Ein verblüffend verständlicher Reiseführer durch die Welt der Quanten, die Florian Aigner verfasst hat.

Mit „Warum wir nicht durch Wände gehen“ hat der Physiker und Wissenschaftserklärer Florian Aigner eines der seltenen Bücher geschrieben, die ein notorisch schwieriges Thema nicht nur zugänglich, sondern geradezu lustvoll lesbar machen. Ausgezeichnet als Wissensbuch des Jahres 2023 von Bild der Wissenschaft, richtet sich dieses Werk an alle, die sich schon einmal gefragt haben, was Quantenphysik eigentlich bedeutet – und warum sie unseren Alltag viel stärker prägt, als wir gemeinhin annehmen.
Der Titel ist dabei ebenso augenzwinkernd wie programmatisch. Warum gehen wir nicht einfach durch Wände, obwohl unsere Teilchen es theoretisch könnten? Genau mit solchen scheinbar absurden Fragen öffnet Aigner die Tür zu einer Welt, die unseren gesunden Menschenverstand regelmäßig herausfordert. Denn die Quantenwelt folgt nicht den Regeln, an die wir aus der Alltagsphysik gewöhnt sind. Teilchen können gleichzeitig an verschiedenen Orten sein, Zustände über große Distanzen miteinander verknüpfen oder sich erst im Moment der Messung festlegen. Was auf den ersten Blick wie Science-Fiction klingt, ist längst experimentell bestätigt – und Grundlage moderner Technologie.
Aigners großes Verdienst besteht darin, diese Phänomene ohne Formeln, ohne akademische Abschottung und ohne mystifizierenden Ton zu erklären. Stattdessen nimmt er seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, die bewusst vertraute Denkgewohnheiten infrage stellt. Er zeigt, dass Quantenphysik nicht deshalb schwer verständlich ist, weil sie besonders kompliziert wäre, sondern weil sie unseren intuitiven Vorstellungen von Raum, Zeit und Ursache widerspricht. Wer bereit ist, diese Intuitionen zeitweise loszulassen, kann erstaunlich klar verstehen, was in der Welt der kleinsten Teilchen geschieht.
Dabei geht es Aigner nicht darum, Quantenmechanik zu vereinfachen oder zu verharmlosen. Im Gegenteil: Er nimmt die wissenschaftliche Präzision ernst, verzichtet aber auf unnötige technische Details. Mit anschaulichen Gedankenexperimenten, überraschenden Vergleichen und feinem Humor erklärt er, warum Teilchen tunneln können, weshalb Schrödingers Katze kein esoterischer Unsinn ist und was es mit Quantenteleportation tatsächlich auf sich hat – jenseits populärer Missverständnisse.
Ein zentraler Aspekt des Buches ist die Verbindung zwischen abstrakter Theorie und konkreter Lebenswelt. Aigner macht deutlich, dass Quantenphysik keine fernab gelegene Spezialdisziplin ist, sondern unsere moderne Zivilisation im Innersten zusammenhält. Ohne quantenmechanische Effekte gäbe es keine Halbleiter, keine Laser, keine Smartphones, keine MRT-Geräte und keine präzise Navigation. Die Welt, in der wir leben, ist längst eine Quantenwelt – auch wenn wir sie im Alltag klassisch wahrnehmen.
Besonders gelungen ist, wie Aigner mit verbreiteten Mythen rund um Quantenphysik aufräumt. Er grenzt wissenschaftliche Erkenntnisse klar von esoterischen Überdehnungen ab, ohne belehrend zu wirken. Quantenphysik ist faszinierend genug, so seine Botschaft, man muss ihr keine spirituellen Bedeutungen andichten. Gerade diese Klarheit macht das Buch auch zu einem Plädoyer für wissenschaftliches Denken: für Neugier, Skepsis und die Bereitschaft, Gewissheiten zu hinterfragen.
Stilistisch ist „Warum wir nicht durch Wände gehen“ leichtfüßig, pointiert und immer wieder überraschend witzig. Aigner schreibt so, dass man sich als Leser ernst genommen fühlt, aber nie überfordert. Er erklärt nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe – und genau darin liegt die große Stärke des Buches. Man merkt, dass hier jemand schreibt, der nicht nur versteht, wovon er spricht, sondern auch Freude daran hat, dieses Verständnis zu teilen.
Gleichzeitig ist das Buch mehr als eine Einführung in die Quantenphysik. Es ist auch eine Einladung, die Welt insgesamt anders zu betrachten. Wenn selbst die grundlegenden Bausteine der Realität nicht so funktionieren, wie wir es erwarten, dann lohnt es sich, vorsichtig mit einfachen Erklärungen zu sein – nicht nur in der Physik, sondern auch in anderen Bereichen des Denkens. Aigner deutet diese philosophische Dimension immer wieder an, ohne sie auszubreiten oder zu überfrachten.
Damit eignet sich das Buch für ein erstaunlich breites Publikum. Wer keinerlei Vorkenntnisse hat, findet einen verständlichen Einstieg. Wer sich bereits für Physik interessiert, wird viele bekannte Konzepte in neuer Klarheit wiederentdecken. Und wer einfach Lust auf ein kluges, unterhaltsames Sachbuch hat, das den Horizont erweitert, ist hier ebenfalls richtig.