter, das Einzelprojekte nicht leisten können?
Kontinuität, Bindung zu den Zuschauern und nicht zu unterschätzen : eine Film-Familie. «Unter anderen Umständen» zu drehen, ist auch immer ein bisschen wie nach Hause kommen. Da wird diskutiert, gearbeitet, gelacht und letztendlich um das Beste gerungen was man zu geben hat.
Wenn Sie auf diesen Jubiläumsfilm schauen: Was wünschen Sie sich, dass das Publikum über Jana Winter – und über den Wert des genauen Hinschauens – neu begreift?
Ich finde, wir leben in einer Zeit in der es nicht um neu begreifen geht, sondern um zu realisieren was wir im Begriff sind zu verlieren und im besten Fall zu erhalten, was wir als Gesellschaft errungen haben und was im Moment erodiert. Wir schauen wie in Schockstarre auf die rasanten Entwicklungen in Amerika und sehen zu wie eine Autokratie entsteht, jeden Tag werden uns Videos und Nachrichten zugespielt die uns das Verschwinden der größten Demokratie der Welt vor Augen führen.
Was ist denn bei uns? Wie wird es sich in unserem Land am Ende des Jahres darstellen? Wir haben einige Landtagswahlen vor uns die das politische Bild stark verändern können.
Ich würde mir wünschen, dass die Klugheit und die Menschlichkeit der Empathielosigkeit und der Brutalität immer die Stirn bieten kann und wir Menschen bleiben und aus der Geschichte lernen.
Frau Wörner, Danke für Ihre Zeit!
“Das Mädchen ohne Namen“ von «Unter anderen Umständen» ist am Montag, den 23. Februar, im ZDF zu sehen. Der Film ist nicht vorab in der ZDFmediathek.