Der ehemals patenten norddeutschen Heimatkrimi-Reihe scheinen so langsam die Ehen auszugehen. Denn die neueste Ausgabe wird leider nur oberflächlich geführt.
Stab
Darsteller: Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse, Anne Zander, Pascal Houdus, Mona Pirzad
Musik: Stefan Hansen
Kamera: Fee Strothmann
Drehbuch: Holger Karsten Schmidt
Regie: Joana VogdtDie neue Ausgabe von «Nord bei Nordwest» mit dem Titel «Pechmarie» will große Fragen in die handliche ARD-Donnerstagskrimi-Form pressen: Schicksal und Zufall, Schuld und Gerechtigkeit, Glück und Geld. Heraus kommt dabei ein Werk, das sich permanent selbst beim Bedeutendsein zuschaut – und darüber vergisst, spannend, präzise oder auch nur erzählerisch stringent zu überzeugen.
Das ist schade, denn der Stoff hätte durchaus Potenzial gehabt. Schon die Ausgangslage wirkt wie aus einem Baukasten für „ernste“ Fernsehunterhaltung: vier Tote, Drogen, verschwundenes Geld, ein abgeschiedenes Dorf, das mehr weiß, als es sagt. Dazu eine tragisch überladene Figur: Marie Hansen, genannt „Pechmarie“, taub, vom Blitz getroffen, familiär mehrfach ausgelöscht. Man spürt förmlich, wie das Drehbuch mit jeder weiteren Schicksalszumutung prüft, ob noch irgendwo ein freies Plätzchen für Elend ist. Subtilität ist dabei nicht vorgesehen.
Anne Zander spielt diese Marie mit sichtbarer Ernsthaftigkeit und großem körperlichen Einsatz, doch gegen die narrative Überdeterminierung kommt auch sie nicht an. Marie ist weniger Figur als Behauptung: die Verkörperung des vom Leben verfolgten Menschen. Dass sie taub ist, wird dramaturgisch genutzt, aber selten wirklich reflektiert; es bleibt meist beim gut gemeinten Effekt. Ihre innere Entwicklung – vom Opfer des Schicksals zur selbstbestimmten Akteurin – ist nicht falsch, aber unerquicklich schematisch. Jeder Schritt wirkt vorherbestimmt, ironischerweise genau in einem Film, der ständig behauptet, dem Schicksal trotzen zu wollen.
Auch die bekannten Ermittler Hauke Jacobs und Hannah Wagner stolpern eher durch die Handlung, als dass sie sie tragen würden. Hinnerk Schönemann darf wie gewohnt kauzig granteln, Jana Klinge schaut nachdenklich-entschlossen, doch ihre Detektivarbeit ist mehr Vehikel für Exposition als echte Polizeiarbeit. Hinweise tauchen auf, wenn sie gebraucht werden, Verdächtige melden sich pünktlich, und komplexe moralische Fragen werden lieber in Dialogen verhandelt als in Handlung übersetzt. Wenn der Film fragt, ob man Marie das gestohlene Geld „gönnen“ darf, dann klingt das weniger nach ethischem Dilemma als nach Drehbuchkonferenz.
Überhaupt diese Fragen: „Kann Glück ohne Pech existieren?“ „Macht Geld glücklich?“ Das sind Gedanken, die der Film mit der Beharrlichkeit eines Glückskekses vor sich herträgt. Statt sie aus Situationen heraus entstehen zu lassen, werden sie ausgesprochen, kommentiert, fast doziert. Die philosophische Schwere liegt wie Nebel über Schwanitz, nur dass sie nichts verhüllt, sondern alles verlangsamt. Spannung entsteht so kaum. Selbst die Drogenbosse wirken erstaunlich uninteressiert an ihrer eigenen Bedrohlichkeit – sie sind halt da, weil jemand gefährlich sein muss.

Formal bleibt «Pechmarie» solide, aber unauffällig. Fee Strothmanns Kamera fängt Küste und Wald routiniert schön ein, die Musik von Stefan Hansen unterstreicht zuverlässig jede Gefühlsregung, als traue sie dem Publikum keine eigene Wahrnehmung zu. Regisseurin Joana Vogdt hält das alles ordentlich zusammen, doch Ordnung ersetzt eben keine Haltung. Man spürt das Bemühen, dem «Nord bei Nordwest»-Kosmos etwas Gewicht zu verleihen, nur leider wird hier Gewicht mit Bedeutung verwechselt.
Am Ende steht ein Film, der seine Figuren liebt, ihnen aber nicht vertraut. Ein Film, der viel über Schicksal redet und wenig dem Zufall überlässt, der moralisch sein will und dabei unerquicklich belehrend wird. «Pechmarie» ist kein Totalausfall, aber ein Beispiel dafür, wie gut gemeinte Ernsthaftigkeit eine Reihe lähmen kann, die einmal von lakonischem Charme und erzählerischer Leichtigkeit lebte.
Die neue Folge «Pechmarie» der Reihe «Nord bei Nordwest» wird am Donnerstag, den 29. Januar um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.