Zurück an der Grenze: «Sicario 2»

Nach dem Überraschungserfolg von Denis Villeneuves Drogenthriller «Sicario» kommt mit dem im Original «Day of the Soldado» betitelten Sequel nun der zweite Teil einer geplanten Trilogie ins Kino. Mit dem ersten Film hat die Fortsetzung kaum noch etwas zu tun.

Filmfacts: «Sicario 2»

  • Start: 19. Juli 2018
  • Genre: Thriller/Action
  • Laufzeit: 122
  • FSK: 18
  • Kamera: Dariusz Wolski
  • Musik: Hildur Guðnadóttir
  • Buch: Taylor Sheridan
  • Regie: Stefano Sollima
  • Darsteller: Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Catherine Keener, Jeffrey Donovan
  • OT: Sicario: Day of the Soldado (USA/IT 2018)
Wer die Filme des gebürtigen Italieners Stefano Sollima kennt, der weiß: Dieser Mann macht keine halben Sachen. In «A.C.A.B.» oder «Suburra», aber auch der gefeierten Serie «Gomorrha» sezierte er vor laufender Kamera ganze Milieus und begab sich tief ins Herz krimineller Verflechtungen innerhalb mafiöser Clans. Für das «Sicario»-Sequel «Sicario: Day of the Soldado» – hierzulande unter dem simplen Titel «Sicario 2» in die Kinos kommend – durfte der bislang vor allem unter Filminsidern bekannte Regisseur seinen Vorgänger Denis Villeneuve («Enemy») beerben, der während der Entstehung von «Sicario 2» mit seinem Science-Fiction-Epos «Blade Runner 2049» beschäftigt war. Nach einem bei aller Bosheit fast poetischen ersten Teil, in dem Kameramann Roger Deakins zwischen all der Gewalt auch eine gehörige Portion Ästhetik einzufangen vermochte, ist die Fortsetzung nun, ganz dem Regisseur entsprechend, ein ausschließlich dreckig-brutaler Crime-Thriller. Ohne Emily Blunt, die in Teil eins den personifizierten Silberstreif am Horizont verkörperte, ist von der zwischenzeitlich aufblitzenden Menschlichkeit nun fast nichts mehr übrig.

Und somit kaum noch etwas davon, was «Sicario» überhaupt ausmachte. Betrachtet man Teil zwei hingegen für sich alleine, bleibt eine starke, wenngleich völlig andere Art von Suspense und Atmosphäre, was zum Großteil auch dem wiederkehrenden Drehbuchautor Taylor Sheridan («Hell Or High Water») zu verdanken ist.

Ein erbitterter Kamp zwischen Gut und Böse


An der Grenze zwischen den USA und Mexiko eskaliert nicht nur der Drogenkrieg, immer wieder schleusen Menschenhändler auch Terroristen unbemerkt von einem Land ins andere. Die Agenten Matt Graver (Josh Brolin) und Alejandro Gillick (Benicio Del Toro) stellen sich der Gefahr der mexikanischen Kartelle und holen von der amerikanischen Seite zum Gegenschlag aus: Um einen Krieg der verfeindeten Drogenclans anzuzetteln, soll das Mädchen Isabela (Isabela Moner), Tochter eines mächtigen Kartellbosses, entführt werden. Da Alejandro noch eine ganz persönliche Fehde mit ihm auszutragen hat, setzt er sich besonders dafür ein, dass Isabela dieses Manöver heil übersteht. Doch in dem Milieu treiben bis an die Zähne bewaffnete Kriminelle ihr Unwesen, für die Mord und Totschlag zum Alltag gehört…

Ging es in «Sicario» ausschließlich um den brutal ausgetragenen Drogenkrieg, stehen in der Fortsetzung nun vorwiegend der Handel mit Migranten und den darunter befindlichen Terroristen im Fokus, die Schleuserbanden im Verborgenen über die Grenze schmuggeln. Um diese Prämisse zu etablieren, wird der Zuschauer sehr früh Zeuge einer Gewalttat, wie sie uns heutzutage nahezu täglich erreicht: In einem Supermarkt sprengt sich ein Attentäter in die Luft – es ist der Auslöser dafür, den Krieg gegen die Terroristenschleuser nun auf derbere Weise fortzuführen. Der Film könnte in Zeiten der Regierung Donald Trumps, der den angestrebten Bau seiner Mauer zu Mexiko ja auch immer wieder damit rechtfertigt, Kriminelle von „seinem Amerika“ fernhalten zu wollen, aktueller nicht sein (kennen wir irgendwoher, doch das Ganze geht noch eine Spur realistischer vonstatten, als etwa in dem jüngst erschienenen, ähnlich zeitgeistigen «The Purge»-Prequel «The First Purge»).

Und tatsächlich hat sich etwas verändert: Man kann den Wechsel von der Prä-Trump- zur Trump-Ära förmlich greifen. In «Sicario 2» ist alle Hoffnung auf ein friedliches, gewaltfreies Amerika erloschen – und selbst, wer entgegen aller Erwartungen einen Kopfschuss überlebt, ist in diesem menschenfeindlichen Land trotzdem verloren. Stefano Sollima quetscht mit seinem Film die Seele Amerikas aus, bis kein Tropfen Hoffnung auf eine bessere Welt mehr übrig bleibt – und erst danach beginnt sein Film.

Bis tief in die dunkelste Seele Amerikas


Anhand der ehrgeizigen Kate Macer ließ sich im ersten Teil noch ganz gut nachvollziehen, weshalb in dieser Umgebung überhaupt noch Jemand versucht, gegen die allgegenwärtige Gewalt vorzugehen. In «Sicario 2» gibt es nun nur noch ein Wiedersehen mit den beiden Agenten Graver und Gillick, die schon vor drei Jahren erkannt haben, dass sie hier gegen Windmühlen kämpfen. Das macht es diesmal schwieriger, mit irgendjemandem im Film zu sympathisieren, ein Großteil der Charaktere lässt sich ausschließlich über ein „abgefuckt“ definieren. Dabei ist «Sicario 2» nur ein Abstieg in finsterste menschliche Abgründe; aber in solche, die tatsächlich existieren. Denis Villeneuve federte so viel Spannung und Aggression noch mit seinem unbedingten Stilwillen ab. Sein Film konnte durch die fiebrigen Bilder Roger Deakins‘ immer auch betören, die Bilder aus dem Sequel stammen nun von Dariusz Wolski («Alles Geld der Welt»), der immer drauf hält und das Geschehen unverfälscht zeigt. Hier gibt es keine inszenatorische Überhöhung mehr.

Was wir sehen, ist das echte Leben. Und das ist bei aller Brillanz bisweilen nur schwer zu ertragen. Dazu passt auch, dass Sollima die Gewalt- und Actionspitzen nicht mehr dramaturgisch perfekt platziert, sondern sich die angestaute Spannung immer mal wieder zwischendurch entlädt. Damit kann sich der Suspense nicht mehr bis ins Extrem steigern (so geschehen in Teil eins, als sowohl die bekannte Grenz-Schießerei, als auch das bei Nacht stattfindende Finale endlich den Druck vom sinnbildlichen Kessel nahmen), aber wem in Teil eins zu wenig passierte, dem könnte Teil zwei mehr zusagen.

Von der FSK erhielt «Sicario 2» kürzlich eine Freigabe ab 18 Jahren. Das verwundert ein wenig, denn im Gegensatz zum Vorgänger, der noch jugendfrei war, ist der Nachfolger visuell gar nicht so viel härter. Was sind schon über ein Dutzend eingemauerte Leichen gegen einen explizit ausgeführten Kopfschuss? Doch auch, wenn das Sequel kaum brutaler ist, hat es einen anderen Stellenwert, wenn hier plötzlich Kinderhände den Abzug drücken und das erschossene Opfer noch zuckt, anstatt auf der Stelle tot umzufallen, nachdem sich zwei erwachsene Männer bis aufs Blut bekriegen. Auch der Bezug zur Realität spielt da sicherlich eine tragende Rolle, genauso wie die Befürchtung, jüngere Zuschauer könnten in den Leinwandbildern stupide Krawallunterhaltung erkennen. Dass «Sicario 2» jedoch etwas ganz Anderes ist, betonen die Macher auch mit ihrer realitätsnahen Inszenierung noch einmal, mit der sie die Tradition des handgemachten Actionkinos mit Bravour fortsetzen: Wenn hier ein Supermarkt explodiert oder auf der Leinwand eine wütende Schießerei tobt, hat man das Gefühl, den Druck der Explosionswelle am eigenen Leib zu spüren und geht unbewusst immer wieder vor den fliegenden Kugeln in Deckung.

Und wenn hier eine vermeintlich tote Person entgegen aller Erwartung doch noch lebt, ist das keiner dieser effekthascherischen Twist-Momente, sondern fest in der realitätsnahen Erzählung verankert. Denn wer noch nie geschossen hat, wird bei seiner ersten Exekution kaum auf Anhieb richtig treffen. Komponist Hildur Guðnadóttir («Maria Magdalena») macht die bedrohliche Szenerie mit seinem dröhnenden Score noch eine Spur bedrohlicher.

Fazit


Inszenatorisch hat der handwerklich herausragende Drogenthriller «Sicario 2» mit dem gefeierten ersten Teil nichts mehr zu tun. Regisseur Stefano Sollina setzt diesmal auf Düsternis, absolute Trostlosigkeit und verzichtet auf Identifikationsfiguren. An die beispiellose Spannung des ersten Teils kann der Film zwar nur noch bedingt anknüpfen, beklemmend ist er trotzdem bis zur aller letzten Minute.

«Sicario 2» ist ab dem 19. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.
19.07.2018 15:15 Uhr  •  Antje Wessels Kurz-URL: qmde.de/102429