«Erzgebirgskrimi: Über die Grenze»: Schatten der DDR – ein Cold Case wird zur tödlichen Falle

Das Skelett ist das eines Mannes wird bei Bauarbeiten gefunden. Mehr lässt sich zunächst nicht sagen, außer dass der Mann seit drei oder vielleicht auch vier Jahrzehnten unbeachtet an diesem Ort lag, irgendwo im Nirgendwo nahe Altenberg im Erzgebirge. Hatte er einen Unfall? War es ein Mord? Für die Kommissare Winkler und Szabo wirkt es zunächst wie ein klassischer Cold Case. Doch der Eindruck trügt.

«Erzgebirgskrimi: Über die Grenze»

Regie: Thorsten M. Schmidt; Buch: Susanne Schneider; Kamera: Conrad Lobst; Schnitt: Benjamin Hembus; Szenenbild: Anne Schlaich; Kostüme: Bettina Weiß; Ton: Stefan Gollhardt; Musik: Andreas Koslik. Besetzung: Kai Scheve, Lara Mandoki, Teresa Weißbach, Thomas Thieme, Masha Tokareva, Jörg Schüttauf, Max Hopp, Stephanie Amarell, Claudia Geisler-Bading, Jörn Hentschel, Jörg Westphal, Isabella Parkinson, Karlo Gruber, Miles Hafeneth, Vito Sack, Julien Neisius, Michael Schweisser, Johanna Franke und Jakob Gühring
Eine Stärke des mittlerweile dreizehnten ZDF-Films aus der Reihe «Erzgebirgskrimi» liegt darin, dass er sein Publikum von Beginn an mit einem kleinen Wissensvorsprung versieht. Der ergibt sich nicht etwa aus dem Prolog, der – nach bewährtem Kniff – eine spätere Schlüsselszene vorwegnimmt und andeutet, dass Kommissar Winkler im Laufe der Handlung in tödliche Gefahr geraten wird. Vielmehr sind es die Rückblenden, die gleich zu Beginn in den Dezember 1989 führen: eine Zeit, in der die DDR nur noch auf dem Papier existierte, die Grenze zum Westen längst offen war und die politischen Umbrüche sich im Tagesrhythmus überschlugen.

Inmitten dieser historischen Zwischenzeit sehen wir eine Gruppe junger Grenzsoldaten, die sich etwas aneignet. Was genau, bleibt unklar. Doch das Publikum weiß schon früh, dass einer von ihnen jener Mann ist, dessen Knochen nun im Wald entdeckt wurden. Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, welche Rolle die verbliebenen Kameraden spielten.

Kaum ist der Fund publik, kommt es zu einem Todesfall: Holger Berthold, ein stadtbekannter Trinker, wird erhängt in seiner Wohnung gefunden. Die Indizien deuten auf Selbstmord, und doch will das nicht recht ins Bild passen. Berthold, von seiner Tochter verachtet, von seiner Frau aus Pflichtgefühl umsorgt, war ein Gescheiterter: überschuldet, gebrochen, am Rand der Gesellschaft. Ein trauriges Schicksal, gewiss. Aber im Lichte der jüngsten Entdeckung bekommt sein Dahinscheiden plötzlich eine andere Dimension. Denn seine DNA-Analyse offenbart: Das Skelett im Wald und Holger Berthold sind genetisch identisch – Zwillinge also. Und der verschwundene Bruder, von dem man glaubte, er sei in die USA abgehauen, kehrt als Toter zurück.

Von da an entfaltet der Film ein wendungsreiches Spiel. Schatten der Vergangenheit werfen lange Finger in die Gegenwart, und Sünden, die längst verstaubt in der Erinnerung lagen, beginnen, als wären sie mit frischer Tinte geschrieben, wieder zu leuchten. Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich, bis die Linien kaum noch zu unterscheiden sind.

Souverän!


Inszeniert ist das alles handwerklich souverän, getragen von einer Bildgestaltung, die die Erzgebirgslandschaft nicht nur als Kulisse, sondern als eigenes erzählerisches Element nutzt: nebelverhangen, melancholisch, fast mythisch. Unterstützt wird dies von einem Soundtrack, der mit seiner dichten, bisweilen drängenden Musik das Drama verstärkt und die Spannung antreibt.

Der dramaturgische Höhepunkt liegt zweifellos in dem Moment, in dem Kommissar Winkler selbst verschwindet und seine Kollegin Szabo gezwungen ist, schneller als jemals zuvor zu ermitteln. Aus dem ohnehin schon komplexen Puzzle wird nun ein Wettlauf gegen die Zeit. Während die Mauer des Schweigens der ehemaligen Grenzer unüberwindbar scheint, hängt Winklers Schicksal an einem seidenen Faden.

Natürlich weiß man als Zuschauer, dass ein «Erzgebirgskrimi» selten ohne familiäre Verstrickungen und dunkle Erinnerungen aus DDR-Tagen auskommt. Doch das ist verzeihlich, ja sogar reizvoll, weil die Reihe es immer wieder versteht, einen vielschichtigen Figurenkosmos aufzubauen, auch in diesem Film. Hier begegnet man Menschen, die an ihre Vergangenheit lieber nicht erinnert werden wollen, und deren Verschlossenheit Teil des dramatischen Spiels wird.
Etwa zum Ende des zweiten Aktes ahnt man, worauf die Geschichte hinauslaufen wird. Die Fährten sind ausgelegt, die Motive erkennbar. Aber dieser Vorhersehbarkeit begegnet das Drehbuch geschickt, indem es die Aufmerksamkeit immer wieder auf den in Gefahr geratenen Kommissar Winkler lenkt. Sein Verschwinden, das wie ein Störfeuer in die Ermittlungsdramaturgie hineinfährt, hält die Spannung hoch und lässt über manche erkennbare Wendung hinwegsehen.

Unterm Strich präsentiert sich hier ein Kriminalfilm, der auf soliden Beinen steht: souverän inszeniert, getragen von starker Bildgestaltung und einer Besetzung, die ihre Rollen mit Verve ausfüllt. Es ist vielleicht kein Werk, das lange nachhallt oder sich tief ins Gedächtnis einbrennt. Doch im Moment des Schauens entfaltet es seine Wirkung: fesselnd, atmosphärisch dicht und handwerklich auf einem Niveau, das die Reihe seit Jahren verlässlich auszeichnet.
Und so bleibt am Ende das Gefühl, einen Krimi gesehen zu haben, der zwar keine Türen zu neuen Welten aufstößt, aber in seiner Mischung aus düsterer Heimatgeschichte und handfester Spannung genau das liefert, was man von einem Abend im Erzgebirge erwartet: ein solides Stück Fernsehdrama, zuverlässig, atmosphärisch und mit einem Nachgeschmack von Schnee, Nebel und alten Geheimnissen.

In der ZDF-Mediathek ab Samstag, 23. August 2025 (ein Jahr lang), im ZDF am Samstag, 30. August, 20.15 Uhr.
30.08.2025 11:54 Uhr  •  Christian Lukas Kurz-URL: qmde.de/164082