«Tatort – Spieglein, Spieglein»: Münster, doppelt gemoppelt

Die doppelte Dosis der Publikumslieblinge: Im neuen «Tatort» aus Münster ist einmal nicht genug.

Cast und Crew

  • Regie: Matthias Tiefenbacher
  • Drehbuch: Benjamin Hessler
  • Darsteller: Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Björn Meyer, Christine Urspruch, Kathrin Anger, Mechthild Grossmann, Claus D. Clausnitzer, Arnd Klawitter, Ronald Kukulies, Jens Kipper
  • Kamera: Hanno Lentz
  • Schnitt: Horst Reiter
  • Musik: Biber Gullatz, Andreas Schäfer
Der «Tatort» aus Münster hat was aufzuholen. 2018 ging nur ein neuer Fall mit Thiel und Boerne über den Äther. Dafür gibt es beim ersten Münsteraner «Tatort» dieses Jahres zum Ausgleich die doppelte Dosis Axel Prahl und Jan Josef Liefers: In «Tatort – Spieglein, Spieglein» bekommen es die immer wieder für starke Quoten sorgenden Publikumslieblinge nämlich mit Doppelgängern zu tun. Und nicht nur mit ihren Doppelgängern. Auch ihr Umfeld ist gedoppelt. Und zuweilen tot … Das passt konzeptuell perfekt ins «Tatort»-Universum aus der Studierenden- und Fahrradstadt, aber macht das in der Umsetzung auch wirklich Spaß? Nun, gehen wir der Reihe nach …

Staatsanwältin Wilhelmine Klemm stapft wutschnaubend in die Mordkommission: Kurz, nachdem hinter dem Dom eine Tote gefunden wurde, tauchen virale Videos vom Leichenfundort auf, zudem kommt es zu schockierten Schlagzeilen. Kommissar Frank Thiel hat sich lächelnd am Tatort fotografieren lassen. Kein Wunder, dass die Ermittlungen massiv erschwert werden – die Bevölkerung ist erbost über diese Respektlosigkeit. Thiel aber ist ratlos. Nicht nur, dass sich keinerlei Verdächtigen oder Motive für den Mord auffinden lassen, obwohl Freunde der Toten sagen, dass sie sich zuletzt verfolgt gefühlt hat: Thiel ist vor allem verwirrt, weil er sich doch nichts zuschulden hat kommen lassen! Er wurde nur falsch verstanden …

Als sich Professor Boerne meldet, wird die Lage noch verzwickter: Im Kanal wurde ein weiteres Todesopfer entdeckt, bei dem äußerliche Ähnlichkeiten mit Rechtsmedizinerin Silke 'Alberich' Haller offentsichtlich sind. Es kann sich kaum um einen Zufall handeln. Denn das erste Opfer hatte große Ähnlichkeit mit Staatsanwältin Klemm …


Zwei Mal Vaddern, Klemm, Alberich, Thiel und Boerne: Für die Fans der «Tatort»-Folgen aus Münster ein Traum mit komödiantischem Potential, für den in sich gekehrten, sich stets nach Ruhe sehnenden Thiel dagegen ein reiner Albtraum. Drehbuchautor Benjamin Hessler («Rammbock», «Blutgletscher») versteht, dass dies die stimmige Reaktion für diese Figur ist und verwurzelt den Verwechslungsspaß und die obligatorischen Momente großer Spielfreude des doppelt agierenden Casts in Thiels Unsicherheiten.

«Spieglein, Spieglein» ist, anders gesagt, nicht etwa einer der Münster-«Tatort»-Fälle, die auf Kauzigkeit und Kauzigkeit allein setzen, sondern einer der rareren Fälle aus Münster, die ihren Späßen einen dunkleren Nährboden geben: Während manche der Verwechselten, wie etwa die sich blendend verstehenden Rollen Jan Josef Liefers', Freude an dem Doppelgemoppel haben, wird an anderer Stelle die Beklommenheit derer thematisiert, die glauben, den Überblick zu verlieren, sowie Thiels zwischenzeitliche Totalüberforderung mit der Situation.

So erhält dieser aufgedrehte, über weite Strecken bewusst unsubtile Komikkrimi eine schwarzhumorige Note, die Regisseur Matthias Tiefenbacher bei seinem nunmehr vierten Münsteraner «Tatort» inszenatorisch zu unterstützen versteht. Gelenkig manövriert er das Geschehen von dynamischen Momenten voller Situationswitz und kurioser Quirligkeit hin zu gleichermaßen schattig wie kontrastreich ausgeleuchteten Augenblicken der visuellen Klaustrophobie, die das unwohlige Innere der verwirrten Figuren spiegeln.

Gestärkt wird dies durch die empathischen Ängste der Hauptfiguren: Sie haben keine Überlebensangst, sondern große Sorgen des Mitgefühls, da es sich abzeichnet, dass jemand gezielt ihren Doppelgängern nach dem Leben trachtet. Dies ist eine komplexere Emotion als das bloße Bangen ums eigene Überleben, was diesem in groben Pinselstrichen alltäglich strukturierten Krimi gestattet, im Detail von der narrativen Norm abzuweichen und obendrein dem Cast noch mehr Potential gibt, aus sich herauszugehen und nicht nur zwei Rollen zu spielen, sondern ihren aufgedrehten Stammrollen selten gesehene Nuancen mitzugeben. Auch Christine Urspruch darf hier mehr Gefühl zeigen als in dieser Krimireihe von ihr gewohnt und gibt so dem Fall eine emotionale Dringlichkeit.

Die Auflösung ist zwar vorhersehbar, der Weg zum letzten Paukenschlag bleibt aber kurzweilig und gerät auch situativ-spannend. Typisch für Münster: Nicht das "Was", sondern das "Wie" zählt. Und in diesem Falle ist das "Wie" überzeugend geraten.

«Tatort – Spieglein, Spieglein» ist am 17. März 2019 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
16.03.2019 11:10 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/107957