Profisport unter Corona: Wenn nicht draußen, dann eben virtuell

Alle großen Sportveranstaltungen können bis auf weiteres nicht stattfinden. Um Sportfans trotzdem etwas zu bieten, weichen nun viele Profis in den E-Sport aus. Wir werfen einen Blick auf die Entwicklung. Außerdem im Check, eine Prognose für Wettanbieter und Folgen für Sport-Formate im TV.

Genauso wie das öffentliche Leben steht auch die Sportwelt über den ganzen Globus hinweg still. Die kritische Lage durch die stetig steigende Zahl an Corona-Infektionen erfordert drastische Maßnahmen. Öffentliche Sportveranstaltungen stehen da ganz weit hinten in der Prioritätenliste für die Gesellschaft. Wann der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden kann, steht noch in den Sternen geschrieben. Solange der Höhepunkt der Corona-Pandemie noch nicht erreicht zu sein scheint, ist verständlicherweise kein Auflockern der Maßnahmen und Verbote in Sicht. Der Ligen- und Vereinsbetrieb wird wohl noch einige Wochen oder Monate eingestellt bleiben. Die großen Profisportligen stehen still. Selbst Veranstaltungen ohne Publikum für die TV-Bildschirme sind derzeit nicht denkbar. Sportler und Vereine müssen mit erheblichen finanziellen Einbußen rechnen. Zum Teil kämpfen sie, wie viele Unternehmen in anderen Branchen auch, um die Existenz. Wie und Wann der Sportbetrieb in Bundesliga und Co fortgesetzt werden kann wird von den Verantwortlichen heiß diskutiert. Täglich machen neue Pläne die Runde, wie man sich aus der Misere retten kann. Doch genau weiß niemand, wie lange wir noch mit dem Coronavirus zu kämpfen haben werden.

Um die aktivitätlose Zeit zu überbrücken, kommen viele Profispotler auf kreative Ideen, die eigenen Fans trotzdem zu unterhalten. Auf Social Media machen zahlreiche Challenges die Runde, in denen zum Beispiel Fußballer ihr können mit einer Klopapierrolle anstatt mit dem Ball zeigen. Um Ersatz für die fehlenden Events an Spieltagen zu bieten, zeigt sich seit dieser Woche ein neuer Trend. Verbände, Vereine und Sportler organisieren gemeinsam große Online-Turniere ihrer Sportarten, sofern das möglich ist. Frei nach dem Motto, “wenn es draußen nicht geht, muss eben die virtuelle Welt herhalten, werden interessante Event gegen die Langeweile für die Zuschauer auf die Beine gestellt. Bereits an diesem Wochenende fanden einige große Highlights für Sportfans als Ersatzprogramm statt. Der E-Sports macht es vor, nun ziehen die “echten” Profis nach. Wir haben auf ein paar dieser Veranstaltungen am Wochenende einen besonderen Blick geworfen.

Formel 1 überbrückt bis zum Saisonstart mit der «Virtual Grand Prix Series»


Die Formel 1 hat es mit dem geplanten Saisonstart in Melbourne dicke Erwischt. Die neue Saison stand erst in den Startlöchern, da viel Corona über die Erde her. Kurzfristig musste der Australian Grand Prix abgesagt werden. Bisher wurde noch kein Rennen gefahren und noch für ein paar Monate ist kein Neustart der Serie in Sicht. Während die meisten Rennen der ersten Saisonhälfte auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, mussten mit Australien und Monaco bereits Strecken ganz aus dem Rennkalender gestrichen werden. Stand jetzt, wird die Formel 1 frühestens am 14. Juni mit dem Großen Preis von Kanada in Montreal an de Start gehen. Jüngstes Corona-Opfer ist der Stadtkurs in Baku, der wegen strengen Sicherheitsbestimmungen Anfang Juni nicht stattfinden kann.

Um die lange Zeit des Wartens zu überbrücken, in der eigentlich schon längst gefahren werden sollte geht die Königsklasse des Rennsports sogar den offiziellen Weg und hat eine eigene E-Sports-Serie unter dem Namen «Virtual Grand Prix Series» gegründet. An allen Wochenenden, an denen eigentlich in der echten Welt gefahren werden sollte, tragen die zehn Teams mit zwanzig Fahrern das Rennen virtuell in der Formel-1-Spielsimulation «F1 2019» von Entwickler codemasters aus. Selbstverständlich wird dabei aber nicht um echte Punkte für die Meisterschaft gekämpft. Es geht alleine um den Spaß und Unterhaltung. Jedes Team stellt wie gewohnt zwei Fahrer, diese müssen aber nicht einmal echte Profis sein. Beim ersten Rennen auf dem virtuellen Kurs in Bahrain waren zahlreiche Stars aus anderen Sportarten und Bereichen dabei.

Am vergangenen Wochenende sollte unter normalen Bedingungen eigentlich das zweite Rennen der Saison in Bahrain stattfinden. Stattdessen lieferte die Formel 1 am Sonntagabend den Auftakt der virtuellen Serie. Übertragen wurde das Spektakel auf allen Online-Plattformen, auf denen die Formel 1 offiziell vertreten ist. Während die Fahrer von zu Hause aus an einer Spielesitzung teilnahmen, wurde das Rennen von vier bekannten englischen Kommentatoren aus einem Studio live begleitet.

Sky beim Turnier auch mit dabei


Neben den eigenen Plattformen wurde der virtuelle Grand Prix von Bahrain hierzulande auch bei Sky übertragen. Außerdem war das Event in Österreich auch im ORF zu sehen. Auf Youtube waren live immerhin im Schnitt 160.000 Zuschauer dabei. Auf Twitch verfolgten zudem noch 100.000 Fans das Rennen aus der Sicht des Formel-1-Piloten Lando Norris. On Demand erreichte das Events nach 24 Stunden schon eineinhalb Millionen Aufrufe. Natürlich kein Vergleich zu den massiven Zuschauerzahlen eines echten Formel-1-Rennens. Für den Anfang sind diese Zahlen online aber nicht schlecht. Einige Motorsportfans konnten sich amüsieren, auch wenn das Spektakel nur wenig mit professionellem Rennfahren zu tun hatte, da auch viele Laien im Fahrerfeld waren.



Aus der echten Formel 1 waren nur zwei Fahrer vertreten, Lando Norris von McLaren und Nicholas Latifi von Williams. Die restlichen Plätze wurde mit anderen bekannten Persönlichkeiten aufgefühlt. Unter ihnen waren Ex-Piloten, wie Nico Hülkenberg, Fahrer aus unteren Klassen, wie der Renault-F2-Fahrer Guanyu Zhou, der das Rennen am Ende auch für sich entscheiden sollte und F1-Testfahrer, wie Stoffel Vandoorne. Daneben haben aber auch Stars aus ganz anderen Bereichen mitgemacht. So begrüßte die Formel 1 auch den Sänger Liam Payne, den ehemaligen Golf-Weltranglisten-Fünften Ian Poulter oder den sechsfachen Bahnrad-Olympiasieger Chris Hoy. Daher wurde auf eine echte Simulation verzichtet. Alle Teilnehmer durften Fahrhilfen optional benutzen und ein realistisches Strafen- und Schadensmodell wurde Aus gestellt.

Zum Start der Serie hatten die Veranstalter noch mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ursprünglich sollte die halbe Renndistanz gefahren werden. Durch technische Probleme und Verzögerung wurde am Ende nur 14 Runden gefahren. Während des Rennens scheidete Lando Norris zwischenzeitlich aus und konnte erst gegen Rennende das Steuer wieder übernehmen. Ein ernst zunehmender Ersatz für die Formel 1 ist die virtuelle Serie natürlich nicht. Dennoch kann man sich als Motorsportfan, der auf seinen Lieblingssport verzichten muss, durchaus unterhalten lassen.

#NotTheBahGP


Bereits vor dem offiziellen Rennen der Formel 1 fand ein weiteres E-Sport-F1-Event mit vielen großen Namen statt. Unter #NotTheBahGP lud das italienische Team Veloce Esports zusammen mit Motorsport Games zu zwei Rennen auf dem Bahrain Circuit ein. Diesem Ruf folgten ebenfalls die Formel-1-Piloten Lando Norris und Nicholas Latifi. Außerdem waren auch Nico Hülkenberg, Esteban Gutierrez und Stoffel Vandoorne dabei - bekannte Gesichter aus der F1-Welt. Außerdem traf man zum Beispiel Real-Madrid-Torhüter Thibaut Courtois an. Aus der deutschen YouTube- und Twitch-Szene waren Felix von der Laden und PietSmiet dabei. Letzterer durfte bereits in der vergangenen Saison den Mexiko GP auf Twitch kommentieren.



Auch dieses Event wurde von vielen Zuschauern auf den verschiedenen Kanälen verfolgt. So versammelte Lando Norris zwischen 50.000 und 90.000 Zuschauer, während die meisten anderen um die 20.000 Live-Zuseher hatten. Als VOD wurde der #NotTheBahGP bereits einige hunderttausend Mal angeklickt. Vor einer Woche wurde die Rennserie ins Leben gerufen und verfolgt denselben Rhythmus wie das offizielle F1-Turnier. Das erste Rennen auf der australischen Strecke wurde innerhalb einer Woche zwei Millionen Mal angesehen und erreichte sechs Millionen Impressionen. Beide Serien sollen die Fans bei wechselndem Fahrerfeld noch einige Wochen erheitern.

Riesiges internationales Vereinsturnier


Im Fußball lässt sich derzeit eine ähnliche Bewegung feststellen. Auch hier werden noch und wurden bereits neue E-Sport-Turniere mit prominenten Vertreten auf die Beine gestellt. Unter dem Motto #Ultimate QuarantTeam findet gerade ein Turnier mit 128 Teilnehmern aus der ganzen Welt statt. Der englische Zweitligist Leyton Orient hatte die Idee und startete einen Aufruf via Social Media, der andere Teams ermutigen sollte, mitzumachen. Danach geriet alles schnell ins Rollen. Ursprünglich sollten 64 Mannschaften dabei sein, inzwischen stellen doppelt so viele Vereine Spieler. Unter den Fußballvereinen finden sich viele große Namen. Unter anderem machen Manchester City oder AS Rom mit. Aus Deutschland hatte sich nur der Hamburger SV gemeldet. Letztlich ist der HSV aber doch nicht Teil des Turniers und veranstaltete dagegen ein #StayAtHome-Match gegen Arminia Bielefeld, die an diesem Wochenende eigentlich der Gegner in der zweiten Liga gewesen wären.



Immerhin 8.000 Fans schalteten für das Spitzenduell der zweiten Liga ein. Das große internationale Turnier #UltimateQuarantTeam ging ebenfalls am Sonntag an den Start. Bis zum 3. April soll ein Gewinner ermittelt werden. Fußballfans kommen zumindest virtuell noch auf ihre Kosten.

Marco Asensio gewinnt mit Real La-Liga-Turnier





Die spanische La Liga war am Wochenende ebenfalls mit einem eigenen Event unterwegs. Ähnlich wie die Formel 1 veranstaltete man ein offizielles Turnier, in dem jede Mannschaft einen Fußballprofi abstellte. Im K.o.-System wurde bis Sonntag ein Sieger ermittelt. Am Ende sicherte sich Real Madrids Marco Asensio im Finale gegen Aitor Ruibal, den Vertreter von CD Leganes den Titel. Anders als im normalen Fußball, wurde mit gleichstarken Mannschaften für ein faires Turnier gespielt. Die Spieler der jeweiligen Mannschaften hatten im Spiel «FIFA 20» alle eine Gesamtstärke von 85. Genauso wird es auch in den anderen E-Sports-Turnieren gehandhabt. Im großen Finale schalteten auf Twitch bis zu 170.000 Zuschauer ein. Im Schnitt waren für das Event 150.000 Zuseher dabei. Während der kompletten #LaLigaSantanderChallenge wurden Spenden im Kampf gegen Corona gesammelt.

Sind solche virtuellen Events ein Anreiz einen Blick in die E-Sports-Welt als Ersatz für das “normale” Sportwochenende zu werfen?
Ja - Besser online die Sportstars verfolgen als gar nicht.
45,5%
Potenzial ist da - Die Übertragungen sind aber noch zu chaotisch und unprofessionell.
36,4%
Nein - Diese Veranstaltungen sind als Ersatz völlig uninteressant.
18,2%


«100% Bundesliga» beugt sich der Spielpause


Seit vergangenem Samstag musste sich bereits die «Sportschau» der ARD beugen, sie findet nun samstags nur noch verkürzt statt. Viele Sportformate im linearen TV sind von aktuellem Spielbetrieb in der Fußball Bundesliga abhängig. Da auf kurze Sicht keine Fortsetzung des Liga-Alltags abzusehen ist, hat sich Nitro nun entschieden das Magazin «100% Bundesliga - Fußball bei Nitro» bis auf weiteres auszusetzen. Die Sendung, die immer einmal in der Woche montags ab 22.15 Uhr zu sehen war, wird gegen Wiederholungen von «Alarm für Cobra 11» ersetzt. Bereits an diesem Montag fing die Autobahnpolizei die freigewordene Sendezeit auf. Ab dem 6. April wird auch das «UEFA Europa League: Magazin» vorerst nicht mehr auf Sendung gehen.

Ungewisse Zukunft für eigentlich boomenden Sportwetten-Markt


Während Fußballmannschaften über fehlende TV-Gelder klagen. Sind die ausgesetzten Top-Wettbewerbe für Sportwettenanbieter ein großer Dorn im Auge. Auf irgendein Event auf der Welt kann man zwar immer wetten. Aber die großen bekannten Spielklassen locken natürlich die meisten Kunden an. Trotzdem sehen Experten den boomenden Markt noch nicht als besonders gefährdet an. Zwar gehen Umsätze und Aktienkurse kurzzeitig zurück, sobald die großen Ligen aber wieder zurück sind, sollte der Hype gerade mit Blick auf den geänderten Glücksspielstaatsvertrag 2021 weitergehen. Aktienkurse steigen deshalb nach kurzem Tief bereits wieder an.

Aktien-Analyst Marcus Silbe hat sich den Kurs der bet-at-home.com AG angesichts der Corona-Krise genau angeschaut und schraubt eine potenzielle Kaufempfehlung nur minimal nach unten. Insgesamt schweben ihm mit Blick auf die ungewisse Zukunft der pausierten Wettbewerbe zwei Szenarienarten vor, die den Verlauf maßgeblich beeinflussen werden. Zum einen die (unwahrscheinliche) Komplett-Absage der Saison ohne weitere Spiele und zum anderen die Wiederaufnahme nach mehrwöchiger Pause. Das erste Szenario wäre natürlich der Worst-Case für Wettanbieter wie bet-at-home. In diesem Fall sehe der Analyst nicht nur einen Umsatzeinbruch im März (was schon sicher sei), sondern auch keine Erholung im zweiten Quartal. Sollte in ein paar Wochen weitergespielt werden, sieht der Analyst nur einen minimalen Einfluss aus den europäischen Ligen. Nur die Verschiebung der EM hätte so einen größeren Netto-Effekt auf die Erwartungen der Anbieter, die so oder so leicht nach unten geschraubt werden müssen. Solange das erste Szenario nicht in Sicht ist, kann man auf die Beliebtheit der Wettanbieter zählen.
24.03.2020 10:00 Uhr  •  Niklas Spitz Kurz-URL: qmde.de/116968