Die Kritiker

«Tatverdacht Frankfurt»: Wenn Light Fiction echte Fiction schlägt

von   |  2 Kommentare

Schon 2016/2017 gedreht, kommt jetzt eine neuartige Krimiart nach Deutschland. In England läuft das Format seit fünf Staffeln.

Produktionsnotizen zu «Tatverdacht Frankfurt»

  • Produktion: UFA Serial Drama / Guido Reinhardt
  • Als Ermittler zu sehen: Nina Kronjäger, Natalja Joselewitsch, Aleksandar Radenkovic
  • In Gastrollen: Elvis E. Giani, Gisa Zach, Joana Schümer, Lea Marlen Woitack, Thando Walbaum, Luise Befort, Ulrike Mai, Volker Herold, Judith Sehrbrock, Caroline Scholze u.a.
  • Buch: Peter Holzwarth, Andreas Fuhrmann u.a.
  • Regie: Sven Fehrensen, Janis Rebecca Rattenni
Was würde passieren, wenn man feststellt, dass eine fiktionale Geschichte, die anders als bisher und vor allem schneller zu produzieren ist, intensiver und fesselnder erzählt als bisher bekannte Produktionsweisen? Vielleicht wird man die Antwort in Deutschland in den kommenden Wochen kennenlernen. RTL hat endlich einen Sendeplatz für seine «Suspects»-Adaption «Tatverdacht Frankfurt» gefunden. Das Original kommt vom britischen Channel5, läuft dort seit fünf Staffeln – und besticht vor allem durch ein ungewöhnliches Produktionsmodell. Ein normaler «Tatort» wird an zwischen 20 und 30 Drehtagen produziert – in dieser Zeit entstehen zwischen 86 und 89 Minuten Sendezeit. Grob über den Daumen gepeilt schafft das Team also drei bis vier Minuten pro Tag. Es ist gut und richtig, wenn künstlerische Arbeit und Qualität seine Zeit braucht.

Aber es ist nicht alternativlos: Das britische «Suspects» wird an zwei Tagen produziert; pro Tag entstehen also um die 17 Minuten – die Folgen der Serie haben eine Länge von rund 35 bis 37 Minuten. Somit wurde errechnet, dass die Realisatoren pro Szene etwa 18 Minuten Zeit haben. Das ist nicht viel. Entsprechend ist die Herangehensweise eine komplett andere. Es wird mit professionellen Schauspielern gearbeitet, die aber viel mehr als üblich in dem geschult sind, was sie darstellen. So wurden Verhörtechniken und andere polizeiliche Arbeitsweisen deutlich verinnerlicht. Daher gibt es für die Episoden keine strikten Drehbücher, sondern nur grobe Leitlinien, was passieren soll.

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Im Quotenmeter.de-Interview spricht der Chef von UFA Serial Drama nicht nur über die langlaufenden Soaps beim Sender RTL, die seine Firma produziert, sondern auch über den Neustart «Tatverdacht Frankfurt».
In Deutschland hat Soap-Spezialist UFA Serial Drama die Produktion übernommen; dort kennt man sich mit serieller Fertigung unter Zeitdruck aus. Entstanden ist ein sehr interessanter Krimi, der das Genre so stark in den Fokus rückt wie kaum eine andere serielle Produktion in Deutschland. Natürlich begleitet der Zuschauer feste Cast-Mitglieder, nämlich Kriminalhauptkommissarin Elke Welp (Nina Kronjäger) sowie die Kommissare Alexander Mirkovic (Aleksandar Radenkovic) und Sonja Lemke (Natalja Joselewitsch), bei ihrer Arbeit. Aber die Figuren an sich sind Nebensache; sie sind quasi nur Mittel zum Zweck. Der Zuschauer lernt sie nicht wirklich kennen – es geht nicht um sie. Somit entfällt auch das klassische Stilmittel vieler Serienpremieren, dass ein Kommissar neu in eine Abteilung kommt und das Publikum durch seine Augen die neue Umgebung kennenlernt.

Im Fokus von «Tatverdacht Frankfurt» steht der Fall. In der ersten Episode hat UFA Serial Drama die Pilotfolge aus England 1:1 nacherzählt – und verweist wie das Original entsprechend auch darauf, dass alle Ereignisse an wahre Begebenheiten angelehnt sind. Für die deutsche Version ist die englische Version um Feinheiten ergänzt worden. Kommentiert wird zu Beginn und am Ende aus dem Off von Michael Brennicke, dessen Stimme dem deutschen Krimi-Publikum vor allem als Sprecher der Fälle in «Aktenzeichen XY . ungelöst» bekannt ist. Ein zweijähriges Kind ist verschwunden, die Familie in heller Aufregung. Schnell gerät der cholerische Vater ins Visier der Ermittler, der an besagtem Tag offenbar ein bisschen zu viel Bier gekauft und wohl auch getrunken hat. Aber auch die von ihren Kindern getrennt lebende Mutter könnte etwas mit dem Verschwinden zu tun haben. Oder hat der ältere Bruder der zweijährigen Mia etwa ein Geheimnis?

Wie auch das Original, ist die Serie in kühlen Farben gehalten, die Kamera ist ständig in Bewegung. Das Format wird nicht im klassischen Doku-Stil produziert, arbeitet aber mit unruhigen Bildern, die Dynamik vermitteln. Die Schauspieler agieren – obwohl sie allesamt nicht übermäßig bekannt sind – auf hohem Niveau. Dass es kein klassisches Drehbuch gibt, fällt nicht auf – im Gegenteil. Die Dialoge sind stimmig und wirken nah an der Realität. An einigen Stellen unterscheidet sich die deutsche Variante übrigens merklich vom UK-Original. Die Channel5-Version schneidet wesentlich öfter Aufnahmen von „Überwachungskameras“ im Revier und verzichtet zudem auf unterstützende Rückblenden. Vor allem bei den letztlichen Auflösung des Falls wurde das Geschehen in der RTL-Version für den Zuschauer nochmals visualisiert, während in der Grundlage quasi nur erzählt wurde. Zudem versucht man in der deutschen Version, das ermittelnde Team etwas nahbarer zu machen und stärker in Frankfurt zu verorten, etwa in dem die drei Kommissare (anders als im Original) am Ende nochmal vor der Hochhaus-Kulisse der Bankenstadt zusammenstehen und das Erlebte kurz Revue passieren lassen. An anderer Stelle hat man hingegen 1:1 das Original nachgebaut – das geht so weit, dass die Polizisten farblich exakt gleiche Polizei-Keyholder um den Hals tragen.

Was die Intensität der Geschichte angeht, schlägt das neue RTL-Format die meisten anderen Krimis des Landes, weil es sich nicht an Nebenhandlungen und Charakterstudien abarbeitet, weil es keine Zeit zum Durchschnaufen lässt und weil die einzelnen Szenen kurz und allesamt relevant sind. Insofern ist es durchaus spannend, wie ein derart purer Krimi im Krimiland Deutschland aufgenommen wird. In England übrigens gab es nach der ersten Staffel, die dort aus nur aus fünf Folgen bestand, Änderungen am Konzept. Es wurde erprobt, ob das Format auch als Mini-Serie funktioniert. In Staffel zwei wurde ein Fall in vier Episoden erzählt, die fünfte Staffel erzählte eine Geschichte sogar in fünf Teilen.

Was bleibt, ist ein beeindruckender Krimi ohne Firlefanz – aber auch mit austauschbaren Gesichtern. Nicht immer ist es wünschenswert, dass sich neue Ideen im deutschen Fernsehen langfristig durchsetzen und weitere Früchte tragen. Hier schon.

«Tatverdacht Frankfurt» besteht aus zehn Folgen, die ab dem 22. März 2018 immer donnerstags um 22.15 Uhr von RTL gezeigt werden


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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
medical_fan
22.03.2018 16:55 Uhr 1
Werde es mir anschauen, und dann mal sehen ob die 80% gerechtfertigt sind oder nicht..
Manuel Weis
22.03.2018 17:18 Uhr 2
Gib gerne Bescheid

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