‚Wir nehmen uns in den falschen Momenten zu wichtig – und übersehen die eigentlichen‘

Mit «I Am the Greatest» haben Marlene Bischof und Nicolai Zeitler eine außergewöhnliche Serie geschaffen: sieben Episoden, in denen alltägliche Situationen zu emotionalen Parallelwelten werden – mal komisch, mal schmerzhaft, oft überraschend intim.

Frau Bischof, Herr Zeitler – «I am the Greatest» ist ein ungewöhnliches Format: sieben Episoden, sieben Alltagsmomente, die in innere Parallelwelten kippen. Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?
Schon als wir uns kennenlernten, haben wir viel über unsere Tagträume gesprochen – darüber, welche Gedanken uns im Alltag begleiten und wie oft unser Verhalten gar nicht zu dem passt, was wir innerlich erleben. Uns hat fasziniert, wie verbindend es sein kann, über unsere Unsicherheiten und Ängste zu sprechen. Dann verlieren die Gedanken oft ihre Schwere – plötzlich kann man über sich selbst lachen. Die Komik, die entsteht, hat etwas Befreiendes, weil sie uns daran erinnert, dass wir uns manchmal in den falschen Momenten zu wichtig nehmen und dadurch die wichtigen Momente übersehen – etwa, wenn man sich beim Versuch, souverän zu wirken, in den eigenen Gedanken verheddert und gar nicht mehr weiß auf welche Frage man hier gerade antwortet, weil die Tochter einem ins Ohr schreit, dass sie das Brot mit ohne Tomate wollte und man gar nicht mehr weiß wie der Satz begonnen hat. Was war die Frage nochmal? Ach so, das Format! Wir hatten zunächst die erste Episode „Alles Übel der Welt“ als Kurzfilm geschrieben. Direkt nachdem wir diese gedreht haben, war uns bewusst, dass wir unbedingt eine Anthologie machen wollen, über die vielen unterschiedlichen Menschen, die alle auf ihre eigene Art und Weise mit unserer heutigen Zeit kämpfen. Eine Serie, die voll und ganz in die Gedankenströme unserer Figuren eintaucht.

In jeder Episode verwandelt sich scheinbar Banales – ein Date, ein Abendessen, das Zubettgehen – in eine emotionale Extremsituation. Was interessiert Sie daran, das Unsichtbare im Alltäglichen sichtbar zu machen?
Unter der Oberfläche des Alltags brodeln häufig Kräfte, die wir kaum benennen können. Dann erleben wir eine Geste, ein Geräusch, einen Blick und plötzlich entlädt sich etwas, das zu lange gehalten wurde: Wie bei Daniel, der in eine Gewaltfantasie gerät, weil er auf der Straße angerempelt wurde und all seinen Frust auf einen Fremden projiziert, oder bei Agathe, deren unausgesprochener Konflikt mit ihrem Partner sich bei einem Abendessen an einer scheinbaren Kleinigkeit entlädt.

Oft fühlen wir uns falsch, nicht belastbar genug, wollen uns anpassen und scheitern daran. Wir streben nach Selbstoptimierung, orientieren uns an Idealen, die wir nie ganz erfüllen können. All unsere Figuren ringen mit dem Widerspruch. Mit Momenten, in denen die Innenwelt mit der Außenwelt kollidiert. Wenn wir die Diskrepanz anerkennen, uns erlauben nicht perfekt zu sein und uns ehrlich zeigen, dann kann Veränderung entstehen.

Im Alltag begegnen wir oft Menschen, deren Verhalten wir nicht verstehen, sogar verurteilen. Wenn wir aber ihre Stimmen hören und erleben was sie bewegt, kann Fremdes vertraut und Vertrautes fremd werden. Das ist für uns ein faszinierender Prozess.

Das zentrale Motiv scheint der Gedanke zu sein, dass wir alle innere Kämpfe austragen, von außen aber funktionieren müssen. Wie nah sind diese Figuren an Ihnen selbst?
Die Figuren sind zum Teil unserem Leben entsprungen, aber auch aus dem intensiven Austausch mit anderen Menschen gewachsen.

Marlene: Ich war immer irgendwie Sonderling. Früher in der Schule, heute auf dem Spielplatz mit meinen Kindern. Oft habe ich das Gefühl, alle anderen hätten ihre Rollen verinnerlicht, während sich für mich der Rollenzwang wie Selbstverrat anfühlt. Ich spüre die Inkongruenz zwischen äußeren Erwartungen und meinem Kern sehr deutlich, versuche mich immer wieder anzupassen bis ich platze. Dann liegt alles offen. Dann muss ich aussortieren und neu zusammensetzen, in dieser Phase entstehen meiste die schönsten Geschichten.

Nicolai: Durch das Schreiben der Geschichten haben wir uns natürlich nochmal viel intensiver mit unserem Innenleben auseinander gesetzt! Diese Selbstbeobachtung kann einen ganz schön verballern, aber sie macht einem auch bewusst, welche Glaubenssätze wir verinnerlicht haben und an was wir uns festhalten um den Alltag zu bestehen.
Wir wollten bei jeder Figur einen Kernkonflikt finden, der durch die Konfrontation mit der Außenwelt auf die Spitze getrieben wird.

Sie haben gemeinsam Drehbuch und Regie übernommen. Wie teilen Sie sich diese Doppelrolle – und wo entsteht im Prozess der kreative „Ping-Pong“-Moment?
Marlene: Gerade beim Drehbuchschreiben haben wir das große Glück, sehr unterschiedliche Qualitäten zu haben und uns gegenseitig zu bereichern. Meist sind wir dabei in der Küche, Nicolai sitzt am Laptop und ich laufe herum und werfe Ideen und Dialoge in den Raum, die er einfängt und in Form bringen kann.

Nicolai: Marlene liebt das weiße Blatt Papier und mag es sich von Stoffen und Ideen leiten und überraschen zu lassen. Ich hasse das weiße Blatt Papier. Für mich geht die Freude erst so richtig los, wenn ich auf etwas aufbauen und ins Detail gehen kann.

Dadurch, dass wir zwei kleine Kinder haben, mussten wir mit unserer Zeit und unserer Aufteilung sehr ökonomisch vorgehen. Das hat uns aber auch sehr geschult, uns auf das Wesentliche zu fokussieren und uns vorher genau zu überlegen, welche Aufgaben wir unbedingt gemeinsam erledigen müssen und welche einzeln übernommen werden können.

Die Serie oszilliert zwischen Komik, Melancholie und Absurdität. Wie finden Sie den Ton, damit das nicht ins Künstliche oder Didaktische kippt?
In der Krise - und all unsere Figuren bewegen sich in emotionalen Krisen - kann Humor zur Überlebensstrategie werden. Bei uns ist das zumindest so. In all den Widersprüchen, die wir in uns tragen, steckt so viel Absurdität und Komik. Freude und Leid liegen manchmal unglaublich nah beieinander.
Wir finden es schön, wenn all diese unterschiedlichen Gefühle und Sichtweisen koexistieren dürfen. Das bedeutet doch Lebendigkeit.

Uns war es wichtig uns von der Subjektivität der Figuren leiten zu lassen und die Ambivalenzen unserer Figuren auszuhalten, auch wenn sie von unseren Überzeugungen abweichen. Nur so, können wir es schaffen uns wirklich füreinander zu öffnen.

Viele Zuschauer werden sich in den Figuren wiedererkennen – in ihren Ängsten, Neurosen und Fantasien. Welche Episode ist Ihnen persönlich am nächsten gegangen?
Da wir beide zwei kleine Kinder haben, sind uns Spielplatzsituationen mit hohem Eskalationspotenzial, wie in der Episode „Eins, zwei, drei… und jetzt?“ sehr vertraut. Die Selbstzweifel an der eigenen Erziehung, das Gefühl, dass andere ihr Leben besser im Griff haben, die ständige Reflexion über unsere Elternrolle und die Zukunft unserer Kinder – all das begleitet uns täglich. Dazu stand Nicolai in der Episode gemeinsam mit unserem damals dreijährigen Sohn vor der Kamera und auch der gesamte weitere Cast von „1,2,3,… und jetzt?“ bestand aus unserem privaten Umfeld.

In „Weil ich ein Kind der Sonne bin“ erleben wir die Gedanken von Marie, deren sozialen Ängste ihren Höhepunkt bei einem ersten Date erreichen. Immer wieder kreuzen Erfahrungen mit Männern ihre Gedanken und hindern sie daran sich einzulassen. Die Episode ist Marlene und ihrem früheren Erleben von Sexualität und Geschlechterrollen sehr nah.

Mit Schauspieler wie Mark Waschke, Katharina Stark oder Ben Felipe sind sehr unterschiedliche Generationen vertreten. Wie haben Sie diese Ensemble-Dynamik geschaffen?
Wir wollten mit «I am the greatest» verschiedenen Generationen eine Stimme geben. Vielleicht liegt das auch an der Lebensphase in der wir stecken. Wir stehen in der Mitte, haben kleine Kinder und müssen uns um unsere Eltern kümmern, denken viel darüber nach woher wir kommen und wer wir für uns und unser Umfeld sein möchten. Wir sind unglaublich dankbar, dass wir für unsere Episodenhauptrollen unsere Traumbesetzung bekommen konnten und dass sich all diese tollen SchauspielerInnen trotz geringem Budget so leidenschaftlich in ihre Figuren gestürzt haben. Der Castingprozess war für uns alle sehr spannend, weil auch unser persönliches Umfeld stark in den Film involviert war. In der Spielplatz-Episode haben unsere Nachbaren und Familien enthusiastisch mitgewirkt und auch den anderen Figuren haben viele Menschen aus unserem Bekanntenkreis ein Gesicht gegeben.

«I am the Greatest» ist formal extrem modern – kurze Episoden, starke visuelle Sprache, fast wie Miniaturen. Wie wichtig war Ihnen dieser experimentelle, filmische Zugriff?
Uns war es wichtig die Tagträume und inneren Stimmen so zu zeigen, wie wir sie wirklich erleben: Ungefiltert, assoziativ und ungeschönt. Wir wollten die Überforderung unserer Figuren zeigen, indem wir die subjektive Welt der Wahrnehmung eintauchen, in der viele Reize unterschiedlich stark auf sie einwirken. Um die Diskrepanz vom Innen und vom Außen erfahrbar zu machen, kam für uns nur eine experimentelle Form in Frage.
Strukturen geben Halt, aber all unsere Figuren verlieren ihn, also verweigerte auch die Erzählung eine feste Ordnung.

Der Titel klingt selbstbewusst, fast ironisch: «I am the Greatest». Ist das ein Aufruf zur Selbstermächtigung – oder steckt darin auch ein leiser Zweifel an diesem Leistungsdenken?
Beides! 😀 Alle Figuren sehnen sich nach Anerkennung und Liebe und haben das Gefühl den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen um wertvoll zu sein. Manche opfern dabei ihr Inneres zum vermeintlichen Wohl der anderen, andere setzen sich über ihre Mitmenschen hinweg, um sich zu behaupten.
Doch unter allem liegt ein gemeinsamer Impuls: die stille Hoffnung, angenommen zu werden, so wie man ist.

Am Ende geht es also um das Einverständnis mit der eigenen Unvollkommenheit. Erst in ihrer Verletzlichkeit, in der Offenheit gegenüber den eigenen Gefühlen, liegt für sie die Möglichkeit, sich zu verbinden mit der Welt, mit den Menschen um sie herum und sich weniger allein zu fühlen.

Danke für Ihre Zeit!

«I Am The Greatest» ist seit 28. November in der ZDFmediathek abrufbar. Die Serie läuft in der Nacht zum Dienstag, den 2. Dezember, ab 00.50 Uhr.
30.11.2025 12:21 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/166638