Statt "Lady in Red" nun also: Die Frau in Blau. Joachim Król und Jonas Nay eint ein schweres Schicksal. Doch Klarheit finden sie nie im neuen Mittwochsfilm im Ersten.
Stab
Darsteller: Joachim Król, Jonas Nay, Nairi Hadodo, Judith Bohle, Amelie Gerdes, Ralph Diekers
Musik: Stefan Will
Kamera: Martin Farkas
Drehbuch: Ruth Toma
Regie: Rainer KaufmannEs gibt Filme, denen man beim Scheitern fast wohlwollend zusieht, weil sie wenigstens ehrgeizig scheitern. «Die Frau in Blau» gehört nicht dazu. Denn dieser Fernsehfilm ist vor allem enttäuschend, weil er seine durchaus vorhandenen Chancen so beharrlich liegen lässt, als habe er Angst davor, sich an ihnen zu verletzen. Alles ist da: ein tragischer Kern, zwei starke Schauspieler, ein moralisches Dilemma, das nach Reibung, Schmerz und Ambivalenz verlangt. Und doch entscheidet sich der Film konsequent für den bequemsten Weg – den der gefälligen Versöhnlichkeit.
Die Ausgangslage ist eigentlich von brutaler Klarheit: Ein Mann hat einen tödlichen Unfall verursacht, ein anderer hat dabei seine Frau verloren. Schuld und Verlust, Verantwortung und Verdrängung – Stoff genug für ein Drama, das wirklich wehtut. Stattdessen erzählt «Die Frau in Blau» diese Geschichte, als wolle der Film sie möglichst schnell entschärfen. Der größte dramaturgische Kniff – der Gedächtnisverlust des überlebenden Ehemanns, dessen Frau bei dem Unfall so tragisch verstorben ist – wirkt weniger wie eine tragische Konsequenz des Unglücks als wie ein narrativer Airbag: Denn er fängt alles ab, was gefährlich werden könnte. Erinnerung, Wut, Trauer: Alles wird ausgeschaltet. Was bleibt, ist eine sanfte Begegnung zweier Männer, die sich kaum noch etwas zu sagen haben müssen, weil das Schlimmste schon aus dem Weg geräumt ist.
Joachim Król spielt Alfred mit der ihm eigenen Mischung aus Wärme und Verschrobenheit, Jonas Nay gibt Denis, den Unfallfahrer, als innerlich Getriebenen, der sich schuldig fühlt und doch vor allem um sich selbst kreist. Beiden kann man dabei gerne zusehen, sie tragen den Film mit professioneller Souveränität. Aber auch sie bleiben seltsam unterfordert. Vor allem Króls Figur wird durch die Inszenierung in eine Art wohlmeinende Unantastbarkeit gerückt. Alfred ist liebenswert, ein bisschen schrullig, kreativ – und damit vor allem ungefährlich. Seine Behinderung und sein Leben dienen weniger einer ernsthaften Auseinandersetzung als einer Atmosphäre der Harmlosigkeit, in der sich alle Konflikte sanft auflösen lassen.
Das Drehbuch von Ruth Toma, sonst bekannt für präzise Figurenzeichnungen, scheint hier auffallend konfliktscheu. Statt die Begegnung der beiden Männer wirklich auszuspielen, flüchtet der Film in eine Roadmovie-ähnliche Episode um ein verschwundenes Gemälde. Diese Passage ist zwar mit gut ausgedachten absurden Momenten garniert, wirkt aber vor allem wie ein Ablenkungsmanöver. Der emotionale Kern – der Tod der Frau, die Schuld des einen, der Verlust des anderen – wird zur Randnotiz, während sich der Film in kleinen, oft nett gemeinten Szenen verliert.
Auch Regisseur Rainer Kaufmann inszeniert hier mit einer glatten Routine, die man aus dem gehobenen Fernsehspiel nur zu gut kennt. Die Kamera von Martin Farkas findet gefällige Bilder, die Musik von Stefan Will legt sich sanft unter jede Szene, als wolle sie sicherstellen, dass sich niemand unwohl fühlt. Genau darin liegt das Problem: «Die Frau in Blau» will nicht verstören, nicht fordern, nicht einmal wirklich berühren, sondern vielmehr gefallen. Und damit verpasst der Film die Gelegenheit, etwas zu riskieren.

Besonders enttäuschend erscheint, wie konsequent «Die Frau in Blau» moralische Ambivalenzen vermeidet. Denis’ Schuld bleibt abstrakt, fast theoretisch. Dass er einen Menschen getötet hat, wird zwar behauptet, aber nie wirklich spürbar gemacht. Die Begegnung mit Alfred wird nicht zur Konfrontation, sondern zur Therapie light. Alles läuft auf eine leise, versöhnliche Veränderung hinaus, die sich mehr anfühlt wie ein pädagogisch wertvolles Schlusswort als wie ein notwendiger emotionaler Prozess.
«Die Frau in Blau» ist kein schlechter Film im handwerklichen Sinne. Aber er ist ein mutloser. Einer, der lieber auf Nummer sicher geht, statt seine Figuren und sein Publikum ernsthaft herauszufordern. Gerade deshalb bleibt am Ende vor allem Enttäuschung: darüber, dass ein Film mit so viel Potenzial sich damit begnügt, nett zu sein. Und nett ist hier leider das Gegenteil von gut.
Der Film «Die Frau in Blau» wird am Mittwoch, den 21. Januar um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.