Jule Gölsdorf und Karolin Kandler: ‚Frauen sind zu derselben kalkulierten Gewalt fähig wie Männer‘
In der neuen Kabel-Eins-Reihe «Weiblich. Tödlich. Sisters in Crime» richten Jule Gölsdorf und Karolin Kandler den Blick konsequent auf weibliche Täterschaft – jenseits von Dämonisierung, Voyeurismus und simplen Erklärungen.
Im Interview sprechen die beiden Journalistinnen über überraschende Erkenntnisse aus ihrer Recherche, über gesellschaftliche Schutzreflexe, psychologische Abgründe und die Verantwortung, die ein True-Crime-Format zur Primetime mit sich bringt.
Hallo Frau Kandler, hallo Frau Gölsdorf: Die moderieren «Weiblich. Tödlich. Sisters in Crime.» bei Kabel Eins. Der Titel stellt eine provokante Frage: Warum töten Frauen? Was hat Sie in Ihrer Recherche am meisten überrascht – und welche gängigen Annahmen über weibliche Gewalt haben sich als falsch erwiesen?
Jule Gölsdorf: Oft wird angenommen, dass weibliche Gewalt fast ausschließlich ein Befreiungsschlag aus der Unterdrückung durch einen Mann ist. Unsere Recherche zeigt aber: Das ist zu eindimensional gedacht. Es gibt eben auch Täterinnen, die aus reinem Sadismus, Machtgier oder einer tief sitzenden Bösartigkeit handeln - ganz ohne vorher eine Opferrolle eingenommen zu haben. Dass Frauen zu derselben kalkulierten und grausamen Gewalt fähig sind wie Männer, war in der Deutlichkeit eine der überraschendsten Erkenntnisse.
Frauen begehen statistisch seltener Kapitalverbrechen als Männer, werden aber medial oft besonders spektakulär dargestellt. Wie vermeiden Sie es, Täterinnen zu mystifizieren oder zu dämonisieren?
Karolin Kandler: Wir halten uns bewusst mit reißerischen Formulierungen und medialen Klischees zurück, die Frauen entweder als 'Monster' dämonisieren oder als „Femme Fatale“ mystifizieren. Stattdessen ordnen wir die Fakten mithilfe unserer Experten ein. Dadurch rücken wir die Tatabläufe und die Psychologie hinter den Verbrechen in den Fokus. Unser Ziel ist es, sachlich zu analysieren, anstatt die Täterinnen für einen Gruseleffekt zu stilisieren.
In vielen Fällen sind Täterinnen selbst Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung gewesen. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Erklärung und Rechtfertigung?
Karolin Kandler: Diese Grenze zu ziehen, ist für mich tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Wenn man in die Biografien der Täterinnen eintaucht und erkennt, welche massiven Verletzungen diese Menschen oft selbst erfahren mussten, neige ich teilweise instinktiv dazu, Empathie zu entwickeln. Aber eine grausame Kindheit darf keine Legitimation dafür sein, später selbst zum Täter oder zur Täterin zu werden. Ein Trauma kann zwar die Entstehung von Gewalt begünstigen, trotzdem trägt jeder Mensch selbst Verantwortung für sein Handeln.
Jule Gölsdorf: Trotzdem kann es uns als Gesellschaft lehren, wo wir genauer hinschauen müssen. Denn die Opfer von gestern können die Täter und Täterinnen von morgen werden. Und unsere Recherchen haben uns gezeigt: Es gibt so gut wie keine Mörder mit einer unproblematischen Kindheit. Daher sollten wir unsere Kinder im Blick behalten und schützen – und vor allem früh genug eingreifen, insbesondere bei Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung.
Ihre Reihe arbeitet stark mit Psychologie und Einordnung. Was unterscheidet Ihre Herangehensweise von klassischem „True Crime als Schockformat“?
Jule Gölsdorf: Der wesentliche Unterschied liegt in der Tiefe unserer Analyse. Wir verzichten bewusst auf den reinen Schockeffekt und setzen stattdessen auf eine wissenschaftliche Begleitung. In unserem gleichnamigen Podcast «Sisters in Crime – Frauen, die töten» arbeiten wir eng mit unserem Rechtsmediziner Thomas Kamphausen, dem Kriminologen Manuel Heinemann und dem Psychologen Christian Lüdke zusammen, die unsere Fälle fachlich einordnen und Hintergründe erklären. Unser Ziel ist es, unseren Hörerinnen und Hörern einen echten Mehrwert zu bieten. Das haben wir bei unserem Fernsehformat ganz ähnlich umgesetzt.
Sie sprechen offen an, dass Frauen häufig milder beurteilt oder bestraft werden. Ist das Ausdruck eines gesellschaftlichen Schutzreflexes – oder eines unterschwelligen Sexismus?
Karolin Kandler: Wir vermuten, dass hier tatsächlich beide Aspekte ineinandergreifen. Einerseits existiert oft noch das veraltete Bild der Frau als das schwache Geschlecht, das eher als schutzbedürftig und nicht als bedrohlich wahrgenommen wird. Andererseits schwingt darin ein Sexismus mit, der Frauen die volle Verantwortung für ihre Taten abspricht, so als wären sie zu einer derartigen Bösartigkeit gar nicht fähig. Das führt dann dazu, dass die Justiz und die Gesellschaft oft unbewusst nach mildernden Umständen suchen, die bei männlichen Tätern so nicht hinterfragt werden. Unser Ziel ist es, diese Voreingenommenheit aufzuzeigen und transparent zu machen.
True Crime boomt – vor allem auf Streamingplattformen und in Podcasts. Warum glauben Sie, dass gerade Geschichten über reale Verbrechen so stark faszinieren – und wo sehen Sie die Gefahren dieses Trends?
Karolin Kandler: Eigentlich ist das Interesse an True-Crime kein neues Phänomen: Die Faszination für reale Verbrechen gab es schon immer – «Aktenzeichen XY» ist dafür das beste Beispiel und seit Jahrzehnten ein Erfolg. Neu ist allerdings, dass die modernen Medien und Streamingplattformen heute ganz andere Möglichkeiten bieten, diese Fälle rund um die Uhr und sehr nahbar zu konsumieren. Dahinter steckt oft die Suche nach dem „warum?“. Man kann sich kaum vorstellen, dass das abgrundtief Böse wirklich existiert. Es ist eine Mischung aus Nervenkitzel und echtem Interesse an menschlichen Schicksalen. Die Gefahr bei diesem Boom ist jedoch die Trivialisierung. Wenn Verbrechen zur reinen Unterhaltung werden, besteht die Gefahr, dass die Würde der Opfer und Angehörigen verletzt wird.
Jule Gölsdorf: Wir nehmen die teilweise berechtigte Kritik an True-Crime ernst. Natürlich dienen reale wie auch fiktive Fälle auch der Unterhaltung, das kann man nicht wegdiskutieren. Vor allem, wenn wir uns „gruseln“ können, während wir sicher auf unserer heimischen Couch sitzen. In der Psychologie spricht man dabei von „Angstlust“. Mörder und Mörderinnen dürfen aber auf keinen Fall heroisiert werden, stattdessen sollten wir aus den Geschichten lernen, um künftige Taten zu verhindern. True-Crime-Fernsehformate und auch Podcasts können ja auch sensibilisieren und zur Aufklärung beitragen.
Ihre Fälle zeigen oft sehr intime Beziehungen: Partnerschaften, Familien, Eltern-Kind-Konstellationen. Ist weibliche Gewalt häufiger im privaten Raum verankert – und was sagt das über gesellschaftliche Machtverhältnisse aus?
Jule Gölsdorf: Tatsächlich findet weibliche Gewalt statistisch gesehen häufig im sozialen Umfeld statt. Während es männliche Gewalt auch im öffentlichen Raum gibt, spielen sich die Taten der Frauen meist innerhalb intimer Beziehungen oder der Familie ab. Frauen besetzen in Familien nach wie vor oft die Rolle der fürsorglichen und schützenden Mutter. Das Tückische daran: Wenn Gewalt in privaten Räumen entsteht, ist das für Außenstehende oft schwer zu erkennen.
Als Journalistinnen und Moderatorinnen tragen Sie Verantwortung gegenüber Opfern, Angehörigen und Zuschauenden. Welche ethischen Leitplanken haben Sie sich für dieses Format gesetzt?
Karolin Kandler: Unser oberstes Gebot ist der Respekt vor Opfern und deren Angehörigen. In einem Genre, das von der Sensationslust lebt, ist für uns die sachliche Distanz entscheidend. Unser Format soll informieren und zum Nachdenken anregen, anstatt bloßen Voyeurismus zu bedienen.
Sie „sezieren“ Täterinnen gemeinsam mit Experten. Gab es Momente, in denen Ihnen die psychologischen Abgründe selbst zu nahe gekommen sind?
Karolin Kandler: Es gibt Fälle, die man trotz professioneller Distanz nicht einfach abstreift. Besonders wenn Mütter ihren Kindern grausamste Dinge antun, ist das für mich nur schwer zu verkraften – wie im Fall der Influencerin Ruby Franke.
Auch Fälle, in denen Frauen im Familienumfeld nicht nur töten, sondern ihre Kinder missbrauchen oder sexuellen Missbrauch decken, fordern uns extrem heraus.
Ihre Sendung läuft zur Primetime auf Kabel Eins. Wie schwierig war es, ein ernsthaftes, differenziertes True-Crime-Format im kommerziellen Fernsehen durchzusetzen?
Jule Gölsdorf: Wir haben ja mit unserem Podcast «Sisters in Crime – Frauen, die töten» schon bewiesen, dass unsere Art des Erzählens funktioniert – spannend, aber eben journalistisch sauber aufgearbeitet. Da hat es sich angeboten, diese Idee auch ins Fernsehen zu übertragen.
Karolin Kandler: Natürlich hoffen wir auf eine gute Quote. Deshalb haben wir Fälle ausgesucht, die eine ganz besondere Geschichte haben – wie zum Beispiel unseren Fall „Der Tote und der Bär“. Da wurde eine Leiche nur durch den absurden Zufall gefunden, dass der Bär einen Strommast umschlug und so ein Feuer auslöste. Das sind Geschichten, die hängen bleiben. Aber genau hier ziehen wir die Grenze: Auch wenn der Rahmen der Geschichte spektakulär ist, bleibt unsere Berichterstattung sachlich und möglichst objektiv.
Sie arbeiten seit Jahren zusammen – im Podcast, im News-Bereich und nun auch als Produzentinnen. Wie verändert es die Arbeit, wenn man nicht nur journalistisch, sondern auch unternehmerisch Verantwortung trägt?
Jule Gölsdorf: Für uns ist das die bestmögliche Konstellation: Da wir beide hauptberuflich als News Anchor in den Nachrichten arbeiten und der Podcast nebenbei läuft, hält sich das unternehmerische Risiko in Grenzen, was uns eine enorme Freiheit gibt. Der größte Vorteil ist, dass wir alles selbst entscheiden – von der Auswahl der Experten über die Recherche der Fälle bis hin zu jedem einzelnen Text auf Instagram. Diese Eigenverantwortung bedeutet zwar viel Arbeit, aber sie ist auch das Beste, was wir uns vorstellen können.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Weiblich. Tödlich. Sisters in Crime.» ist ab Freitag, den 13. Februar, um 20.15 Uhr bei Kabel Eins zu sehen.