Kaum eine Serie endet so widersprüchlich wie «Gilmore Girls». Die Originalserie lief ohne ihre Schöpferin ins Finale, das Revival versprach ein „wahres Ende“ – und hinterließ doch erneut Frust, Debatten und offene Fragen.
«Gilmore Girls» gehört zu den wenigen Serien, die gleichzeitig Kult, Komfortprogramm und Popkultur-Phänomen wurden. Zwischen 2000 und 2007 lieferte die Serie einen warmen, schnellen, dialogverliebten Blick auf Mutter-Tochter-Beziehungen, Kleinstadt-Romantik und Kaffee-getriebenen Alltag. Doch trotz ihrer Popularität gibt es bis heute kaum eine Serie, bei der das eigentliche Ende so unklar und umstritten bleibt wie bei den «Gilmore Girls». Nicht, weil es besonders rätselhaft wäre – sondern weil die Hauptverantwortlichen die Serie gar nicht zu Ende erzählen durften. Amy Sherman-Palladino, die Schöpferin des Formats und stilprägende Stimme, verließ die Serie nach Staffel sechs im Streit über Arbeitsbedingungen und fehlende Unterstützung im Writers’ Room. Die siebte Staffel entstand ohne sie – und für viele Fans wirkt sie bis heute wie eine unvollständige Abschrift des Originals. Als 2016 das Netflix-Revival «A Year in the Life» erschien, hofften Millionen auf ein „wahres“ Ende. Doch die vier 90-minütigen Filme, die jeweils eine Jahreszeit darstellen sollten, erwiesen sich als nostalgisch, ambitioniert – und für nicht wenige Zuschauer enttäuschend. Das Ende von «Gilmore Girls» ist damit ein seltsames Fernsehphänomen: Es existiert zweimal, aber keines davon fühlt sich völlig richtig an.
Stattdessen entstand Staffel sieben unter David S. Rosenthal, und sie ist bis heute eine merkwürdige Staffel. Nicht schlecht, aber anders. Weniger pointiert, weniger rhythmisch, weniger klar im Aufbau. Die Dialoge hatten nicht mehr den typischen Palladino-Singsang, die Geschichten fokussierten sich stärker auf romantisches Drama und weniger auf die leichten, intelligenten Alltagsbeobachtungen, die die Serie ursprünglich auszeichneten. Lorelai heiratete Christopher, bereute es, trennte sich wieder, und am Ende der Staffel fanden sie und Luke doch wieder zueinander, allerdings ohne die dramaturgische Tiefe oder den Mut, den sich viele gewünscht hätten. Rory wiederum verabschiedete sich aus Stars Hollow, um als Journalistin für Barack Obamas Wahlkampagne zu arbeiten. Es war ein schönes, aber sanftes Finale – ein Abschied, aber kein großes Serienende.
Doch als die Revival-Folgen 2016 erschienen, merkte man schnell, dass «A Year in the Life» ein nostalgisches Geschenk ist – aber kein makelloses Werk. Die ersten Minuten setzen den Ton: Rory ist keine erfolgreiche Journalistin, sondern eine orientierungslose 32-jährige, die zwischen London, New York und Stars Hollow pendelt, ohne festen Wohnsitz, ohne Plan, ohne Ziel. Sie hat eine heimliche Affäre mit Logan, der wiederum verlobt ist, und vergisst permanent ihren eigenen Freund Paul – ein Running Gag, der vielen sauer aufstößt. Lorelai steckt ebenfalls fest: Das Dragonfly Inn funktioniert, aber Sookie fehlt, Michel ist unterfordert, und Luke wirkt von den Jahren der Routine fast erdrückt. Dazu kommt Emily Gilmore, die nach dem echten Tod des Schauspielers Edward Herrmann als Witwe eine der stärksten, emotionalsten Figuren des Revivals wird. Während die Serie versucht, die alten Dialogrhythmen zurückzubringen, schwingt ständig eine leichte Melancholie mit: Das hier ist nicht die gleiche Welt wie 2007. Und diese Figuren sind nicht mehr die gleichen.
Was als „vollendeter Kreis“ gedacht war – Rory als junge, unverheiratete Mutter, so wie Lorelai einst –, wirkte für einen großen Teil der Fangemeinschaft wie ein Rückschritt. Andere sahen darin eine poetische Symmetrie: das Ende als Anfang, die Gilmore-Frauen als Dreigenerationenlinie, die sich immer weiter fortschreibt. Doch ob die Schwangerschaft von Logan stammt oder jemand anderem oder ob sie jemals aufgelöst werden sollte, blieb bewusst offen. Amy Sherman-Palladino hat später mehrfach gesagt, dass die vier Worte nie als Cliffhanger geplant waren, sondern als Schlusspunkt. Das Publikum empfand es jedoch meist als Cliffhanger – und als unbefriedigenden noch dazu.