Denise Neustadt: ‚Je spezieller das Setting, desto universeller die Wirkung‘
Mit «Fabian und die mörderische Hochzeit» wagt UFA Fiction gemeinsam mit Amazon MGM Studios Deutschland einen ebenso eleganten wie riskanten Spagat: Murder Mystery trifft auf Komödie, Hochzeitsidylle auf dunkle Abgründe.
Produzentin Denise Neustadt spricht im Interview über die Kunst der Balance zwischen Spannung und Humor, über unkonventionelle Hauptfiguren jenseits klassischer Ermittlerklischees, die Chancen hybrider Genreformate im Streaming – und darüber, warum eine starke lokale Handschrift oft der Schlüssel zu internationaler Wirkung ist.
«Fabian und die mörderische Hochzeit» verbindet Murder Mystery mit Humor. Wie schwierig war es in der Entwicklung, diese Balance zwischen Spannung, Komik und dunklen Geheimnissen sauber auszutarieren?
Das war eine Herausforderung, der wir uns als Produzentinnen mit Nataly Kudiabor und Leonie Geisinger zusammen Etappe für Etappe während eines ausgiebigen Entwicklungsprozesses gemeinsam mit unseren Autor:innen angenommen haben. Das Genre erfordert zum einen fundiertes Handwerk, um einen originären, anspruchsvollen Crime-Fall zu kreieren und zum anderen auch fundiertes Handwerk für eine Comedy.
Die Hauptfigur Fabian ist ein glückloser Hochstapler - kein klassischer Ermittler. Was reizt Sie als Produzentin an Figuren, die eher aus Zufall als aus Kompetenz in einen Kriminalfall geraten?
Gerade diese Besonderheit war für uns aus verschiedenen Gründen sehr reizvoll: Unsere Figur unterscheidet sich dadurch von der klassischen Ermittlerfigur eines Murder-Mystery-Formats, ist aber nicht weniger erfolgreich. Er gerät zwar unverhofft in die Situation eines Kriminalfalls, bekommt dadurch aber die ultimative Gelegenheit, sein außerordentliches Talent als Ermittler auszuspielen. Das zeigt uns, dass Fabian eigentlich Potential für eine Karriere auf der legalen Seite des Gesetzes hätte und gibt ihm bewundernswerte Stärken. Da er aber am Ende des Tages ein etwas glückloser Hochstapler ist und auch den ein oder anderen Fehltritt begeht, macht ihn das umso nahbarer. Auch das ist im Gegensatz zu klassischen Ermittlerfiguren aus Murder-Mystery-Referenzfilmen – die durch ihre Genialität oft etwas aus Distanz in einer gehobenen Sonderposition sind – für uns ein erfrischender Approach für die Figur gewesen.
Hochzeiten sind im Film oft Projektionsflächen für Konflikte, Abgründe und Geheimnisse. Warum eignet sich dieses Setting aus Ihrer Sicht besonders gut für ein Murder-Mystery-Format?
Die Spielregeln einer Hochzeit und der Familiendynamiken, die in diesem Kontext auftreten können, sind so ziemlich jedem bekannt und bieten nicht nur Projektionsfläche, sondern auch Identifikationsfläche für viele Menschen. Konflikte, Geheimnisse und Abgründe aus dieser Themenwelt eignen sich wunderbar für unser
Murder-Mystery-Format, weil sie aus einer Welt stammen, die für ein breites Publikum gut zugänglich ist, da sie viele Menschen betrifft. Hinzu kommt, dass die vielfach verbreiteten Erwartungen an ein perfektes Hochzeitsevent, als schönster Tag des Lebens, in unserem Film auf tragisch-komische Weise enttäuscht werden, was für uns zum Humor beiträgt. Und wir konnten im Dreh - mit unserem tollen Team in Litauen und Lettland – diese festliche Oberfläche visuell groß feiern und im Detail liebevoll durch unsere wunderbare Szenenbildnerin Petra Albert und ihr Team ausstatten.
Mit Bastian Pastewka haben Sie einen Hauptdarsteller, der stark mit Comedy verbunden ist. Wie bewusst war die Entscheidung, ihn in ein Genre zu setzen, das Humor und Krimi gleichwertig behandelt?
Bastian Pastewka war für uns von vorneherein die perfekte Besetzung für Fabian – er war als Hauptcast sogar schon Teil der Geburt der Idee. Wir haben den Stoff im Grunde für Bastian entwickelt: Unsere geteilte Begeisterung zum Murder-Mystery-Genre und seine enorme Expertise darin waren für uns von Anfang an ein echter Jackpot. Seine Leidenschaft für das Krimi- und Kriminhalhörspiel Genre macht ihn nicht nur zur idealen Besetzung, sondern auch noch zu einem einzigartig wertvollen Sparringspartner im gesamten Prozess des Films.
Der Cast ist sehr ensemblelastig. Wie wichtig war es Ihnen, jede Figur mit potenziellem Motiv und eigener Fallhöhe auszustatten, statt nur Staffage für die Hauptfigur zu sein?
Darauf haben wir sehr viel Wert gelegt und uns entsprechend in der Entwicklung auch die Zeit für genommen. Bei so einem zahlreichen Ensemble ist das in der Tat ein besonders großes Stück der Arbeit, aber es war für uns das A und O – denn so ein Film trägt dann am besten, wenn wir es schaffen, echte Figuren zu kreieren, mit denen die Zuschauer:innen gerne Zeit verbringen möchten. Dabei darf selbst die kleinste Rolle nicht vernachlässigt werden. Für uns gilt: Ohne Figuren, keine Story. Auch hier war die Zusammenarbeit mit unseren Autor:innen - Sven Poser, Martin Eigler, Sönke Neuwöhner (aka Plotpower) und Judy Horney, und unserem Regisseur Markus Sehr besonders intensiv und passioniert und ist durch unseren sehr geliebten Cast in der einzigartigen Konstellation zum Leben erweckt worden. Wir hatten das große Glück, dass die Chemie zwischen den Beteiligten während der Produktion von überaus wertschätzender Zusammenarbeit und großer Freude am Miteinander und Projekt geprägt war, was man sich natürlich besser nicht wünschen kann.
Der Film entsteht für Prime Video. Wie sehr beeinflusst die Streaming-Plattform bereits in der Stoffentwicklung Ton, Tempo und Erzählweise?
Die Stoffentwicklung und Produktion ist als Team-Arbeit gemeinsam mit unseren Partner:innen auf Streamingseite zu verstehen, in der die Bedürfnisse des Streamers als Auftraggeber und ausstrahlende Plattform Hand in Hand mit der Stoffentwicklung und allen weiteren Produktionsschritten gehen. Für uns ist es mit Prime Video ein wunderbar konstruktiver Prozess auf Augenhöhe und immer mit dem gemeinsamen Ziel, den bestmöglichen Film zu machen, was wir unserer Parternin in Crime - Verena Schilling, Head Of Movies - zu verdanken haben und dem gesamten Production Team von Amazon.
Murder Mystery erlebt international – etwa im Streaming – gerade ein Comeback. War das Genre für Sie strategisch gesetzt oder ergab sich der Stoff organisch aus der Idee rund um Fabian?
Es war eine Kombination aus strategischer Setzung im Sinne dessen, dass wir für einen solchen Stoff im deutschen Markt Potential gesehen haben – und dann kam gleich die Idee rund um Bastian als Fabian dazu. Als die Plotpower Autoren mit einem tollen Pitch um die Ecke kamen, war für uns schnell klar: Das wollen wir machen. Und auch Amazon war von diesem Gesamtpaket sehr schnell begeistert.
Die Produktion vereint Humor, Genre-Elemente und ein sehr deutsches Figurenensemble. Wie wichtig ist es Ihnen, dass deutsche Streaming-Filme nicht nur international funktionieren, sondern auch eine klare lokale Handschrift behalten?
In erster Linie werden deutsche Streaming-Programme für den deutschsprachigen Markt produziert, denn dafür haben die Streamer ihre Dependencen in den jeweiligen Ländern etabliert. Dass der Film über die Streaming-Plattform darüber hinaus ein internationales Publikum in vielen Ländern erreichen – und dort auch erfolgreich sein kann, eröffnet ihm großartiger Weise die Bühne der Welt. Eine starke Geschichte kann in dem Fall nur durch eine klare lokale Handschrift und damit verbundene Authentizität entstehen und so auch ein internationales Publikum ansprechen, daher ist es immer wichtig, dieser treu zu bleiben. Auch kann eine lokale Handschrift gleichzeitig eine gewisse Universalität mit sich bringen, wodurch das Identifikationspotenzial bei Zuschauer:innen weltweit umso größer sein kann. Je spezifischer und ehrlicher das Setting, desto universeller wirkt es oft.
UFA Fiction arbeitet hier mit Amazon MGM Studios Deutschland zusammen. Wie verändert sich die Produzentenrolle, wenn man mit einem globalen Player arbeitet, der gleichzeitig stark auf lokale Originals setzt?
Die Produzentenrolle gewinnt dadurch an erweiterter Bedeutung. Gerade in einem globalen Kontext braucht es Produzenten, die die lokale Herkunft und Identität der Stoffe genau kennen und gestalten können. Unsere Aufgabe ist es, diese Besonderheiten so klar zu formulieren, dass sie über Deutschland hinaus funktionieren und ihre spezifische Qualität entfalten. Dabei gilt es auch darauf zu achten, welche Themen, Bilder oder Codes in unterschiedlichen kulturellen Räumen wie gelesen werden.
Außerdem sind die Prozesse der Filmherstellung an manchen Stellen komplexer und auch strukturierter, weil man in ein internationales System eingebunden ist, mit klaren marktübergreifenden Standards und somit mehr Schnittstellen mit sehr geschätzten Kolleg:innen, was für die Qualität des Programms sehr zuträglich ist. Man arbeitet mit zwei Welten: lokale Authentizität ↔ globale Plattformlogik – ein sehr spannendes Feld.
Nach diesem Projekt gefragt: Was würden Sie sich wünschen, was das Publikum aus «Fabian und die mörderische Hochzeit» mitnimmt – eher den Spaß am Rätsel, die Figuren oder die Lust auf mehr solche hybriden Genreformate?
All das zusammen, denn das macht die besondere Mischung unseres Films aus. Wenn das Publikum sowohl Spaß am Rätsel, an den Figuren und an dieser Art hybrider Genreformate hat - und sich vielleicht sogar wünscht, dass Fabian weiter ermittelt -, wäre das für uns das schönste Kompliment. An Ideen für neue Fälle mangelt es Bastian und uns jedenfalls nicht…
Danke für Ihre Zeit!
«Fabian und die mörderische Hochzeit» startet am Freitag, 6. Februar 2026, bei Amazon.