«Silvester für Eins»: Peinlicher Sketch oder harmloser TV-Move?
Die beiden Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer‑Umlauf gelten seit Jahren als Publikumsmagnet für ProSieben – doch ihre Silvester-Interpretation von «Dinner for One» sorgte für geteilte Reaktionen.
Am Beginn steht ein Klassiker: Der 1963 entstandene Sketch «Dinner for One» gehört zu den meistgesendeten TV-Traditionen zum Jahreswechsel in Deutschland. Millionen schalten seit Jahrzehnten am 31. Dezember ein, wenn Butler James seiner Gastgeberin Miss Sophie den Tisch deckt und mit jedem Gang ein Gläschen mehr trinkt. Vor Jahren griffen Joko & Klaas diese Tradition ironisch auf, nachdem sie in «Joko & Klaas gegen ProSieben» verloren hatten und zur Strafe einen Abend füllen mussten. Aus markenrechtlichen Gründen hieß die Sendung später «Silvester für Eins», doch der Kontext war klar: eine moderne, verrückte Reprise des Kultsketchs.
Inhaltlich war die Idee simpel: Die beiden bekannten Moderatoren schlüpfen in die Rollen der Begriffe des Originals, trinken und stolpern mit absichtlich überspitztem Humor durch das Szenario. Das Produktionsteam arbeitete den Sketch nach und versuchte, die durch Corona-Einschränkungen schwerer zu produzierende „Event-Atmosphäre“ trotzdem zu erzeugen. Doch die kreative Umsetzung fiel vielen Kritikern und Zuschauern schwerer als gedacht.
Bereits bei der Ausstrahlung wurde das Experiment in der Presse besprochen – Der Stern etwa bezeichnete den Sketch als „zwischen befremdlich und lustig“, der Humor sei nahe an der Grenze und das Ergebnis schwer eindeutig zu werten. Zwar gab es Momente, die schmunzeln ließen, doch ein durchgehend gelungenes Entertainment-Erlebnis wollte sich nicht einstellen.
Der Online-Dialog in Foren war ebenso zweigeteilt: Einige Zuschauer fanden das Gesehene „unlustig“ und quälend, selbst beim Schauen am Neujahrstag, andere lobten die Mühe um eine neue Tradition. Ein Reddit-Beitrag etwa schrieb, er habe sich beim Anschauen „unwohl bemüht um ein Lachen bemüht“, weil er den deutschen Silvesterklassiker und den humorig übertriebenen Versuch nicht zusammengebracht habe.
Diese gemischte Resonanz spiegelt sich deutlich in den Quoten wider – und zwar über die Jahre. Von 2021 bis 2025 ist nicht nur ein Quotenabfall, sondern ein regelrechter Zerfall der Reichweite und Marktanteile zu sehen. Die ersten Zahlen belegen dies eindrücklich:
31.12.2021: «Silvester für Eins» erreichte 2,814 Mio. Zuschauer und 12,2 % MA insgesamt; in der werberelevanten Zielgruppe 14–49 lagen 2,058 Mio. Zuschauer bei 33,7 % MA – herausragende Werte für eine Privatsendung am Sonntag.
31.12.2022: Ein Jahr später rutschte die Reichweite auf 1,105 Mio. und 5,4 % MA; bei 14–49 sank der Anteil auf 14,5 %.
31.12.2023: 0,867 Mio. Zuschauer und 4,4 % MA insgesamt; 13,3 % MA in der Schlüsselgruppe.
31.12.2024: 0,736 Mio. Zuschauer, 4,0 % MA gesamt und 12,0 % MA bei 14–49.
31.12.2025: Die Zahlen brachen auf dem neuen Vorabend-Slot weiter ein:
nur 0,459 Mio. Zuschauer, 2,9 % MA insgesamt und 7,2 % MA in der Zielgruppe.
Diese Kurve erzählt von einer Sendung, die einst ein starker Jahresabschluss war und inzwischen nur noch fern der Spitze landet. Die Frage drängt sich auf: Sind dieser Sketch und seine Umsetzung schlicht kein Publikumsmagnet mehr oder unterminiert die Art seiner Inszenierung das Potenzial, das Joko & Klaas sonst besitzen?
Ein Blick auf die Natur des Sketchs hilft zu verstehen, warum. Der Erfolg «Joko & Klaas gegen ProSieben» lebt von Spontaneität, Kreativität und Situationswitz – es geht um das Unerwartete, das Eventhafte. Beim «Dinner for One»-Sketch war der Effekt vielleicht zu planbar, zu sehr an alte Traditionen angelehnt. Die für die Show typische Dynamik verblasst zugunsten einer „humorvollen Übung“, die weder klassischen Sketch noch subversives Experiment ist. Dadurch verliert sie an Anziehungskraft. In der Presse wurde zwar – wie erwähnt – berichtet, dass es „zumindest interessierte Blicke und Schmunzler“ gab, doch ein klares Lob konnte sich kaum etablieren.
Manche Stimmen hielten gar fest, dass schon allein die Darstellung, wie die beiden Entertainer „an der Humorgrenze agieren“, symptomatisch für die Herausforderungslogik sei: Hier wird bewusst Überzeichnung betrieben, so dass die Reaktion im Zuschauerraum zwischen Amüsement und Fremdscham schwankt. Diese Gratwanderung gelingt nur selten, und wenn sie misslingt, fehlt beiden Seiten – dem Publikum wie den Machern – eine feste Mitte.
Auch Quotenmessungen zeigen: Selbst ein bekannter Name und hohe Erwartungshaltung können einen sinkenden Trend nicht stoppen, wenn die inhaltliche Substanz fehlt. Die Zuschauer flüchten dann schnell zu Alternativen – sei es zum linearen Filmprogramm, zu Streaming-Anbietern oder in andere Genres, die am Sonntagabend stärker funktionieren. Und das, obwohl Joko & Klaas weiterhin mit starken Showformaten wie «Wer stiehlt mir die Show?» oder anderen Event-Specials regelmäßig hohe Einschaltquoten sichern können.
Kurz gesagt: Ein einmaliger, humorvoller Silvester-Gag mit Kultanspruch ist kein Todesurteil für Joko & Klaas als Marke – aber diese spezielle Version von «Dinner for One» hat ihre Tragfähigkeit im deutschen Fernsehen offenbar überschritten. In Zeiten, in denen Zuschauer zwischen Streaming, Social Media und linearem TV pendeln, braucht es mehr als bloße Nostalgie und betonte Betrunkenheit, um konsistente Quoten zu liefern. Entscheidungen über Neuausrichtungen im Silvester-Programm sollten daher auf qualitativen Konzepten fußen – und weniger auf bloßen Traditionsverweisen.