«Anna und ihr Untermieter»: Wenn Kümmern Folgen hat

Wenn Hilfsbereitschaft plötzlich zur amtlichen Angelegenheit wird, geraten selbst gut gemeinte Entscheidungen ins Wanken.

Vieles, was «Anna und ihr Untermieter» mit der Folge „Volles Haus“ erzählt, kennt das Publikum der ARD-Freitagsreihe bereits – und genau darin liegt auch die erzählerische Konsequenz des neuen Films. Für Hauptdarstellerin Katerina Jacob ist der aktuelle Film ausdrücklich kein Bruch, sondern eine Fortführung dessen, was die Reihe seit Jahren ausmacht: „Es ist kein neues Kapitel, da es sich in den Folgen immer um familiäre und moralische Dispute handelte.“

Im Mittelpunkt steht erneut Anna Welsendorff, die handelt, bevor sie lange abwägt – diesmal jedoch mit durchaus handfesten Konsequenzen. Als Anna und ihr Untermieter Werner Kurtz (Ernst Stötzner) nach einem medizinischen Notfall bei der Tafel kurzfristig Verantwortung für ein Kind übernehmen, geraten sie ins Visier bürokratischer Regeln. Dass Anna dabei wieder ihrem Instinkt folgt, verteidigt Jacob entschieden: „Als Trotz empfinde ich es nicht. Idealismus ist etwas sehr Positives – und wenn man sich für etwas entscheidet, muss man auch mit den Konsequenzen rechnen.“

Dieses Spannungsfeld aus Menschlichkeit und Vorschrift bildet das thematische Zentrum des Films. Das Motiv des Kümmerns zieht sich bewusst durch die Geschichte – und ist für Jacob hochaktuell: „Die Gesellschaft ist empathieloser und egoistischer geworden, insofern ist es wichtig, auf Werte des Miteinanders hinzuweisen.“ Dass diese Fragen im Gewand einer Komödie verhandelt werden, ist dabei kein Widerspruch, sondern Teil des Konzepts.

Gleichzeitig prallt Annas Haltung immer wieder auf formale Regeln und Zuständigkeiten. Politische Schlagseite soll der Film dabei jedoch nicht haben. Jacob formuliert das klar: „TV sollte einen Auftrag erfüllen, was Aufklärung, Bildung und soziale Kompetenzen betrifft – aber niemals eine Meinung vorgeben oder politisch in eine Richtung drängen.“ „Volles Haus“ bleibt damit bewusst beobachtend statt wertend.

Auch im Zwischenmenschlichen verschiebt sich etwas. Die Beziehung zwischen Anna und Werner hat sich über die Jahre spürbar verändert. „Anna ist sanfter geworden und er lässt sich mehr auf sie ein. Sie wachsen immer mehr zu einem Team zusammen, das sich gut ergänzt“, beschreibt Jacob die Dynamik. Diese gewachsene Nähe trägt den Film – leise, ohne große Gesten.

Parallel dazu eskaliert Annas familiärer Mikrokosmos. Hochzeitsstress, existenzielle Fragen der Enkelgeneration und die Rückkehr des ungeliebten Opa Horst (Herbert Knaup) sorgen für zusätzliche Reibung. Große Thesen vermeidet Jacob auch hier: „Familie ist nie einfach. Das gab es immer schon und wird es auch in Zukunft geben.“ Der Film macht daraus keinen Konflikt mit Lösung, sondern eine Zustandsbeschreibung. Dass „Volles Haus“ trotz leichter Tonlage auch Einsamkeit, Generationenkonflikte und Überforderung verhandelt, ist für die Hauptdarstellerin zentral: „Das sind brandaktuelle Themen, deswegen ist es ein wichtiger Aspekt.“ Die emotionale Erdung ist dabei ebenso wichtig wie der Humor.

Getragen wird das Ganze erneut vom Ensemble, das sich über Jahre gefunden hat. Für Jacob fühlt sich die Arbeit an der Reihe trotz kurzer Drehzeiten vertraut an: „Auch wenn wir uns nur vier Wochen im Jahr sehen, freue ich mich jedes Mal sehr, die Truppe gesund anzutreffen und mit ihnen gemeinsam Annas Geschichte weiterzuführen.“ Und was soll am Ende bleiben, wenn am Freitagabend abgeschaltet wird? Jacob wünscht sich keinen reinen Wohlfühleffekt, sondern etwas mehr: „Ein lächelndes Nachdenken!“
21.01.2026 12:56 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/168176