Filme des Grauens: «The Gallows»

Billiger Schrecken, große Kasse: «The Gallows» zeigt, wie wenig Horror für maximalen Profit reichen kann.

Mit «The Gallows» landete das Horrorkino 2015 einen jener Treffer, die weniger wegen Qualität als wegen ihrer ökonomischen Effizienz in Erinnerung bleiben. Der Found-Footage-Film von Chris Lofing und Travis Cluff kostete angeblich nur rund 100.000 Dollar, spielte weltweit aber mehr als 40 Millionen ein. Inhaltlich und handwerklich steht er exemplarisch für die späte Ermüdungsphase des Found-Footage-Booms – ein Film, der fast alles falsch macht und trotzdem funktioniert.

Die Ausgangsidee klingt zunächst solide: Zwanzig Jahre nach einem tödlichen Bühnenunfall wird an einer Highschool ein verfluchtes Theaterstück wieder aufgeführt. Damals starb ein Schüler bei einer missglückten Hängeszene, nun scheint sein Geist zurückzukehren, um eine neue Generation heimzusuchen. Das Setting – nächtliche Schule, leerer Zuschauerraum, quietschende Seilzüge – bietet eigentlich ideale Voraussetzungen für klaustrophobischen Horror. Doch «The Gallows» entscheidet sich konsequent für den bequemsten Weg.

Die Handlung folgt vier Jugendlichen, die nachts in die Schule einbrechen, um das Theaterstück zu sabotieren. Warum sie dabei pausenlos mit laufender Kamera filmen, bleibt genretypisch unbeantwortet. Statt Atmosphäre gibt es hektisches Gewackel, statt Figurenzeichnung grobe Archetypen: der Sportler, die Vernünftige, der Klassenclown, die Mitläuferin. Gespielt werden sie unter anderem von Reese Mishler und Cassidy Gifford, deren Rollen kaum über Klischees hinauskommen. Emotionale Bindung entsteht nicht – ein zentrales Problem, wenn ein Horrorfilm Spannung erzeugen will.

Formal bedient sich «The Gallows» aus dem gesamten Werkzeugkasten des Found-Footage-Kinos: plötzliche Geräusche, aus dem Off gezerrte Figuren, Nooses, die sich wie von selbst bewegen. Die Inszenierung verlässt sich fast ausschließlich auf Jump-Scares, die selten vorbereitet und oft vorhersehbar sind. Besonders auffällig ist dabei die völlige Abwesenheit visueller Kreativität. Während frühe Genrevertreter zumindest mit neuen Perspektiven experimentierten, wirkt «The Gallows» wie eine Abfolge beliebiger Überwachungsvideos.

Inhaltlich wird es nicht besser. Die Mythologie rund um den toten Schüler Charlie bleibt oberflächlich, die Enthüllungen wirken konstruiert, das Finale bemüht einen Twist, der eher unfreiwillig komisch als verstörend ist. Der Film möchte Tragödie, Rachegeschichte und Meta-Kommentar auf Schulaufführungen zugleich sein – scheitert aber daran, diese Elemente sinnvoll zu verbinden. Kritiker beschrieben das Ergebnis treffend als „zusammengeklaubt“ und „erzählerisch faul“.

Warum war der Film trotzdem erfolgreich? Die Antwort liegt weniger im Film selbst als im Produktionssystem dahinter. Produziert von Blumhouse Productions, verkörpert «The Gallows» perfekt das Blumhouse-Prinzip: minimale Kosten, maximale Auswertung. Selbst ein mittelmäßiges Startwochenende reichte aus, um den Film sofort profitabel zu machen. Negative Kritiken spielten kaum eine Rolle, da das junge Zielpublikum vor allem auf den schnellen Nervenkitzel reagierte.

Für die Beteiligten hatte der Erfolg dennoch kaum nachhaltige Folgen. Lofing und Cluff konnten zwar eine Fortsetzung realisieren («The Gallows Act II»), diese verschwand jedoch nahezu unbeachtet. Die Darsteller verschwanden größtenteils wieder aus dem Rampenlicht. «The Gallows» blieb ein einmaliger Ausreißer – ein Film, der mehr als Geschäftsmodell denn als künstlerischer Beitrag funktioniert.

Auch darstellerisch blieb «The Gallows» weitgehend folgenlos. Reese Mishler, der als sportlicher Hauptdarsteller Reese Houser im Zentrum der Handlung steht, hatte vor dem Film kaum Schauspielerfahrung und konnte daraus auch kein nachhaltiges Karrieresprungbrett machen. Nach dem Werk folgten nur noch vereinzelte kleinere Rollen, bevor er sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückzog. Pfeifer Brown, die als Pfeifer Ross zunächst wie das emotionale Gegengewicht fungiert, blieb ebenfalls im Independent- und Kurzfilm-Bereich hängen, ohne den Übergang zu größeren Produktionen zu schaffen. Am bekanntesten ist im Rückblick noch Cassidy Gifford, nicht zuletzt wegen ihres prominenten familiären Hintergrunds, doch auch sie konnte den Überraschungserfolg nicht in eine dauerhafte Hollywood-Präsenz ummünzen. Insgesamt wirkt das Ensemble wie gezielt austauschbar gecastet: jung, unverbraucht, günstig – funktional für das Konzept, aber ohne jene markanten Gesichter oder Leistungen, die dem Film im Nachhinein ein eigenes Profil hätten geben können.

Im Kontext ist «The Gallows» ein Paradebeispiel für modernes Billighorror-Kino: technisch rudimentär, inhaltlich dünn, dramaturgisch einfallslos. Und doch zeigt er eindrucksvoll, wie wenig es braucht, um ein Horrorpublikum ins Kino zu locken. Angst entsteht hier nicht durch Idee oder Atmosphäre, sondern durch Lautstärke und plötzliche Bewegung. Was bleibt, ist kein nachhaltiger Schrecken – sondern das Gefühl, gerade 80 Minuten lang einer gut geölten, aber seelenlosen Maschine zugesehen zu haben.
21.02.2026 12:12 Uhr  •  Sebastian Schmitt Kurz-URL: qmde.de/168440