Kaulitz-Faktor: Bill und Tom funktionieren im linearen Fernsehen nicht

Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt: Abseits weniger Ausnahmen sorgen „Tokio Hotel“-Stars Bill und Tom Kaulitz mit ihrer Präsenz im linearen Fernsehen seit Jahren eher für Quotendruck als für Höhenflüge.

Die "Tokio Hotel"-Stars werden die Moderatoren von «Wetten, dass..?», doch wird das Unterfangen ein Erfolg? Quotenmeter hat den Verlauf der zwei Bandmitglieder über die Jahre begleitet und nun eine Bilanz aufgestellt. Als Bill und Tom Kaulitz in der zehnten Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» (RTL) in der Jury saßen, war das Format bereits auf dem absteigenden Ast – doch die Zahlen beschleunigten den Trend. Während die erste Staffel des Casting-Dauerbrenners noch 9,48 Millionen Zuschauer im Schnitt erreichte und ein Finale mit 12,8 Millionen verbuchte. Die neunte Staffel generierte 5,19 Millionen Zuschauer, nachdem die Kaulitz-Zwillinge an Bord waren, waren noch bei 4,17 Millionen Zuschauer dabei. Das Finale kam auf 4,63 Millionen, der durchschnittliche Marktanteil betrug 13,3 Prozent.

Zum Vergleich: In den Staffeln 6 bis 8 lag der Marktanteil noch zwischen 19,8 und 21,2 Prozent, die Reichweiten bewegten sich meist deutlich oberhalb von fünf Millionen. Nach Staffel 10 setzte sich der Sinkflug fort: Staffel 14 fiel auf 3,64 Millionen, Staffel 18 sogar auf 3,22 Millionen, Staffel 19 auf 1,85 Millionen und Staffel 21 schließlich auf 1,68 Millionen Zuschauer bei nur noch 7,5 Prozent Marktanteil. Natürlich wäre es unfair, diesen Verfall allein den Kaulitz-Zwillingen zuzuschreiben – doch als erhoffter Impulsgeber funktionierten sie erkennbar nicht.

Ein ähnliches Bild zeigte sich bei «The Voice of Germany». In der 19. Staffel, in der Bill und Tom als Coaches auftraten, markierte das Format neue Negativrekorde. Während die erste Staffel einst noch 4,16 Millionen Zuschauer im Schnitt und 13,4 Prozent Marktanteil erzielte, sank die Reichweite über die Jahre kontinuierlich. Bereits Staffel 10 lag nur noch bei 2,67 Millionen, Staffel 12 bei 1,86 Millionen. In der Phase mit den Kaulitz-Brüdern bewegte sich «The Voice» auf einem Niveau um 1,6 Millionen Zuschauer und Marktanteile von 6,6 bis 6,9 Prozent im Gesamtpublikum. In der Zielgruppe 14–49 Jahre wurden teils nur noch 0,46 bis 0,60 Millionen Zuschauer erreicht. Für ein einstiges Vorzeigeformat von ProSiebenSat.1 war das ein klarer Tiefpunkt.

Mit «Queen of Drags» wollte ProSieben ein progressives Event-Format etablieren. Die Realität: Die Auftaktfolge kam auf 1,50 Millionen Zuschauer bei 5,3 Prozent Marktanteil, in der Zielgruppe immerhin 11,4 Prozent. Doch bereits Folge zwei rutschte auf 1,13 Millionen, Folge vier sogar auf 960.000 Zuschauer und 3,4 Prozent Marktanteil. Am Ende pendelte das Format konstant unter der Millionenmarke – für einen Prime-Time-Slot eindeutig zu wenig.

Auch als Gäste in etablierten Shows konnten Bill und Tom Kaulitz selten für Ausreißer nach oben sorgen. Ihre Ausgabe von «Duell um die Welt» am 31. August 2019 erzielte 1,11 Millionen Zuschauer und 5,6 Prozent Marktanteil – eine der schwächsten Folgen in einer Phase, in der das Format sonst noch relativ stabil lief. Vergleichbare Ausgaben zuvor lagen meist zwischen 1,38 und 1,63 Millionen Zuschauern.

Besonders deutlich wurde die Diskrepanz zwischen Name und Quote bei «That's My Jam». Auf RTL startete die Show 2023 mit 0,81 Millionen Zuschauern (8,6 Prozent), fiel aber schon in der zweiten Folge auf 0,48 Millionen (4,5 Prozent) und schließlich auf 0,35 Millionen (3,6 Prozent). Bei VOX setzte sich das Desaster 2024 fort: Marktanteile von 1,6 bis 2,0 Prozent, Zuschauerzahlen zwischen 170.000 und 190.000 – Werte, die sonst eher im Nachtprogramm zu finden sind. Ähnlich kurzlebig war «Die Superduper Show» bei ProSieben. Die erste und einzige regulär beendete Folge am 17. September 2024 erreichte lediglich 0,49 Millionen Zuschauer und 2,3 Prozent Marktanteil. Nach nur einer von vier geplanten Folgen zog der Sender die Reißleine.

Ganz anders sieht es außerhalb des klassischen Fernsehens aus. Der Podcast «Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood» zählt zu den größten Erfolgen im deutschsprachigen Podcast-Markt und rangiert regelmäßig auf Platz 2 der Charts. Hier funktionieren Tonfall, Intimität und Selbstinszenierung – offenbar genau dort, wo lineares Fernsehen an Grenzen stößt. Auch die Netflix-Doku «Kaulitz & Kaulitz» startete solide: Rund eine Million Abrufe in der ersten Woche, Top-10-Platzierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. International blieb die Resonanz allerdings überschaubar. Die zweite Staffel erreichte im zweiten Halbjahr 2025 1,5 Millionen Abrufe.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung des ZDF, Bill und Tom Kaulitz ab Dezember 2026 als Moderatoren von «Wetten, dass..?» einzusetzen, mindestens riskant. Bereits unter Markus Lanz fiel die Reichweite dramatisch: Zwischen 2013 und 2014 bewegten sich die Ausgaben meist nur noch zwischen 5,48 und 6,88 Millionen Zuschauern – bei Marktanteilen um 19 bis 23 Prozent. Von früheren 12- bis 14-Millionen-Zeiten war das Format da längst entfernt. Angesichts der bisherigen Bilanz der Kaulitz-Brüder im linearen TV erscheint ein Szenario von fünf bis sieben Millionen Zuschauern nicht unrealistisch. Für das ZDF wäre das zwar kein Totalschaden, aber sicher kein Triumphzug für eine der ikonischsten Shows Europas.

Bill und Tom Kaulitz sind zweifellos relevante Figuren der Popkultur. Ihr Podcast-Erfolg beweist, dass sie Reichweite generieren können – allerdings unter Bedingungen, die sie selbst kontrollieren. Im klassischen Fernsehen hingegen zeigt die Statistik ein klares Muster: sinkende Reichweiten, schwache Marktanteile, kurze Laufzeiten. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eher ein Hinweis darauf, dass ihr Image, ihr Humor und ihr Erzählstil nicht zum Korsett des linearen Entertainments passen. Für Sender bleibt die Frage, ob prominente Namen allein noch ein Argument sind – oder ob gerade bei großen Shows wieder stärker auf Format, Dramaturgie und Publikumsbindung gesetzt werden muss. Die Zahlen der vergangenen Jahre sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache. Ein «Wetten, dass..?» mit Bill und Tom Kaulitz könnte ein Erfolg werden, doch ein Misserfolg wird vermutlich deutlich wahrscheinlicher.
23.01.2026 12:02 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/168219