Regisseurin Joana Vogdt: ‚Zwischen Schicksal, Selbstbehauptung und Stille‘
Mit „Pechmarie“ inszeniert Joana Vogdt ihre erste Folge der ARD-Krimireihe «Nord bei Nordwest» – und setzt dabei starke eigene Akzente. Der Film verbindet einen harten Kriminalfall mit einer sensiblen Geschichte über Schicksal, Selbstermächtigung und Wahrnehmung. Im Interview spricht Vogdt über die Inszenierung einer gehörlosen Hauptfigur, die Balance zwischen Märchenhaftigkeit und Realismus, die besondere Bedeutung von Landschaft und Gemeinschaft – und darüber, was Glück für sie persönlich bedeutet.
Frau Vogdt, „Pechmarie“ ist Ihre erste Regiearbeit innerhalb der Reihe «Nord bei Nordwest». Mit welchem Gefühl sind Sie an dieses etablierte Format herangegangen – eher mit Respekt oder mit Lust auf eigene Akzente?
Der Respekt war groß, aber die Lust auf eigene Akzente ebenso. An «Nord bei Nordwest» schätze ich sehr, dass man sich trotz des klaren Krimirahmens stilistisch erstaunlich frei bewegen kann. Die Geschichten werden mutig und mit großer Spielfreude erzählt. Jede Folge hat zudem ihren eigenen Charakter. „Pechmarie“ ist dabei eine besonders wilde, wunderbare Mischung unterschiedlicher Tonalitäten, die viel Fingerspitzengefühl verlangt. Mir ist es wichtig, Figuren fein und präzise zu führen, um dabei den jeweils stimmigen Ton zu treffen.
Was hat Sie als Regisseurin besonders an der Figur Marie Hansen fasziniert – einer Frau, die gleichzeitig traumatisiert, stark, verletzlich und entschlossen ist?
Mich hat an Marie Hansen genau diese Gleichzeitigkeit von großer Sensibilität und starkem Kampfgeist fasziniert. Trotz aller Schicksalsschläge verliert sie sich nicht in Selbstmitleid und lässt sich nicht unterkriegen. Diese Figur wollte ich unbedingt ernst nehmen und auch sehr nah an ihr dran erzählen.
Überall dort, wo ich die Möglichkeit gesehen habe, Maries Stärke noch deutlicher sichtbar zu machen, haben wir, Anne Zander und ich, sie genutzt – in Momenten, in denen sie kontert, sich behauptet und beginnt, sich aktiv zu wehren. Gleichzeitig war es uns wichtig, auch ihre zarte, sinnliche Seite zu zeigen – über das Kostüm sowie Szenenbild, über kleine Gesten und über die Art, wie Marie für sich ist, wenn sie nicht beobachtet wird.
Holger Karsten Schmidt beschreibt „Pechmarie“ als Geschichte über Schicksal und Selbstbehauptung. Wie haben Sie diesen philosophischen Kern filmisch greifbar gemacht?
Den philosophischen Kern habe ich vor allem über die Inszenierung der Figur der Pechmarie erlebbar gemacht und in dem ich viele kleine Details gesetzt habe. Besonders das Motiv der „höheren Gewalt“ zieht sich durch die Geschichte. Der Himmel bekommt in der Umsetzung eine besondere Aufmerksamkeit. Holger Karsten Schmidt arbeitet im Drehbuch immer wieder mit Bildern und Zitaten rund um Glück, Pech und Schicksal. Das verleiht der Geschichte Tiefe und geschieht zugleich oft mit einem Augenzwinkern. Das hat mir sehr gefallen. Ich habe es aufgegriffen und dort wo es sich angeboten hat, weitergeführt. Die Symbolik verleiht der Geschichte stellenweise eine fast märchenhafte Qualität, und beim Thema Schicksal schwingt sowieso etwas Mystisches mit. Dieses Gefühl haben ich mit der Musik von Stefan Hansen zusätzlich verstärkt.
Die Rolle der Marie wird von Anne Zander gespielt, die selbst taub ist. Wie sind Sie an die Inszenierung einer Figur herangegangen, deren Wahrnehmungswelt eine völlig andere ist als die der hörenden Zuschauer?
Ich bin mit großer Neugier an diese Figur herangegangen. Für mich beginnt jede Arbeit mit Recherche. Besonders wichtig war dabei der enge Austausch mit Anne Zander und unserem Deaf-Supervisor, der darauf geachtet hat, dass gehörlose Kultur, Gebärdensprache und Kommunikation authentisch und respektvoll dargestellt werden. In mehreren Gesprächen haben wir über Wahrnehmung und Alltag gesprochen – ganz allgemein, aber auch sehr persönlich. Viele dieser Anregungen sind direkt in die Inszenierung eingeflossen. Genau das reizt mich an meinem Beruf: in eine andere Wahrnehmungswelt einzutauchen und sie für ein Publikum erfahrbar zu machen. Gleichzeitig war mir wichtig, dass Maries Taubheit nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt wird oder alles überlagert, sondern selbstverständlich Teil ihrer Figur und ihrer Welt ist.
Welche kreativen oder technischen Überlegungen standen dahinter, Maries Taubheit auch visuell oder akustisch erlebbar zu machen?
Ich wollte sehr nah an der Figur Marie erzählen. Ihre Taubheit ist Teil ihres Lebens, aber nicht das, was die Figur in erster Linie ausmacht. Die Zuschauer lernen Marie kennen, ohne dass ihnen diese Eigenschaft gleich aufgedrängt wird. Erst kurz bevor es dramaturgisch von Bedeutung wird, tauchen wir in Maries subjektive Hörperspektive hinein. „Taub“ zu sein heißt nicht immer „gar nichts hören“. Und selbst wenn man gar nichts hört, fühlt man Vibrationen und Schwingungen. Mit unseren ambitionierten Sounddesignern haben wir an Maries Akustik-Welt experimentiert. Es war ein feines Austarieren, in welchen Momenten wir als Zuschauer in Maries Hörperspektive sind. Manchmal ist es inhaltlich zwingend, trägt es zur Spannung bei oder zur Emotionalität. Wir sind ihr in diesen Momenten der Stille besonders nah. Das erlebt man z.B. eindrücklich, wenn Marie versteht, dass ihr Bruder tot.
Die Gebärdensprache eröffnet im Spiel einen neuen Raum für Subtext und emotionale Feinheiten. Bei der Erarbeitung und in der Inszenierung wurden wir eng von unserem Deaf-Supervisor begleitet, der Marleen Lohse und Hinnerk Schönemann bereits in der Vorbereitung coachte und auch während der Dreharbeiten unterstützte.
In einzelnen Momenten habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Alltagspraktiken sichtbar zu machen – etwa den Einsatz des Handys zur Übersetzung. Diese Impulse kamen auch aus dem Austausch mit Anne Zander. Mir war wichtig, da eine realistische, zeitgemäße Kommunikation zu zeigen, die Maries Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihrer Umwelt unterstreicht.
Die Episode erzählt gleichzeitig einen harten Kriminalfall und eine intime Geschichte über Selbstermächtigung. Wie haben Sie diese beiden Ebenen in der Inszenierung miteinander in Einklang gebracht?
Für mich war entscheidend, beide Ebenen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ineinander greifen zu lassen oder bewusst in Kontrast zu stellen. So entsteht ein mitreißender Rhythmus unterschiedlicher Tonalität. Der Kriminalfall liefert Struktur, Spannung und Tempo, während die intime Geschichte von Selbstermächtigung über Nähe und Beobachtung erzählt wird. Die äußere Bedrohung und die Härte des Falls befeuern Maries Entwicklung. Und umgekehrt gibt ihre persönliche Geschichte dem Krimi emotionale Tiefe. So entsteht kein Bruch zwischen Genre und Intimität, sondern ein Spannungsfeld, in dem sich beides gegenseitig verstärkt.
Die Schwanitzer Community begegnet Marie mit Wärme und Respekt. Wie wichtig war Ihnen dieser Kontrast zwischen dörflicher Geborgenheit und der Bedrohung durch skrupellose Drogendealer?
Dieser Kontrast war mir sehr wichtig, und an dieser Stelle habe ich mich auch bewusst nicht gescheut, ins märchenhafte „Gut & Böse“ zu gehen und mit leichter Überspitzung zu arbeiten sowie einer Prise Humor. Die Schwanitzer Community steht für Nähe, Verlässlichkeit und eine dörfliche Wärme – auch wenn sie nicht frei von Ambivalenzen ist. Gerade im Umgang mit Marie zeigen sich Respekt und Schutz als bewusster Gegenpol zur äußeren Bedrohung.
Die Drogendealer hingegen sind klar als Fremdkörper angelegt: arrogant, rücksichtslos und auch visuell deutlich abgesetzt – über Kostüm, Haltung und Auftreten.
Der Film stellt große Fragen: Was ist Glück? Gibt es Schicksal? Kann man seinem Unglück entkommen? Wie wichtig war Ihnen, dass diese Themen trotz Krimispannung Raum bekommen?
Sehr wichtig. Diese existenziellen Themen bilden den emotionalen Kern der Folge und machen einen großen Teil ihres Charmes aus. Mir war es wichtig, ihnen bewusst Raum zu geben – jenseits der reinen Krimihandlung.
Maries Kampf um ihr Elternhaus ist einer der emotional stärksten Handlungsstränge. Wie haben Sie diese Mischung aus sozialem Drama und Thriller-Elementen gestaltet?
Egal ob Drama oder Thriller, entscheidend war für mich, dass das Publikum mit Marie mitfühlt. Je stärker diese emotionale Bindung ist, desto intensiver folgt man der Geschichte – ganz gleich, ob es um Schmerz, Angst oder Freude geht.
Ihr Kampf um das Elternhaus ist existenzielle – es ist das Letzte, was ihr von ihrer Familie geblieben ist. Deshalb habe ich das Haus sehr bewusst als Drehort gewählt: als einen Ort mit Seele, Charakter und dramaturgischem Potenzial, auch für den Showdown. Das Haus ist zudem stark mit der Beziehung zu ihrem Bruder aufgeladen, den ich selbst nach seinem Tod präsent halte und in Verbindung mit Marie setze. Gerade im Moment, in dem Marie schließlich Glück erfährt, war mir diese Ebene wichtig – ein reiner Geldgewinn hätte für mich dieses Glück nicht getragen. Dass sie in der Situation sogar in Kommunikation mit ihm tritt, gibt der Szene eine andere Nuance und mehr Tiefe.
Insgesamt habe ich versucht, den Handlungsstrang von Marie sehr realistisch und nah an ihr dran zu erzählen, bis die Geschichte zum Schluss blitzartig einen märchenhaften Ton einschlägt.
Sie arbeiten hier mit einem eingespielten Hauptcast um Hinnerk Schönemann, Jana Klinge und Marleen Lohse. Wie war es für Sie, als neue Regiestimme in diese dynamische Dreierkonstellation einzutreten?
Es war sehr aufregend, neu in ein so eingespieltes Team zu kommen – zumal einer der Hauptdarsteller selbst Regie führt. Bei einem festen Cast ist klar: Niemand kennt die Figuren besser als die Schauspielerinnen und Schauspieler selbst. Mit dieser Haltung hineinzugehen, war mir wichtig. Ich habe mich mit Offenheit und Neugier eingebracht und so viel Spielfreude erlebt. Alle drei sind extrem talentiert, sehr präsent und gleichzeitig menschlich unheimlich kollegial. Die Zusammenarbeit hat großen Spaß gemacht. Ich würde gern wieder mit ihnen arbeiten.
Der Dreh fand auf Fehmarn und in Hamburg statt. Welche Bedeutung hatte die Landschaft – der Wald, das Meer, die Abgeschiedenheit – für Ihre Bildsprache und die Atmosphäre des Films?
In «Nord bei Nordwest» ist die Ostseeküste weit mehr als Kulisse – sie ist Teil der Erzählung und prägt die Identität der Reihe. Auch in „Pechmarie“ trägt die Landschaft entscheidend zur Atmosphäre bei. Das Meer kann an einem Küstenabschnitt bedrohlich wirken, an einem anderen befreiend oder poetisch.
Wir haben sehr besondere Drehorte gefunden. Manche haben uns viel abverlangt – Abgeschiedenheit und anspruchsvolle Logistik kosten Zeit, und Zeit ist beim Dreh ein kostbares Gut. Aber diese Orte lohnen sich, weil sie für manche Szenen prägend sind. Bei der Atmosphäre spielt natürlich auch das Wetter eine große Rolle – aber so viel Spielraum haben wir da doch leider nicht – das ist dann Glück! So gibt es in einer Szene einen echten Regenbogen.
„Pechmarie“ stellt die Frage nach Glück und Unglück in den Mittelpunkt. Was bedeutet für Sie persönlich Glück – und hat sich Ihre Sicht darauf während der Arbeit an diesem Film verändert?>
„Zu sein“ das ist Maries Definition von Glück. Mit dieser Erklärung hat mich der Drehbuchautor zu Gedankenspielen unterschiedlicher Philosophen geführt. Meine persönliche Interpretation dazu entspricht der Antwort auf Ihre Frage: der Moment, in dem ich mit dem Leben verbunden bin und so sehr darin aufgehe, dass ich mich selbst vergesse. Das kann in Beziehungen zu anderen Menschen sein, draußen in der Natur oder in der konzentrierten Hingabe zur eigenen Arbeit. Und wenn all das auch noch miteinander verbunden ist, z.B. einen Film drehen zu dürfen, in Begleitung meiner Familie und all das am Meer – das bedeutet mein größtes Glück!
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Erste sendet „Pechmarie“ von «Nord Nord Mord» am Donnerstag, den 29. Januar, um 20.15 Uhr. Die Episoden sind seit 1. Januar in der ARD Mediathek abrufbar.