Mit deftigen Bildern und geschickter Social-Media-Inszenierung versucht Markus Söder, sich als Politiker der Mitte zu etablieren. Ein Kommentar von Fabian Riedner.

Markus Söder hat verstanden, wie Politik im Jahr 2025 funktioniert. Er weiß, dass es nicht mehr ausreicht, als Ministerpräsident in Bierzelten aufzutreten, Reden auf CSU-Parteitagen zu halten oder bei einem Sonntagsstammtisch den Wählerinnen und Wählern die Welt zu erklären. Politik ist längst medial vermittelt, und wer Reichweite sucht, muss dort präsent sein, wo Aufmerksamkeit entsteht: in den sozialen Medien. Der CSU-Chef versucht dabei einen schwierigen Spagat. Einerseits will er der starke Mann bleiben, der in Bayern für Ordnung, Stabilität und ein Stück Heimatgefühl steht. Andererseits inszeniert er sich als Politiker der Mitte, der ohne laute Parolen auskommt, niemandem etwas verbieten möchte und schlicht für ein „schönes Bayern“ sorgen will.
Diese Strategie ist nicht zufällig gewählt. Söder hat verstanden, dass es zwischen den politischen Extremen von AfD und Linkspartei eine breite gesellschaftliche Mitte gibt, die weniger Ideologie, sondern vor allem Sicherheit und Verlässlichkeit sucht. Während die AfD mit einfachen Parolen arbeitet und die Linken mit Vertreterinnen wie Heidi Reichinnek häufig auf ein striktes Gegenmodell setzen, will Söder etwas Drittes anbieten: eine Politik, die weder auf Angst noch auf Verbote baut, sondern auf die Verheißung eines Bayerns, das so bleiben darf, wie es ist. Das erinnert an die hunderten CSU-Ortsvereine, die auf dem Land den gesellschaftlichen Kitt darstellen. Dort geht es weniger um Weltpolitik, sondern um die Organisation des Dorffestes, den Erhalt des Fußballplatzes oder die Frage, wer den Maibaum aufstellt. Söder übersetzt dieses Prinzip ins Politische und ins Digitale: Bewahren, Gemeinschaft stiften, Zugehörigkeit versprechen.
Dabei spielt Social Media eine Schlüsselrolle. Söder ist einer der wenigen deutschen Spitzenpolitiker, die die Mechanismen von Instagram, TikTok und Co. verstanden haben. Während viele Konkurrenten dort wie Fremdkörper wirken, gelingt es ihm, Bilderwelten zu schaffen, die ansprechen. Mal zeigt er sich beim Wandern in den Bergen, mal beim Besuch eines Fußballspiels, mal beim Grillen. Er vermittelt, dass Politik nichts Abgehobenes ist, sondern im Alltag stattfindet. Seine Inszenierung zielt auf Nähe, nicht auf Distanz. Der Ministerpräsident will nicht als Weltverbesserer auftreten, sondern als einer, der die bayerische Realität kennt – und der dafür sorgt, dass sich daran so schnell nichts ändert.
Interessant ist, wie stark diese Strategie von außen wahrgenommen wird. Robert Habeck etwa – selbst geübt im Einsatz von Sprache und Bildern – hat in den sozialen Medien einmal ironisch angemerkt, Söder sei ein „Fleischfresser“. Damit spielte er auf Söders Bilder von deftigen Mahlzeiten an, die im Kontrast zu den Grünen oft betont vegetarischen oder veganen Auftritten stehen. Der „Fleischfresser Söder“ ist damit nicht nur ein Spottbild, sondern zugleich ein Kompliment: Er zeigt, dass der CSU-Mann es versteht, Bilder zu produzieren, die wirken. Während die Grünen über Nachhaltigkeit reden, beißt Söder in eine Bratwurst – und erreicht damit mehr Menschen, als jede politische Grundsatzrede es könnte.

Gleichzeitig muss man fragen, ob diese Strategie langfristig trägt. Söder vermeidet bewusst harte Parolen. Er will nicht spalten, sondern integrieren. Er verzichtet auf das Vokabular der AfD und lehnt das Verbotspathos der Linken ab. Doch gerade in Zeiten, in denen die politische Landschaft rauer wird, kann ein solcher Ansatz auch als Unentschlossenheit ausgelegt werden. Will er wirklich gestalten, oder nur verwalten? Will er politische Projekte anschieben, oder nur Bayern bewahren? Diese Fragen bleiben offen, weil Söder sich in seiner öffentlichen Darstellung darauf konzentriert, der ruhige Mittelpunkt in einer zunehmend hysterischen Öffentlichkeit zu sein.
Man darf dabei nicht übersehen, dass diese Strategie durchaus erfolgreich ist. Söder gelingt es, im Gespräch zu bleiben, ohne durch Skandale aufzufallen. Seine Social-Media-Posts sind oft harmlos, manchmal banal – aber sie erreichen Hunderttausende. Er spielt die Klaviatur der modernen Kommunikation, ohne den Fehler vieler Kollegen zu machen, sich anbiedernd zu geben. Stattdessen setzt er auf das, was die CSU immer stark gemacht hat: Bodenständigkeit. Das Digitale ist bei ihm kein Widerspruch zum Analogen, sondern die Verlängerung des Stammtisches ins Netz.
Dass diese Strategie funktioniert, liegt auch daran, dass Bayern ein besonderes Pflaster ist. Während in Berlin die politische Mitte bröckelt und bundesweit Polarisierung zunimmt, bleibt die CSU in Bayern nach wie vor eine verlässliche Größe. Söder weiß, dass er nicht nur Politik für die Gegenwart macht, sondern auch ein Narrativ für die Zukunft schreiben muss. Sein Narrativ lautet: Bayern bleibt Bayern. In einer Welt, die sich immer schneller verändert, in der viele Menschen Unsicherheit empfinden, ist das ein starkes Versprechen.
Und doch bleibt die Frage, wie weit man mit einer solchen Erzählung kommt. Auf der einen Seite hat Söder die Chance, als Politiker der Mitte zu punkten, weil er weder im Lager der Parolen noch im Lager der Verbote spielt. Auf der anderen Seite könnte ihm genau das vorgeworfen werden: zu wenig Vision, zu viel Beharren auf dem Status quo. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob seine Strategie mehr ist als Social-Media-taugliche Inszenierung.
Für den Moment aber hat Markus Söder etwas geschafft, was nicht vielen gelingt: Er wirkt wie der Mann, der zwischen Fleisch und Filterblasen, zwischen Dorfverein und Instagram, zwischen Tradition und Gegenwart den Ton trifft. Er ist kein Ideologe, sondern ein Inszenierer – und vielleicht ist das in unserer Zeit genau das, was Politik am meisten braucht.