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«Die Puppenspieler»-Regisseur Rainer Kaufmann: 'Die Aufgabe war, den Roman auf 180 Filmminuten zu kürzen, ohne ihn zu entstellen'

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Für Rainer Kaufmann war «Die Puppenspieler» eines der schwierigsten Projekte in seiner rund drei Jahrzehnte überdauernden Karriere. Quotenmeter.de erklärt er, weshalb …

Zur Person

  • Rainer Kaufmann wurde 1959 in Frankfurt am Main geboren
  • Absolvierte zunächst eine Lehre als Zimmermann, bevor er Germanistik und Filmwissenschaft studierte
  • Zu seinen Regiearbeiten gehören der für den Grimme-Preis nominierte «Dann eben mit Gewalt», «Stadtgespräch» (prämiert mit dem Bayerischen Filmpreis), der mit dem Deutschen Fernsehpreis gekrönte «Marias letzte Reise», der mehrfach prämierte «Operation Zucker» und «Beste Bescherung»
Ich würde zum Einstieg sehr gern über die Erzähldynamik von «Die Puppenspieler» sprechen – denn ich finde, dass er für einen solchen Event-Mehrteiler angenehm zügig erzählt ist, nie aber abgehastet wirkt …
Das freut mich sehr! Denn das war eine Herausforderung bei diesem Stoff. Im Grunde genommen war das viel, viel, viel zu viel Material für einen Zweiteiler. Eigentlich würde man heutzutage, hätten «Die Puppenspieler» nicht so viele Jahre in Entwicklung verbracht und sich bis zur Verwirklichung durch so viele Berge und Täler geschleppt, daraus eine Serie machen. Der Roman eignet sich sehr für eine Fernsehserie – er ließe sich sehr leicht in viele, kleine Handlungsfäden unterteilen, die man dann mit viel Ruhe auserzählen und zusammenführen könnte. Diese Herangehensweise konnten wir im Zweiteiler natürlich so nicht wählen. Daher war die entscheidende Aufgabe, den Roman auf 180 Filmminuten zu kürzen, ohne ihn zu entstellen.

Sie sprachen die lange Entwicklungszeit von «Die Puppenspieler» an …
Mit kürzeren Pausen zwischendurch habe ich jetzt über zehn Jahre mit diesem Stoff verbracht. Wir sind irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem wir uns entschieden haben, dass es genug der Vorbereitung war und der Film jetzt endlich passieren musste. Ursprünglich, ganz zu Beginn der Entwicklungszeit, war er noch als viel größere Produktion gedacht, mit deutlich höherem Budget. Allerdings stieß «Die Puppenspieler» aufgrund dieser Ambition andauernd auf Finanzierungs-Hindernisse, die die Verwirklichung hinausgezögert haben.

Wenn man die Kosten senken möchte, muss man eine Überzahl an Drehorten vermeiden. Gerade bei historischen Stoffen ist das ein entscheidender Punkt, da diese quasi automatisch mit zusätzlichen neuen Figuren beseelt werden. Die Kosten schnellen mit jedem neuen Drehort rasch in die Höhe, weil ein großer Cast und eine entsprechend große Crew benötigt wird, die dann wiederum die entsprechende Logistik benötigt, und so weiter...
Regisseur Rainer Kaufmann darüber, wie sich ein exorbitantes Budget senken lässt
An welchen Stellen haben Sie dann letztlich die Finanzschere angesetzt?
Wenn man die Kosten senken möchte, muss man eine Überzahl an Drehorten vermeiden. Gerade bei historischen Stoffen ist das ein entscheidender Punkt, da diese quasi automatisch mit zusätzlichen neuen Figuren beseelt werden. Die Kosten schnellen mit jedem neuen Drehort rasch in die Höhe, weil ein großer Cast und eine entsprechend große Crew benötigt wird, die dann wiederum die entsprechende Logistik benötigt, und so weiter...
Bei «Die Puppenspieler» kommt erschwerend hinzu, dass es sich dabei um einen Roadmovie im historischen Gewand handelt, der seine Protagonisten von der Kindheit bis zu ihrem Handeln in einer großen, römischen Intrige verfolgt. Es war sehr schwer, da an den richtigen Ecken und Kanten zu sparen, ohne dadurch dem Stoff ungerecht zu werden. Wir mussten lange drüber brüten, was wir aus dem immensen Angebot an Geschichten des Romans für die Filmhandlung kürzen können und was unbedingt bleiben muss. Wir haben dann die Erzählung gestrafft, aber nie bei Aspekten, die das Publikum vermisst hätte. Solch ein großes Filmvorhaben darf einfach nicht lückenhaft erscheinen.

Und wie kann ich mir den Gedankenprozess bezüglich des Filminhalts vorstellen? Gab es zum Beispiel Probleme bei der Überlegung, was aus dem Roman übernommen wird, und was rausgekürzt wird.
Das größte Problem war eigentlich eher die Frage, was wir neu dazu nehmen. Tanja Kinkels Roman hat sich eine ganz andere dramaturgische Aufgabe gesetzt. Er ist ein Roman, der Richards Leben wie eine Reise beschreibt. Er verlässt stets Orte und Menschen, um neue Orte und Menschen zu treffen. Das kann man – in dieser Konsequenz – im Filmmedium nicht machen. Man braucht dramaturgische Bögen, man muss Figuren zueinander führen und wiederkehren lassen, es müssen Spannungsverhältnisse geschaffen werden. Selbst in einem Roadmovie.

Eine der großen Aufgaben war, aus der Abfolge von Lebensstationen der Hauptfigur im Roman nun Handlungsbögen zu formen, die zu einer gelungenen Dramaturgie für interessante 180 Minuten Filmerzählung führten. Im Roman ist es zum Beispiel nicht so, dass die Kaufmannsfigur Jakob Fugger diese Reise mitmacht. Ebenso wenig kommt es im Roman vor, dass Kardinal Sforza nach Augsburg kommt und dort seine Pläne schmiedet.
Im Film ist ein einfacher dramaturgischer Kniff, dass eine entscheidende Person von irgendwem eine Waffe in die Hand gedrückt bekommt. Ab diesem Moment ist klar, dass irgendwann von dieser Waffe Gebrauch gemacht wird. Wenn man es so vereinfacht, ist das sicherlich „Filmdramaturgie in ganz doof". Dennoch ist dieses „Erwartungen schaffen und später einlösen“ ein wirksames Werkzeug im Medium Film um Inhalte spannend zu transportieren.
Regisseur Rainer Kaufmann über Unterschiede zwischen Roman und Film

Im Film ist ein einfacher dramaturgischer Kniff, dass eine entscheidende Person von irgendwem eine Waffe in die Hand gedrückt bekommt. Ab diesem Moment ist klar, dass irgendwann von dieser Waffe Gebrauch gemacht wird. Wenn man es so vereinfacht, ist das sicherlich „Filmdramaturgie in ganz doof". Dennoch ist dieses „Erwartungen schaffen und später einlösen“ ein wirksames Werkzeug im Medium Film um Inhalte spannend zu transportieren. Wir mussten für Richards Geschichte solche Bögen in dem Roman von Tanja Kinkel finden oder sie in ihrem Sinne erfinden, ohne dabei die Geschichte zu verfälschen.

Das ist der Adaptionsprozess: Die Geschichte aus einem Medium in ein anderes zu übertragen, ihr dabei keine inhaltlichen Verletzungen zuzufügen sondern sie zusätzlich mit den starken Eigenschaften des anderen Mediums auszustatten. Trotz der Notwendigkeit, die Erzählung zu kürzen, war es wichtig die historischen Referenzen zu respektieren und die Handlung so zu formen, dass sie nicht falsch sondern immer wahrscheinlich sind.

Wie entwickelte sich im Laufe der zehn Jahre die Budgetvorstellung?
Wir haben schließlich die beiden Filme mit der Hälfte des ursprünglich angedachten Budgets realisiert.

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