Sonntagsfragen

Max Hubacher: 'Wir wollten, dass der Film einem voll auf die Fresse gibt'

von   |  1 Kommentar

Wie ist es, einen Protagonisten zu spielen, der keinen Deut Sympathie weckt? Max Hubacher spricht mit Quotenmeter.de über seine Rolle in «Der Hauptmann».

Ich möchte unser Gespräch gern mit einer Anekdote, statt einer Frage beginnen: Üblicherweise herrscht nach Pressevorführungen stets ein reger Austausch zwischen Kollegen. Nach «Der Hauptmann» dagegen haben sich alle betreten angeschaut und gemurmelt: "Joah, war unangenehm ..."
Ja, sehr gut! So soll das auch sein. Eine so unangenehme Thematik wie unsere sollte auch einen unangenehmen Film ergeben!

Dem kann ich beipflichten. Und dennoch ist das keine Selbstverständlichkeit. Viele andere Filme über die NS-Zeit sind letztlich "nur" tragische Historienfilme. Historisch akkurat ausstaffiert, mit einer Identifikationsfigur im Mittelpunkt und im Off sterben Millionen von unschuldigen Menschen. «Der Hauptmann» ist dagegen ein sehr offensiver Film.
Absolut. Das war unser Ziel. Wir wollten, dass der Film einem voll auf die Fresse gibt.

War es für Sie als Schauspieler eine Herausforderung, eine Hauptfigur zu spielen, für die man nicht den leisesten Hauch Sympathie hegen kann? Oder spielt der Sympathiegrad für Sie in der Herangehensweise keine Rolle?
Ich finde nicht, dass man Sympathie für seine Figur aufbringen muss, um gut zu schauspielern. Entscheidender ist, sich in der Vorbereitungsphase mit der Frage auseinanderzusetzen: "Was hätte ich an der Stelle dieser Figur getan?" Gerade bei «Der Hauptmann». Da drängt sich diese Frage besonders intensiv auf – sie soll sich auch dem Publikum stellen. Vor der Kamera galt es für mich dann aber, jegliche Moral abzulegen und versuchen, das, was sich im Kopf von Willi Herold wohl abgespielt hat, mehrdimensional im Spiel auszuleben. Sonst besteht die Gefahr, einfach nur ein Abziehbild einer schrecklichen Person zu spielen oder einfach, ganz flach, ihr Handeln abzubilden. Das war durchaus eine Herausforderung: Ein Gefühl für die Denkweise Herolds zu gewinnen. Dabei war aber hilfreich, dass wir ausführlich geprobt und den ganzen Film chronologisch gedreht haben.

Weshalb war das für Sie hilfreich?
Das chronologische Drehen sorgte dafür, dass ich parallel zur Eskalation im Film immer stärker in die Rolle hineinfinden konnte. Ich bin Robert [Schwentke, dem Regisseur; Anm.d.Red.] sehr dafür dankbar, dass er sich zu diesem Schritt entschieden hat. Chronologische Dreharbeiten kommen ja sonst selten vor. Aber bei diesem Film war es sehr entscheidend darin, dass ich mich meiner Rolle nähern konnte – denn dadurch, dass wir nicht im Skript hin und her gesprungen sind, konnte ich mich ganz darauf konzentrieren, wo in ihrer Entwicklung sie gerade ist und welche emotionalen Ebenen in ihr vorgehen.

Bei Willi Herold sind wir zum Schluss gekommen, dass er anfangs allein vom Wunsch angetrieben ist, zu überleben. Doch irgendwann verliert er sich in der Rolle, die ihm die Hauptmanns-Uniform verleiht, die er stibitzt hat. Wobei wir alle uns einig waren, dass hier Kleider Leute machen – in dem Sinne, dass die Uniform auf Willi Herolds Umfeld Einfluss hat. Und die Art, wie die Leute auf die Uniform reagieren, verformt die Psyche meiner Rolle.
Max Hubacher
Und welche Erkenntnisse haben Sie durch die Proben erlangt?
Wir haben sehr viel über das Thema an sich gesprochen, was sehr dabei half, eine Perspektive für den größeren Kontext und die tieferen Implikationen des Geschehens zu gewinnen. Robert ist eine Koryphäe auf dem Gebiet und hat uns alle sehr gut über die Hintergründe der Vorfälle, die im Film vorkommen, geschult. Wir sind auch gemeinsam Recherchematerial durchgegangen, wie die Biografien der realen Personen, die wir spielen, und haben unsere Interpretationen von ihnen ausdiskutiert. Gemeinsam haben wir die Psyche unserer Figuren in verschiedene Ebenen unterteilt.

Bei Willi Herold etwa sind wir zum Schluss gekommen, dass er anfangs allein vom Wunsch angetrieben ist, zu überleben. Doch irgendwann verliert er sich in der Rolle, die ihm die Hauptmanns-Uniform verleiht, die er stibitzt hat. Wobei wir alle uns einig waren, dass hier Kleider Leute machen – in dem Sinne, dass die Uniform auf Willi Herolds Umfeld Einfluss hat. Und die Art, wie die Leute auf die Uniform reagieren, verformt die Psyche meiner Rolle. Das führt dann nach und nach zu dieser Dekadenz, die er ausstrahlt, zu diesem übertriebenen Gehabe. Ich deute das als seinen Versuch, die Grenzen auszutesten, wann er denn nun geschnappt wird.

Für mich hat die Figur zwei Wendepunkte: Die Szene, wo sie von einem wütenden Mob dazu aufgefordert wird, über Diebe zu urteilen. Und dann die Szene, wo Willi Herold schon eine kleine Kompanie hat und erstmals einen anderen NS-Militärtrupp trifft.
Ich möchte dazu nicht zu viel sagen, weil ich finde, dass die Zuschauer selber ihre Schlüsse ziehen sollen. Aber ich stimme zu, dass sich Willi Herolds Umgang mit Anderen entwickelt. Anfangs ist er noch vorsichtiger, tastet ab, was sein Gegenüber vielleicht hören will. Nach und nach wird er dreister. Und das erkläre ich mir so, dass er ein Spieler ist. Er merkt, welch absurdes Glück er hat, dass er mit seinen 19 Jahren nicht als Blender auffliegt, der gar nicht wirklich Hauptmann ist. Und es gibt mehrere Schritte, wo er sich immer weiter hinauslehnt und mit größeren und größeren Einsätzen spielt. In meinen Augen dreht es sich bei Willi Herold darum – und nicht etwa um die Lust daran, andere zu töten.

Vielen Dank für das Gespräch.
«Der Hauptmann» ist ab sofort in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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Waterboy
15.03.2018 17:11 Uhr 1
Ich und Arbeitskollegen durften den Film bereits sehen. Grandios gemacht. Beängstigend gut und realistisch gespielt. Eines der wohl furchterregensten Kapitel zum Ende des 2. Weltkrieges (und das will auf deutschen Boden ja schon was heißen) welches quasi fast völlig in Vergessenheit geraten ist, aber zeigt zu was einzelne Personen damals in Stande gewesen sind. Max Hubacher spielt grandios.

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