Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: «Big Brother» für Notgeile

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 237: „Die schärfste Containershow, die es je gab.“

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir der Real-Life-Show, in der laut Pressetext „verlieben unbedingt erwünscht“ war.

«House of Love» wurde am 30. Januar 2001 bei RTL geboren und entstand zu einer Zeit, als nach dem überraschenden Erfolg von «Big Brother» unzählige ähnliche Konzepte die deutsche Fernsehlandschaft bevölkerten. Den Anfang machte «Der Frisör» bei RTL, bevor nur wenige Wochen später mit «II Club» , «Girlscamp», der dritten Staffel des Originals sowie jenem «House of Love» gleich vier neue Versuche in ein und derselben Woche starteten.

Weil in der ersten Runde von «Big Brother» vor allem die wenigen Nackt- und undeutlichen Sexszenen zwischen Kerstin und Alex für Aufsehen sorgten, versuchten die Nachfolger solche Bilder bewusst zu provozieren. So verschwanden im BB-Container die Doppelstockbetten, der Sichtschutz in der Dusche sowie die Erlaubnis beim Duschen Badekleidung tragen zu dürfen, während bei «Girlscamp» indessen nur noch junge, üppige Frauen um den Sieg vor exotischer Kulisse kämpften. Auf die Spitze wurden diese Bemühungen dann bei «House of Love» getrieben, denn das Erzeugen von sexuellen Momenten war der Hauptbestandteil der Idee, in der fünf Frauen um die Gunst eines Mannes buhlten.

Dafür zog die 6er-Gruppe für eine Woche in das 150qm große, von der Außenwelt abgeschlossene Liebes-Loft ein, das von elf Kameras überwacht wurde und mit einem Whirlpool, einer Dusche mit Glastür sowie einem vier Meter breiten Wasserbett im Flammendesign ausgestattet war. Für die Woche hatte der männliche Kandidat Thilo ein Budget von 15.000 DM zur Verfügung, um seinen Harem bei Laune zu halten. Was er nicht aufbrauchte, durfte er selbst behalten. An jedem Tag wählte er dann diejenige Bewerberin heraus, die ihn am wenigsten beeindruckt hatte. Um dies zu verhindern, legten sich Silke (22), Adriana (22), Michelle (22), Verena (25) und Sandra (23) mächtig ins Zeug und boten liebestolle Tänze, einen Strip und erotische Geschenke (u.a. sexy Unterwäsche und eine Gummivagina) an. Während die erste Dame bereits nach der ersten Stunde nach Hause geschickt wurde, durfte die Gewinnerin die letzte Nacht mit ihm allein verbringen. Nachdem Thilo auf diese Weise seine Herzdame gewählt hatte, begann direkt im Anschluss das Spiel aus Gründen der Gleichberechtigung von vorn, diesmal jedoch mit umgekehrten Vorzeichen, denn nun bewarben sich Markus (34), Thomas (29), Michael (29), Bülent (28) und Torsten (26) um die 28jährige Anja.

Bei den Kandidatinnen handelte es sich selbstverständlich ausschließlich um attraktive Menschen mit einem Hang zum Exhibitionismus, die zudem als Stewardessen und Wäschemodels auch gängigen sexuellen Fantasien entsprachen. Damit es auch tatsächlich zu den gewünschten Ausschweifungen kam, wurden alle Teilnehmer von der zuständigen Castingagentur daraufhin abgeklopft, ob sie denn auch zum Sex bereit wären. Wohl auch deswegen, beschrieb die TV Movie die Endemol-Produktion vorab als „die schärfste Containershow, die es je gab.“ Das Dilemma bei all diesem Engagement lag jedoch darin, dass der eigentlich gewollte Geschlechtsakt am Ende aus Jugendschutzgründen sowieso nicht unverhüllt gezeigt werden durfte. Dennoch erhielt der mediale Swingerclub einen Sendeplatz im Spätprogramm um 23.15 Uhr. Dies sollte aber vermutlich vor allem auch seine sexuelle Aufladung unterstreichen.

Für die tägliche Präsentation der wichtigsten Ereignisse aus dem Liebes-Loft war sich das ehemalige VIVA-Gesicht Aleksandra Bechtel nicht zu Schade, die parallel auch als Außenreporterin bei der Vorlage «Big Brother» fungierte. Mit unscharfen und verwackelten Bildern von unbekannten Menschen, hatte sie durch die Moderation von «Bitte Lächeln!» bereits Erfahrung.

Aufgrund der Überpräsenz des Genres wurde bereits zum Start der neuen Sendungen eine baldige Übersättigung des Marktes prophezeit, die sich tatsächlich auch schnell erfüllte und zur vorzeitigen Absetzung von «Girlscamp», «II Club» und «Der Frisör» führte. Daher überraschte es, dass der Auftakt von «House of Love» trotz der späten Ausstrahlungszeit mit bis zu 2,16 Millionen Zuschauern und Zielgruppen-Marktanteilen um 20 Prozent ungewohnt erfolgreich erfolgte. Doch der sofort einsetzende Abwärtstrend sowie das negative Image des Formats führten letztlich dazu, dass es nach der von vornherein auf zwei Wochen begrenzten ersten Staffel keine Fortsetzung gab.

«House of Love» wurde am 10. Februar 2001 beerdigt und erreichte ein Alter von acht Folgen. Die Show hinterließ die Moderatorin Aleksandra Bechtel, die konsequenterweise wenig später auch die Hauptmoderation von «Big Brother» übernahm. Übrigens kam RTL mit «House of Love» seinem Schwesternsender RTL II zuvor, der mit «House of Hearts» bereits an einer ähnlichen Produktion arbeitete, diese dann jedoch abblies. Davon unbeeindruckt, versuchte RTL im Oktober 2001 mit «Versuchung im Paradies» selbst ein ähnliches Konzept mit Oliver Geissen zu etablieren, was jedoch misslang.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann «Kommissar Schimpanski»">der wahrscheinlich affigsten Krimiserie des deutschen Fernsehens.

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