Die Kritiker: «Anna und ihr Untermieter - Volles Haus»

Ein Film wie ein überbehütender Gastgeber: Die neue Inkarnation von «Anna und ihr Untermieter» führt Konflikte nur ein, um sie gleich wieder glatt zu bügeln. Doch so kann kein überzeugender Film entstehen.

Stab

Darsteller: Katerina Jacob, Ernst Stötzner, Max Herbrechter, Johanna Schraml, Katharina Schlothauer, Golo Euler
Musik: Dürbeck & Dohmen
Kamera: Roman Nowocien
Drehbuch: Martin Rauhaus
Regie: Michael Rowitz
«Anna und ihr Untermieter – Volles Haus» ist einer jener Filme, die sich mit dem wohlmeinenden Lächeln einer öffentlich-rechtlichen Abendunterhaltung präsentieren und dabei konsequent vermeiden, irgendjemandem wehzutun – außer dem eigenen Anspruch auf Relevanz. Michael Rowitz’ neuester Beitrag zur beliebten Reihe wirkt wie ein sorgfältig entkoffeinierter Kamillentee: beruhigend, vorhersehbar, und spätestens nach der Hälfte der Laufzeit fragt man sich, warum man eigentlich noch wach ist.

Der Film möchte viel: Er will vom Wert des Kümmerns erzählen, von Generationenkonflikten, von Bürokratie als kaltem Gegenspieler der Menschlichkeit und nebenbei noch eine Patchwork-Familie, eine Alten-WG und eine gescheiterte Ehe unterbringen. Das alles wird mit dem routinierten Ernst serviert, den man aus dem Genre kennt. Doch statt lebendiger Vielschichtigkeit entsteht vor allem narrative Überfüllung – «Volles Haus» ist hier weniger Titel als unfreiwillige Diagnose.

Katerina Jacob als Anna Welsendorff trägt den Film mit jener abgeklärten Warmherzigkeit, die ihr seit Jahren eingeschrieben ist. Das Problem: Sie spielt Anna nicht, sie verwaltet sie. Jede Geste, jede Reaktion scheint aus dem Baukasten der „starken, herzlichen Frau im besten Alter“ entnommen. Überraschungen bleiben aus, innere Konflikte werden maximal angedeutet, bevor sie von der nächsten gut gemeinten Dialogzeile wieder glattgezogen werden. Ernst Stötzner als Werner Kurtz darf den knorrigen, aber im Kern goldenen Gegenpart geben – eine Rolle, die er mit professioneller Souveränität absolviert, ohne ihr neue Facetten abzuringen. Man spürt: Diese Figuren kennen sich, und leider kennen wir sie auch schon viel zu gut.

Das zentrale dramaturgische Element – ein Kind in Not, das vorübergehend von zwei Senioren betreut wird – ist emotionaler Selbstläufer und genau deshalb so unerquicklich. Pia, das kleine Mädchen, fungiert weniger als Figur denn als moralischer Platzhalter. Sie ist süß, sie ist Projektionsfläche. Ihre Anwesenheit dient dazu, Bürokratie als herzloses Monster zu zeichnen und die Alten-WG als Hort der wahren Menschlichkeit. Differenzierung? Fehlanzeige. Ambivalenzen werden gar nicht erst zugelassen, weil sie den wohligen Erzählfluss stören könnten.

Besonders unerquicklich gerät der Umgang mit den Nebenfiguren. Herbert Knaup als „gecancelter“ Opa Horst darf einmal mehr den Mann spielen, der früher sicher schlimme Dinge gesagt hat, heute aber eigentlich nur fehlgedeutet wird. Dass hier komplexe familiäre Verletzungen auf das Maß eines missglückten Missverständnisses heruntergekocht werden, ist symptomatisch für das gesamte Drehbuch von Martin Rauhaus: Konflikte existieren nur, um möglichst schnell wieder beigelegt zu werden.

Am Ende ist «Anna und ihr Untermieter – Volles Haus» ein Film, der seine Zuschauer nicht ernsthaft herausfordert, sondern umsorgt wie ein übervorsichtiger Gastgeber. Das mag trösten, es mag kurzfristig wärmen – aber es hinterlässt nichts, worüber man länger nachdenken möchte. Kümmern ist hier nicht nur das Thema, sondern auch die Haltung der Macher: Man kümmert sich so sehr darum, alles richtig zu machen, dass man vergisst, etwas Bedeutendes zu erzählen.

Der Film «Anna und ihr Untermieter – Volles Haus» wird am Freitag, den 23. Januar um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
22.01.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/168243