Filme des Grauens: «Erkan & Stefan»

Wenn Brachialhumor zum Kinohit wird. Die Regiearbeit erfolgte durch Michael Bully Herbig.

Es gibt Filme, die sind so unfassbar schräg, dass man sich Jahre später fragt: Wie konnte das damals eigentlich so erfolgreich sein? «Erkan & Stefan» aus dem Jahr 2000 gehört genau in diese Kategorie. Regie führte Michael Herbig, der kurz zuvor mit der «Bullyparade» große Erfolge im Fernsehen gefeiert hatte. Das Duo John Friedmann und Florian Simbeck – als „Erkan Maria Moosleitner“ und „Stefan Lust“ – war zu dieser Zeit ein Comedy-Phänomen. Ihr Markenzeichen: eine Mischung aus Proll-Slang, schiefen Sprüchen und einer bewusst überdrehten Karikatur jugendlicher Subkultur der 90er.

Der Film selbst versuchte, diese Fernsehfiguren in eine Actionkomödie zu verfrachten. Die Handlung ist – freundlich formuliert – hanebüchen: Eine geheime Kassette mit den letzten Minuten im Leben von Uwe Barschel (!) gerät in die Hände von Ninas Vater (Manfred Zapatka). BND und CIA wollen unbedingt an das Material. Ausgerechnet Erkan & Stefan werden angeheuert, um Ninas Leben und die brisante Aufnahme zu schützen. Natürlich stolpern die beiden von einer Slapstick-Szene zur nächsten, befreien Nina aus der amerikanischen Botschaft – und überspielen am Ende das brisante Band.

Wer den Film heute sieht, versteht vielleicht nicht sofort, warum das 2000 über 1,2 Millionen Menschen ins Kino lockte. Aber damals traf der Humor einen Nerv: Das Duo war längst aus Radio- und TV-Auftritten bekannt, und ihr Mix aus gebrochenem Deutsch, Jugendjargon und absurden Macho-Allüren hatte Kultstatus. In einer Zeit, in der Figuren wie Atze Schröder, Kaya Yanar oder «Hausmeister Krause» ebenfalls Erfolge feierten, passten Erkan & Stefan perfekt in die deutsche Comedy-Landschaft: laut, schnell, überzeichnet.

Der Witz speiste sich aus Übertreibung, plakativen Klischees und dem völligen Ignorieren von politischer Korrektheit – eine Rezeptur, die damals in den Medien erstaunlich gut funktionierte. Kritiker hingegen waren weniger begeistert: „Das Lexikon des internationalen Films“ sprach von „witzfreiem Humor zwischen Geschmack- und Niveaulosigkeit“. „Cinema“ lobte immerhin die „actionhaltigste Urinierszene der Filmgeschichte“.

Trotz durchwachsener Kritiken folgten zwei Fortsetzungen: «Erkan & Stefan – Gegen die Mächte der Finsternis» (2002) und «Erkan & Stefan in Der Tod kommt krass» (2005). Mit jedem Teil schwand das Interesse des Publikums. Die Gags wirkten zunehmend recycelt, das Konzept ausgelutscht. Was als bissige Parodie begann, war bald nur noch Selbstparodie. Parallel dazu verloren Friedmann und Simbeck im Fernsehen an Präsenz.

2009 versuchte man noch einmal ein TV-Comeback mit «Erkan & Stefan in Gefahr!» – doch die Zeit war vorbei. Später traten sie vereinzelt in Nostalgie-Formaten auf, standen wieder zusammen auf Bühnen und probierten Social-Media-Kanäle aus. 2021 wagten die beiden dann ein echtes Experiment: Für die Joyn-Serie «Forsthaus Rampensau» schlüpften Friedmann und Simbeck wieder in ihre alten Rollen – in der Hoffnung, die Kultfiguren einer neuen Generation näherzubringen. Die Idee: Die gealterten Prolls landen in einem Reality-TV-artigen Setting in der österreichischen Provinz.

Das Problem: Der Humor wirkte wie aus einer längst vergangenen Ära importiert. Die selbstironische Note, mit der sich die Figuren hätten neu erfinden können, blieb blass. Stattdessen versuchte man, den 90er-Jahre-Jargon und die pubertären Gags von damals eins zu eins ins Jahr 2021 zu übertragen. Das Ergebnis wirkte nicht jugendlich, sondern eher bemüht – und genau das merkten auch die Zuschauer. Kritiker beschrieben die Serie als „peinlich nostalgisch“ und „eine Zeitkapsel, die niemand geöffnet haben wollte“.

«Erkan & Stefan» ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark Comedy vom Zeitgeist abhängt. Ende der 90er war die deutsche Comedy-Szene im Aufbruch, private Fernsehsender suchten nach Figuren, die polarisieren und ein junges Publikum binden. Erkan & Stefan boten genau das: Sie waren grell, schnell, laut – und in einer Mischung aus Buddy-Komödie und Actionfilm leicht ins Kino zu übertragen. Dass der Humor heute oft plump und altbacken wirkt, liegt nicht nur am geänderten Publikumsgeschmack. Vieles, was damals als „politisch unkorrekt“ durchging, würde heute in der Form nicht mehr produziert werden. Das gescheiterte Comeback mit «Forsthaus Rampensau» zeigte, dass Kultfiguren nicht automatisch Kult bleiben, wenn man sie 20 Jahre später einfach wieder aus der Schublade holt. Trotzdem bleibt «Erkan & Stefan» ein Zeitdokument: ein Beweis dafür, wie Kino und Fernsehen um die Jahrtausendwende funktionierten – und wie schnell sich Erfolg in Vergessen verwandeln kann.
30.08.2025 12:35 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/163648