Mit Thorsten Braun übernimmt ab Ende 2025 ein neuer Kapitän das Ruder – doch bis dahin dümpelt der Sender zwischen Bürgergeld-Dokus, Reality-Formaten und schwächelnden Comedy-Abenden. Die große Frage: Welche Route braucht RTLZWEI, um wieder Fahrt aufzunehmen?

Elf Jahre lang steuerte der frühere ProSieben-Chef Andreas Bartl den RTLZWEI-Dampfer. In dieser Dekade musste er die größten Umwälzungen der deutschen Privatsender miterleben. Streamingdienste wie Netflix oder Social-Media-Plattformen wie Instagram, Twitch und TikTok haben die Mediengewohnheiten grundlegend verändert. Junge Fernsehzuschauer werden kaum noch in Scharen zurückkehren – selbst dann nicht, wenn RTLZWEI den sprichwörtlichen heiligen Gral findet.
Die RTLZWEI-Gesellschafter RTL Group, Bauer, Tele München und Burda setzen künftig auf Thorsten Braun, bislang Marketingchef von RTL Deutschland. Ab Ende 2025 übernimmt er die Leitung des Senders. Bis dahin werden wohl keine großen Entscheidungen mehr fallen – obwohl sie dringend nötig wären. Bartl nutzte eine seiner letzten Amtshandlungen, um die Comedy-Schiene mit «Genial daneben» und «Dinge gibt’s» vom Donnerstag auf den Montag zu verlegen. Dort, wo bislang «Die Geissens» über Monate hinweg für stabile Quoten sorgten, sollen künftig lustige Shows punkten.

Der Donnerstagabend wird also nicht mehr mit Comedy bespielt. In den letzten Jahren funktionierten dort nur noch Formate wie «Reeperbahn Privat! Das wahre Leben auf dem Kiez» oder «Mensch Retter – Nachtschicht». «Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt» scheint quotenmäßig auserzählt zu sein. Andere Sendungen wie «Trödeltrupp on Tour», «Texas Patti» oder «Oksanas & Family – Alles auf Anfang» erwiesen sich als Flops. Im September kehrt «Love Island VIP» zurück, doch die Realityshow performt vor allem auf RTL+. Zuletzt änderte Bartl das Line-up alle paar Wochen – ein Kurs, der die Zuschauer eher verunsicherte.
Am Mittwoch zieht das Zugpferd «Die Wollnys – Eine schrecklich große Familie» nicht mehr so recht. Der Grund liegt auch im öffentlichen Streit einer Tochter mit der Mutter, den der Sender laufen lässt, anstatt ihn zu moderieren. Im Mai und Juni hielt sich noch «Kampf der Realitystars» stabil, doch neue Versuche wie «Willkommen bei Familie Weiß», «My Big Fat Italian Wedding», «Alles im Loth» oder «Die Retourenjäger» verfehlten die Zielgruppe. Ein kompletter Reinfall war «#CoupleChallenge».

Überraschend stark präsentiert sich dagegen «Bella Italia – Camping auf Deutsch», das am Montagabend überzeugt – trotz Ausflügen nach Spanien, die wenig Sinn ergeben. «Die Geissens» hingegen geraten zunehmend ins Straucheln. Die Marke wirkt übersättigt, zu viele Episoden lassen selbst treue Fans ermüden. Am Dienstag liefert RTLZWEI dagegen zuverlässig ab: Das Bürgergeld-Thema trägt Formate wie «Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern», «Armes Deutschland – Deine Kinder» oder die zahlreichen «Hartz und herzlich»-Ableger. Hier hat Bartl vor Jahren eine Erzählweise etabliert, die sich über Jahre fortschreiben lässt. Einzelschicksale schaffen Wiedererkennungswert und verleihen dem Sender eine klare Ausrichtung.
Größere Sorgen bereitet inzwischen das Daytime-Programm. Von den Eigenproduktionen ist nur noch «Berlin – Tag & Nacht» übrig geblieben, das ebenfalls schwächelt. Nach dem Ende von «Unser Supermarkt» laufen am Vormittag fast ausschließlich alte Folgen des «Trödeltrupps», bis nachmittags diverse «Hartz»-Formate wiederholt werden. Für den Vorabend produziert man immerhin neue Folgen von «Hartz und herzlich – Tag für Tag Rostock», die zeitweise gute Werte erzielen. Doch schwache Quoten sind hausgemacht: Um 17.05 Uhr strahlt RTLZWEI stets die Vortagsfolge erneut aus.
Thorsten Braun steht nun vor der Aufgabe, den Sender wieder klarer auszurichten. Er kann die Stärke im Bereich Bürgergeld-Dokus ausbauen – diese Formate ähneln sich im Titel, unterscheiden sich aber in ihren Geschichten. Auf der anderen Seite setzt RTLZWEI weiterhin stark auf Promi-Reality-Soaps, in denen wohlhabende Deutsche ihr inszeniertes Luxusleben präsentieren. Ein Genre, das durch Streamingdienste boomen konnte, in Deutschland aber noch keine «Kardashians» hervorgebracht hat. Um die strauchelnden Doku-Soaps einen Rahmen zu geben, sollte man eine gemeinsame Marke wie die Auswanderer bei VOX mit «Goodbye Deutschland!» geben.
Braun muss das Schiff nicht allein steuern, aber er sollte es konsequent navigieren. Wichtig ist, dass RTLZWEI nicht in seiner aktuellen Form weiter vor sich hin dümpelt. Denn sonst droht das Szenario, dass der Sender bald keine echte Relevanz im deutschen Fernsehen mehr hat. Eine reine Fokussierung auf Arbeitslose ist also keine Wahl, sondern nur eine Übergangslösung.