Warum steigende Preise, verschobene Versprechen und ein Berliner Erklärjournalismus den Protest normalisieren. Die CDU muss endlich reagieren, sonst kommt das Desaster.

Es ist einer dieser Sätze, die man immer häufiger hört – meist leise, oft mit einem Schulterzucken:
„Ich wähle die AfD nicht wegen ihrer Inhalte, sondern aus Trotz. Dieser Satz ist kein Freibrief, er ist ein Warnsignal. Denn er beschreibt eine politische Realität, in der sich Menschen nicht mehr vertreten fühlen – weder von Parteien noch von den Medien, die politische Entscheidungen einordnen sollen. Die AfD kommt nicht an die Macht, weil sie überzeugende Antworten liefert. Sie kommt voran, weil andere Akteure – Politik wie Medien – den Alltag vieler Menschen systematisch kleinreden, relativieren oder auf eine ferne Zukunft vertagen. Das ist kein Vorsatz, aber ein strukturelles Versagen. Und genau darin liegt die Gefahr.
Ein besonders greifbares Beispiel ist der Benzinpreis. Die CO₂-Bepreisung steigt, politisch gewollt und klimapolitisch begründet. Das kann man erklären – und muss man auch. Was man aber ebenso erklären müsste:
Warum der versprochene Ausgleich bis heute ausbleibt. Das Klimageld sollte genau diese soziale Schieflage abfedern. Es wurde angekündigt, eingeplant, kommunikativ mehrfach bekräftigt. Ausgezahlt wurde es nie. Juristisch ist das kein Betrug. Politisch wirkt es dennoch wie eine einseitige Vertragsänderung: Belastungen sofort, Entlastungen irgendwann. Für viele Haushalte ist das keine abstrakte Debatte, sondern eine monatliche Rechnung. Wer pendeln muss, wer auf dem Land lebt, wer keine realistische Alternative zum Auto hat, erlebt diese Politik als Zumutung. Nicht, weil Klimaschutz falsch wäre, sondern weil seine Kosten ungleich verteilt werden. Genau hier beginnt der Frust – und Frust sucht sich politische Ventile.
An dieser Stelle greift die AfD. Sie ist keine Partei der Lösungen, sondern der Ablehnung. Ihre Erzählung ist einfach: „Die da oben“ kümmern sich nicht. Dass diese Erzählung mit Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und autoritären Fantasien verknüpft ist, wird von vielen Wählerinnen und Wählern nicht ignoriert, sondern bewusst in Kauf genommen. Das ist erschreckend – aber erklärbar. Die AfD profitiert nicht von Zustimmung zu ihrem Programm, sondern von der **Abwesenheit glaubwürdiger Alternativen**. Sie ist eine Trotz-Partei. Und Trotz entsteht dort, wo Menschen sich dauerhaft nicht ernst genommen fühlen.
Besonders bitter ist dabei das Versagen der Union. CDU und CSU könnten diese Lücke schließen – theoretisch. Praktisch verweisen sie auf Zukunftspläne, Steuerreformen „nach der Wahl“, wirtschaftliche Impulse „mittelfristig“. Doch die Wirtschaft lebt nicht von Ankündigungen, sondern von Planungssicherheit im Jetzt. Mittelständische Betriebe kämpfen mit Energiepreisen, Bürokratie und Fachkräftemangel. Arbeitnehmer kämpfen mit steigenden Lebenshaltungskosten. Und währenddessen formuliert die politische Mitte Ziele für 2030 oder 2035. Wer heute nicht weiß, wie er die nächste Heizkostenabrechnung bezahlt, lässt sich mit langfristigen Visionen kaum beruhigen.
Kaum ein Thema verdeutlicht diese Diskrepanz so deutlich wie die Elektromobilität. Der Umstieg ist notwendig, sinnvoll und technologisch machbar. Doch die Umsetzung ist realitätsfern. Wer keine eigene Wallbox besitzt, zahlt an öffentlichen Ladesäulen häufig mehr als für Benzin. Kommunen und Betreiber verweisen auf Kosten, Netzentgelte und Wartung. Für den Nutzer zählt das Ergebnis: Das geförderte E-Auto wird im Alltag teurer als der Verbrenner. Hinzu kommt ein fast absurder Zustand: An vielen Ladesäulen ist der Preis nicht einmal klar sichtbar. Man lädt, ohne zu wissen, was es kostet – ein Szenario, das an klassischen Tankstellen undenkbar wäre. Transparenz sieht anders aus. Akzeptanz auch. Das Problem ist nicht die Technologie, sondern die Politik dahinter. Wer eine Mobilitätswende will, muss sie bezahlbar, verständlich und fair organisieren. Sonst wird sie als Zwang erlebt – und Zwang erzeugt Widerstand.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Politik allein erklärt den Aufstieg der AfD nicht. Teile des politischen Journalismus tragen ihren Anteil. Wer regelmäßig Formate wie «Bericht aus Berlin» oder «Berlin Mitte» verfolgt, erlebt eine auffällige Konstante: Fast alles ist „komplex“, „alternativlos“ oder „noch in Arbeit“. Das ist nicht falsch – aber unvollständig. Steigende Preise werden eingeordnet, nicht problematisiert. Verzögerte Entlastungen gelten als Prozess, nicht als politisches Scheitern. Die Konsequenzen für den Alltag vieler Menschen bleiben Randnotizen. So entsteht eine mediale Dauerberuhigung, die außerhalb des Berliner Politikbetriebs kaum noch verfängt. Man erklärt, warum Entscheidungen getroffen wurden – aber nicht, warum sie für viele schlicht nicht funktionieren.
Auch konservative Medien wie „Die Welt“ spielen eine ambivalente Rolle. Hier wird zwar laut kritisiert, doch oft aus einer wirtschaftsliberalen Vogelperspektive. Es geht um Standortfragen, Wettbewerbsfähigkeit, ideologische Grabenkämpfe. Was fehlt, ist die konkrete Alltagsdimension. Wer weder im Großstadtloft noch im Eigenheim mit Wallbox lebt, fühlt sich auch hier selten repräsentiert. Die Kritik bleibt abstrakt, elitär – und öffnet paradoxerweise erneut der AfD Räume. Denn dort wird nicht analysiert, sondern emotionalisiert.
Das strukturelle Problem ist offensichtlich: Viele politische Formate erklären inzwischen primär die Politik – nicht mehr ihre Wirkung. Sie erklären, warum etwas notwendig sei, nicht, warum es für viele untragbar wirkt. Diese Lücke ist gefährlich. Denn wer sich medial nicht wiederfindet, wendet sich ab. Und wer sich abwendet, landet nicht automatisch bei differenzierter Analyse, sondern oft bei radikalen Vereinfachungen. Die AfD nutzt genau diese Leerstelle. Sie muss nichts liefern, solange andere die Probleme wegmoderieren.
Gerade der öffentlich-rechtliche Politikjournalismus operiert häufig aus einer Berliner Binnenlogik heraus. Man spricht mit Staatssekretären, Fraktionsvizes, Thinktankern. Man erklärt Prozesse, verweist auf Koalitionsrunden, ordnet Gesetzentwürfe ein. Das alles ist nicht falsch – aber es ist unvollständig. Denn was fehlt, ist die Konsequenzfrage: Was bedeutet das konkret für jemanden, der pendelt? Für jemanden ohne Wallbox? Für jemanden, der auf dem Land lebt und dessen Heizkosten steigen, während die Entlastung vertagt wird? Wenn in Talk- und Magazinformaten steigende Benzinpreise als notwendiger Transformationsschritt dargestellt werden, ohne gleichzeitig klar zu benennen, dass der soziale Ausgleich politisch verschleppt wurde, dann kippt Berichterstattung in Schönrederei. Nicht aus Absicht, sondern aus Perspektivverengung.
Auch konservative Medien wie „Die Welt“ tragen ihren Teil dazu bei – allerdings auf andere Weise. Hier wird zwar laut kritisiert, aber selten aus der sozialen Realität heraus. Stattdessen dominiert eine wirtschaftsliberale Erzählung, die Probleme vor allem als Standortfragen verhandelt, nicht als Alltagsbelastung. Wer sich weder im Großstadtloft noch im Eigenheim mit Wallbox wiederfindet, fühlt sich auch hier nicht repräsentiert. Die Kritik bleibt abstrakt, elitär, oft kulturkämpferisch – und öffnet damit paradoxerweise erneut der AfD Räume. Denn dort wird nicht analysiert, sondern emotionalisiert.
Wenn die AfD weiter wächst, dann nicht, weil sie Antworten hat, sondern weil andere sich weigern, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Politik, die Belastungen beschließt und Entlastungen vertagt, verliert Vertrauen. Medien, die das erklären, statt es zu problematisieren, verlieren Glaubwürdigkeit. Und eine demokratische Mitte, die glaubt, man könne soziale Realität mit Zukunftsversprechen überdecken, verliert am Ende Wahlen.