Ein Thriller, der unterwegs sein eigenes Gesicht verlor und genau daran spektakulär scheiterte.

Mit
«Exposed» landete Anfang 2016 ein Film im Heimkino, der wie ein typischer Keanu-Reeves-Krimi vermarktet wurde, in Wahrheit aber das Fragment eines völlig anderen Projekts war. Ursprünglich unter dem Titel «Daughter of God» entwickelt, sollte das Regiedebüt von Gee Malik Linton ein düsterer, surrealer Film über sexuellen Missbrauch, religiöse Wahnvorstellungen und verdrängte Traumata werden. Heraus kam stattdessen ein wirrer Hybrid aus Polizeithriller und Psychodrama, der weder als Genrebeitrag noch als Autorenfilm funktioniert – ein Paradebeispiel für einen Film, der im Schneideraum endgültig zerstört wurde.
Im Zentrum der veröffentlichten Fassung steht Detective Scott Galban, gespielt von Keanu Reeves, der den Tod seines Polizeipartners untersucht. Schnell deutet sich an, dass der Verstorbene alles andere als ein Held war: Korruption, Brutalität und sexueller Missbrauch werden angedeutet, doch der Film traut sich nie, diese Themen konsequent auszuleuchten. Parallel folgt die Handlung der jungen Isabel, verkörpert von Ana de Armas, einer tief traumatisierten Frau, die glaubt, Engel zu sehen und auf wundersame Weise schwanger zu sein. Erst spät wird klar, dass diese Visionen reine Schutzmechanismen sind – Reaktionen auf eine Vergewaltigung durch eben jenen Polizisten, dessen Tod Galban untersucht.
Was in der Theorie nach schwerer, unbequemer Kost klingt, wirkt im Film zerstückelt und unerquicklich. Die beiden Erzählstränge greifen kaum ineinander, Szenen scheinen aus einem anderen Film zu stammen, Tonlagen wechseln abrupt. Besonders deutlich wird das daran, dass Reeves’ Rolle zwar prominent beworben wird, im Film aber erstaunlich wenig zu tun hat. Galban bleibt eine Randfigur im Drama einer Frau, deren Geschichte eigentlich den Kern des Films bilden sollte.
Der Grund dafür liegt in einer der bemerkenswerteren Produktionskatastrophen der 2010er-Jahre. Lionsgate hatte sich von «Daughter of God» einen vermarktbaren Cop-Thriller mit Starbesetzung erhofft. Als sich im Schnitt zeigte, dass der Film stattdessen ein verstörendes, symbolisch aufgeladenes Drama war, griff das Studio massiv ein. Der Film wurde umgeschnitten, der Fokus verschoben, ganze Bedeutungsebenen verwässert. Regisseur Linton distanzierte sich öffentlich vom Ergebnis, verlangte die Entfernung seines Namens und wurde im Abspann durch das Pseudonym „Declan Dale“ ersetzt – ein drastischer Schritt, der bereits alles über den Zustand des Endprodukts verrät.
Kritisch wurde «Exposed» nahezu einhellig verrissen. Die Vorwürfe reichten von „unverständlich“ über „dramaturgisch kaputt“ bis hin zu „zynisch“, da der Film reale Themen wie sexuelle Gewalt nur noch als erzählerisches Beiwerk nutzt. Auf Plattformen wie „Rotten Tomatoes“ blieb kaum Zustimmung übrig, und auch das Publikum blieb aus. An den Kinokassen spielte der Film weltweit nicht einmal 300.000 Dollar ein – ein desaströses Ergebnis selbst für einen limitierten Start. Erst im Heimkinomarkt konnte ein Teil der Kosten durch DVD- und Blu-ray-Verkäufe abgefedert werden.
Für die Beteiligten hatte das Projekt unterschiedliche Folgen. Keanu Reeves befand sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin auf dem Weg in eine neue Karrierephase, die kurz darauf mit «John Wick: Chapter 2» endgültig zündete. «Exposed» verschwand schnell aus seiner Filmografie-Diskussion. Ana de Armas hingegen ließ sich vom Debakel nicht aufhalten: Nur wenige Jahre später folgten internationale Erfolge und der Aufstieg zum Hollywood-Star. Der größte Verlierer blieb Regisseur Linton, dessen eigentliche Vision nie in einer breiten, offiziellen Fassung veröffentlicht wurde und der seitdem keine vergleichbare Aufmerksamkeit mehr erhielt.
Im Kontext ist «Exposed» weniger wegen einzelner Szenen interessant, sondern als Lehrstück. Kaum ein Film zeigt so deutlich, wie fatal es sein kann, wenn Studiointeressen und Autorenkino frontal kollidieren. Was als ambitionierter, wütender Film über Machtmissbrauch gedacht war, endete als orientierungsloser Thriller, der niemandem gerecht wird – weder seinem Thema noch seinem Publikum. «Exposed» ist damit kein klassischer „schlechter Film“, sondern ein beschädigter. Einer, der erahnen lässt, dass irgendwo darunter ein mutiger, unangenehmer Film verborgen liegt. Doch genau dieser Film durfte nie existieren. Und so bleibt am Ende ein Werk, das vor allem eines ist: das traurige Dokument einer kreativen Demontage.