Hingeschaut

«Late Night Berlin»: Klaas debütiert holprig, aber mit Potenzial

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Ein Glanzstück der Late-Night-Geschichte war die am Montagabend gestartete Show mit Klaas Heufer-Umlauf mit Sicherheit noch nicht - und doch war sie mit so viel Herzblut und ehrlicher Begeisterung produziert, dass man ihr gerne etwas Eingewöhnungszeit zugesteht.

In «Late Night Berlin» werden wir alle Themen behandeln, über die gesprochen wird. Natürlich wird es auch politisch. Aber man darf bei all der Regierungsbildung auch die Kardashians nicht vergessen.
Klaas Heufer-Umlauf zur Ausrichtung seiner Sendung.
In Deutschland so etwas wie Late Night zu produzieren, muss man sich erstmal trauen, denn die Liste an erfolgreichen und nachhaltigen Formaten dieser Zunft ist im Vergleich zu den Vereinigten Staaten erschreckend kurz. Insofern ist ProSieben in allererster Linie schon einmal Respekt dafür zu zollen, sich überhaupt in Richtung dieses Haifischbeckens bewegt zu haben, statt einfach die nächste Lawine an «The Big Bang Theory»-Wiederholungen lustlos zu versenden. Der Erfolg für Sender und Moderator Klaas Heufer-Umlauf ist keineswegs garantiert und die Gesamtleistung der ersten Folge fiel derart durchwachsen aus, dass die Quoten auf eine baldige Absetzung nicht unbedingt drastisch gesunken sein dürften. Und doch lieferten Klaas und das Team von Florida TV genug an, dass man als aufrichtiger Liebhaber des Mediums nur die Daumen drücken möchte, dass man sich künftig noch besser einzugrooven weiß.

Konzeptionell liegt man irgendwo zwischen klassischer amerikanischer Late Night und der Joko-und-Klaas'schen Interpretation dessen in «MTV Circus Paradise»: Klaas müht sich durch einen mittelprächtigen Stand-Up zu Beginn der Show, der das aktuelle politische Tagesgeschäft alles in allem eher oberflächlich und moderat pointiert kommentiert. Wenig später wird in dem etwas arg lang geratenen Einspieler "Laberinth der Macht" aber auch sehr offensichtlich eine «HalliGalli»-Idee recyclet, auch hier mit der Geschichte der Regierungsbildung aber im Kontext eines politischen Themas. Es folgen eine recht gewitzte Gag-Vorschau und der sehr dankbare Gast Anne Will, da sich beide Gesprächspartner offensichtlichst füreinander interessieren. Insgesamt ist die erste Episode also doch deutlich politischer angehaucht, als man auf Basis der offiziellen ProSieben-Aufzählung "Popkultur, Politik, Musik, Sport, Gesellschaft und Medien" hätte annehmen können. Und damit macht es sich der Host nicht unbedingt leicht auf einem Sender, der ansonsten quasi überhaupt nicht mit politischen Inhalten aufwartet.


Joko will die Masse, Klaas die Sparte!?


Der dahinter stehende Subtext, der sich in Anbetracht der bisherigen Solo-Projekte von Joko und Klaas immer deutlicher herauslesen lässt: Ersterer ist für seichtere, leichtere und letztlich wohl auch massentauglichere Kost wie «Beginner gegen Gewinner» und «Das Ding des Jahres» zu haben, Letzterer will sich fernab der gemeinsamen Primetime-Spektakel eher an seriöseren und Privatsender-untypischen Projekten wie «Ein Mann, eine Wahl» oder eben diesem Neustart hier versuchen und den schwierigen Spagat zwischen Substanz und leichtes Entertainment wagen. Das ist mutig - zumal Klaas im Feuilleton sicherlich nicht das seriöse Standing besitzt, um sich zumindest des Kritiker-Lobs sicher zu wissen, wenn es schon mit der Quote nicht klappen sollte.

Und die erste Folge ist auch qualitativ noch weit von den wenigen großen Stunden der spätabendlichen Unterhaltungsgeschichte entfernt, an die man sich bei Schmidt, Raab oder auch durchaus schon Böhmermann erinnert - mit der für Newcomer immer reichlich gemeinen Implikation, die vielen soliden bis mühsamen Stunden zu vergessen, die sich hierzulande genauso wie in den USA zahlreich dazu gesellten. Das eine große Highlight platziert Klaas aber weder an den Anfang noch den Mittelteil noch das Ende seiner ersten Folge, der große zynisch-makabere Gag mitten in die kollektive Magengrube bleibt aus, es gibt nicht die beeindruckende Studio-Aktion, nicht den Einspieler, über den die Medien auch in drei Tagen noch berichten müssen. Kurz gesagt: Die Sendezeit ist dominiert von großer Nettigkeit, die weder peinlich noch mitreißend ist - und damit Gefahr läuft, egal zu erscheinen.


Es gibt viel zu loben - auch bei ProSieben


Und dabei gibt es eigentlich so viel, was man als Rezipient honorieren kann und sollte: Ein beeindruckend groß wirkendes Studio, das fantastisch dekoriert und visualisiert ist, mit seinem im Tisch implementierten Monitor, der eine visuelle Einheit mit der großen Leinwand im Hintergrund bilden soll, aber vielleicht auch eine Nuance zu viel will und dazu neigt, mit seinem Geblinke ein wenig vom Inhalt abzulenken. Das Wagnis, einen bislang vorwiegend hinter der Kamera (unter anderem als Redaktionsleiter und Autor für Joko und Klaas) aktiven Jakob Lundt als Sidekick zu installieren, was durchaus Potenzial hat. Das klare Bekenntnis zur Live-Musik in Form einer Studio-Band sowie einem vom biederen Helene-Fischer-Gefälligkeits-Mainstream abweichenden Musikact am Ende der Show. Ohnehin hat in den vergangenen Jahren kaum eine Show mehr eine derart hinreißende Auswahl an Musikacts in ein deutsches Fernsehstudio locken können wie zuvor «Circus HalliGalli» - wenn man also bei den Einspielern gerne etwas stärker davon abweichen darf, so sollte man hier einfach da weitermachen, wo man im vergangenen Jahr aufgehört hat.

Fast schon erstaunlich mutet es nach all den zuschauerfeindlichen Missetaten der jüngeren Vergangenheit übrigens an, dass ProSieben an diesem Spätabend mal keinen neuerlichen Werbewahnsinn initiiert hat: Die erste Werbepause erst nach gut 20 Minuten, die Unterbrechungen nicht horrend lang - ja, so wirbt man, wenn man kein ebelingeskes Bild vom eigenen Publikum vor Augen hat. Kleine Abzüge in der B-Note gibt es aber dennoch: Bei einer aufgezeichneten Sendung darf man schon erwarten, dass eine Überziehung um mehr als zehn Minuten auch im Teletext angekündigt wird. Und künftig darf man Klaas dann auch die Ehre erweisen, ihm die 30 Sekunden am Ende noch zuzugestehen, um sich vernünftig vom Publikum und seinen Studio-Gästen zu verabschieden. Überwiegend ist die Sendung ordentlich geschnitten, doch die Verabschiedung nach dem Auftritt von Casper und Ahzumjot ist ein später, aber doch kaum übersehbarer Mittelfinger gen Zuschauer. Und ein völlig unnötiger noch dazu, wenn im Anschluss die fünfte Wiederholung von «The Big Bang Theory» versendet wird.

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War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
41,9%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
9,3%
Habe es (noch) nicht gesehen.
17,6%


Fazit: Turbo noch nicht gezündet, Einschaltbefehl wird wiederholt


Ansonsten aber ist «Late Night Berlin» eine Sendung mit hohem Potenzial, der man anmerkt, dass sowohl ihr Moderator als auch das Team hinter den Kulissen um gute Unterhaltung redlich bemüht sind. Zum Auftakt trägt dieses Bemühen nur recht schüchterne Früchte, es hakt noch an einigen Stellen und der erhoffte große Knall bleibt zunächst einmal aus. Aber die Begeisterung des Teams, die Tatsache, dass man sich einen noch etwas routinierteren Klaas schon jetzt ziemlich gut als Late-Night-Host vorstellen kann, die Liebe zum Detail und durchaus auch die schon im Vorfeld sehr engagierten und gewitzten PR-Kampagne sollten doch dazu motivieren, der Show mehr als nur eine Chance zu geben. Die Alternativen bestünden halt aus «The Big Bang Theory» und «The Big Bang Theory» zwischen fünf anderen Folgen von... naja, Sie wissen schon. Insofern ist Micky Beisenherz' treffendem Twitter-Kommentar im Vorfeld der ersten Folge nach deren Sichtung nur hinzuzufügen: Selbiges gilt auch für die kommende Woche noch.

Das übrigens in Potsdam-Babelsberg aufgezeichnete «Late Night Berlin» läuft ab sofort immer montags gegen 23 Uhr auf ProSieben.

Kurz-URL: qmde.de/99609
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