Die Kritiker

«Tatort: Déjà-Vu»

von

Im neuen «Tatort» aus Dresden fahndet das weibliche Ermittlerduo nach einem pädophilen Kindermörder. Von Vorverurteilung bis zu Voyeurismus wird wieder viel Sozialkritik geübt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Alwara Höfels als Henni Sieland
Karin Hanczewski als Karin Gorniak
Martin Brambach als Peter Michael Schnabel
Alice Dwyer als Jennifer Wolf
Benjamin Lille als Réne Zernitz
Niels Bruno Schmidt als Micha Siebert
Jörg Malchow als Stefan Krüger
u.v.m.

Hinter der Kamera:
Buch: Mark Monheim, Stephan Wagner
Regie: Dusin Loose
Kamera: Clemens Baumeister
Produzenten: Nanni Erben, Quirin Berg, Max Wiedemann.
Dresden und seine Bewohner kämpfen mit einer Hitzewelle. Die sächsische Landeshauptstadt ächzt unter den hohen Temperaturen und die Polizei unter einer Welle der Kritik. Das heiße Klima lässt sich als Symbol einer hitzigen, teils bereits aufgeheizten Atmosphäre rund um den neuen Fall der «Tatort»-Kommissarinnen Alwara Höfels und Karin Hanczewski interpretieren. Dem Volk kann ein Fall, speziell wenn es um Pädophilie geht, nicht schnell genug aufgeklärt werden, was die Arbeit der Polizisten erschwert. Der «Tatort: Déjà-Vu» des MDR beschäftigt sich mit einer ganzen Reihe sozialkritischer Themen. Im Zentrum steht aber natürlich der tragische und hochemotionale Fall eines toten Kindes:

Der neunjährige Rico Krüger verschwindet spurlos. Bald darauf finden Jugendliche seine Leiche in einer Tasche am Elbufer. Die Dresdner Ermittlerinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) werden mit der emotionalen Wucht einer solchen Tat konfrontiert. Die Bürger sind in Aufruhr, die Medien schüren Angst, schnelle Ermittlungsergebnisse werden gefordert. Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) reagiert dünnhäutig auf die erschreckende Tat und auf Kritik an der Polizeiarbeit – besonders, da er das Verschwinden eines anderen kleinen Jungen vor über drei Jahren nicht aufklären konnte. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Sieland und Gorniak versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren, haben aber keine heiße Spur.

Ein anonymer Anruf lenkt den Verdacht auf Ricos Schwimmtrainer: Micha Siebert (Bruno Schmidt), der mit der Familie befreundet ist, hat angeblich eine pädophile Vergangenheit. Die Kommissare können die Identität der Anruferin ermitteln. Jennifer Wolf (Alice Dwyer) arbeitet im Schulamt und lebt mit René Zernitz (Benjamin Lillie) zusammen, der als Techniker bei den Stadtwerken beschäftigt ist, und offenbar einen Hang zu Kindern hat. Als der Stiefvater des ermordeten Rico von dem ungeheuren Verdacht gegen den Schwimmlehrer erfährt, will er Siebert töten. Henni Sieland wird bei dem Angriff verletzt und muss stationär behandelt werden, während ein weiterer Junge in höchste Gefahr gerät.

Als ermittelnder Polizist hat man es in einem solchen Fall nicht leicht: Ein geifernder Mob aus Gaffern, schmierige Boulevardjournalisten und Selbstjustiz. Der Krimi aus dem Sachsenland führt möglicherweise etwas plakativ, dafür umso deutlicher vor Augen, was öffentlicher Druck für Konsequenzen auf Beteiligte und Ermittlungen nach sich zieht. Eine der zentralen Aussagen dieses «Tatorts» ist ein starkes Plädoyer für die Unschuldsvermutung. Diese Errungenschaft des Rechtsstaats muss, gerade angesichts solch hochbrisanter Themen wie Pädophilie, zu oft einem von reinen Emotionen geprägten Gerechtigkeitssinn weichen.

Die taffen Ermittlerinnen setzen indessen die gut geschriebenen Dialoge wieder stilvoll um, voll mit trockenem Witz und teils zynischen Sätzen. Der Krimi schafft es durch seine intensive Atmosphäre die Spannung konstant zu halten, und das, obwohl sich schon vergleichsweise früh andeutet, wer wohl für den Mord an dem Neunjährigen verantwortlich ist. So speist sich die Suspense mehr durch die Ermittlungserfolge der Polizisten, denn durch die Auflösung des Falles. Auf clevere Wendungen wurde im Drehbuch kein besonderer Fokus gelegt. Dafür gibt es einen kleinen Running-Gag um das körperliche Wohlbefinden von Henni Sieland, sowie eine nette Referenz per Handy-Klingelton.

Was der Dresdner «Tatort» vielen seiner Pendants aus anderen Städten voraus hat, ist das starke Team hinter dem Ermittlerinnen-Duo, dessen Charaktere immer für interessante Nebenhandlungsstränge gut sind. In dieser Folge spielt Kommissariatsleiter Schnabel eine besondere Rolle. Zunächst haben die Geschehnisse für ihn eine besondere Bedeutung, da er einen vergleichbaren Fall einige Jahre zuvor nicht lösen konnte. Das nagt spürbar an dem konservativen Chef, der erneut mit seinen Ansichten auf Widerspruch bei der progressiven Henni Siegland stößt. Diesmal hadert Schnabel öffentlich mit Datenschutzgesetzen und den eingeschränkten Befugnissen der Ermittlungsbehörden. Auch hier findet der Krimi aus Dresden also einen wichtigen gesellschaftspolitischen Aufhänger: nämlich der Kampf um die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit. Wie viel Persönlichkeitsrechte ist der Bürger bereit aufzugeben, um Verdächtige schneller zu fassen? Im Gegensatz zu anderen «Tatorten» liegt hier der Zwist nicht zwischen zwei ungleichen Ermittlern, sondern zwischen einer Polizistin und ihrem Chef.

Neben der liebgewonnen Tradition der kleinen Fehden zwischen Sieland und Schnabel spielt auch das Privatleben der Ermittlerinnen wieder eine große Rolle und bringt dem Zuschauer die beiden taffen Figuren wieder ein Stück näher. Diesmal scheint es zunächst hauptsächlich um Karin Gorniak zu gehen, die neben ihrem arbeitsintensiven Job die Erziehung ihres pubertierenden Sohnes sowie die Affäre zu ihrem Nachbarn händeln muss. Auch bei ihr strahlt der emotionale Fall ins Private über. Gegen Ende erfolgt allerdings eine dicke Überraschung aus dem Leben der Oberkommissarin Sieland, deren Konsequenzen schon gespannt auf die nächste Folge warten lassen.

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