Die Kino-Kritiker

IS-Terror als Actionfilm: «American Assassin»

von

«Homeland»-Regisseur Michael Cuesta bekämpft in seinem Thriller «American Assassin» nun auch auf der Leinwand den Terror. Ob sich das mit abgehobenen Actionchoreographien vereinbaren lässt?

Filmfacts: «American Assassin»

  • Kinostart: 12. Oktober 2017
  • Genre: Action/Thriller
  • FSK: 18
  • Laufzeit: 112 Min.
  • Kamera: Enrique Chediak
  • Musik: Steven Price
  • Buch: Stephen Schiff, Michael Finch, Edward Zwick, Marshall Herskovitz
  • Regie: Michael Cuesta
  • Darsteller: Dylan O'Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan, Shiva Negar, Taylor Kitsch, Buster Reeves, Charlotte Vega
  • OT: American Assassin (USA 2017)
Früher ließ sich das Thema Terrorismus guten Gewissens als Prämisse für einen Hollywoodactionfilm anwenden. Vom Alltag seiner Zuschauer war es weit genug weg, um eine möglichst reißerische Grundlage für Thriller aller Art zu bilden, doch nicht erst seit dem elften September 2001 hat sich das geändert. Mittlerweile gehören Terroranschläge zum traurigen Alltag und schüren Angst und Schrecken. Doch sollte man in Hollywood daher darauf verzichten, derartige Thematiken im Rahmen von Unterhaltungsfilmen aufzubereiten? Diese Grundsatzfrage soll an dieser Stelle zwar nicht beantwortet, wohl aber aufgeworfen werden, denn mit Michael Cuesta hat der Actionthriller «American Assassin» immerhin einen Spezialisten auf diesem Gebiet an Land gezogen; inszenierte der 54-jährige New Yorker doch bereits diverse Folgen der Terrorbekämpfungsserie «Homeland». Nach seinem letzten Kinofilm «Kill the Messenger» wagt er sich nun ein weiteres Mal auf die große Leinwand und lässt in seinem neuesten Projekt nicht bloß einen Teenieschwarm erwachsen werden, sondern ihn im Alleingang das Böse bekämpfen. Für «Maze Runner»-Star Dylan O’Brien, der mit Vollbart und grolligem Zynismus im Blick direkt 15 Jahre älter erscheint, wird diese Hauptrolle vermutlich die Eintrittskarte ins erwachsene Schauspielbusiness sein, auch wenn sich an den zweifelhaft zwischen bitterem Terrorfilm und abgehobenem Actionkracher mäandernden «American Assassin» schon bald kaum mehr einer erinnern wird.

Ein ausgeklügelter Racheplan


Nach dem tödlichen Attentat auf seine Verlobte sinnt Mitch Rapp (Dylan O’Brien) auf Rache. Beim CIA lässt er sich von dem berüchtigten Kriegs-Veteranen Stan Hurley (Michael Keaton) zum Elite-Agenten ausbilden. Schnell erhalten die beiden ihren ersten, folgenschweren Auftrag: Es gilt, die Hintergründe einer Reihe scheinbar willkürlicher Anschläge auf sowohl militärische als auch zivile Ziele zu überprüfen. Bald entdecken sie, dass alle Attentate Parallelen aufweisen. Gemeinsam mit einer geheimen Spezialeinheit begeben sie sich auf eine hochriskante Mission: Es gilt, den äußerst gefährlichen Drahtzieher (Taylor Kitsch) hinter einer großangelegten Verschwörung zu stoppen. Doch dieser hat nicht vor, sich von seinen todbringenden Plänen abbringen zu lassen und scheint stets einen Schritt voraus. Eine erbarmungslose Jagd beginnt…

Bereits in der aller ersten Szene zeigt der hierzulande zu Recht ab 18 Jahren (!) freigegebene Terrorthriller, wohin der Hase läuft: Nach einer romantischen Found-Footage-Einlage, in der die als fast schon unangenehm sympathisch gezeichnete Hauptfigur Mitch seiner nicht minder zuckersüßen Freundin einen Heiratsantrag auf offenem Meer macht und das Ganze natürlich mit der Handykamera festhält, bricht wenig später an Land das pure Grauen los. Michael Cuesta macht keine Gefangenen, wenn er halbnackte Badegäste jedweder Couleur blutig und brutal niedermeucheln lässt; für einen Mainstream-Actionfilm ist «American Assassin» also erstaunlich kompromisslos und bringt es daher zustande, Bilder in den Köpfen der Zuschauer hervorzurufen, die er normalerweise eher aus den Nachrichten kennt. Wer unerwartet an den Film herangeht, erlebt daher direkt zu Beginn einen Schlag in die Magengrube, obwohl Michael Cuesta kurz darauf erst einmal das Tempo drosselt. Das vierköpfige Drehbuchautorenteam aus Stephen Schiff («Wall Street: Geld schläft nie»), Michael Finch («Hitman: Agent 47»), Edward Zwick («Bauernopfer – Spiel der Könige») und Marshall Herskovitz («Jack Reacher: Kein Weg zurück») nimmt sich nämlich erst einmal ausgiebig Zeit, um die viele Monate andauernde Verrohung des fortan jedweden Lebensmut verlorenen Mitch zu erläutern, der in seinen eigenen vier Wänden verbittert auf Rache sinnt.

Wie es ihm gelingt, sich als eine Art Terrorkampf-Bewerber in einer IS-Zelle einzuschleusen, um sich im Alleingang an den Mördern seiner Freundin zu vergehen, sollte man aus logischen Blickwinkeln betrachtet nicht näher hinterfragen – und genau an dieser Stelle beginnt «American Assassin», Probleme zu bereiten, denn die bierernste Aufbereitung eines Terroranschlags und den anschließenden Rachefeldzug dieser Ein-Mann-Armee kann Michael Cuesta in ihren vollkommen gegensätzlichen Tonfällen nur schwer unter einen Hut bringen.

Wenig überzeugender Ernst trifft auf noch weniger überzeugenden Spaß


Wenngleich sich die Drehbuchautoren bei ihrer Arbeit an der Romanvorlage orientieren mussten, in welcher die Hauptfigur Mitch Rapp nun mal ebenfalls ein Terrorismusbekämpfer ist (seine Freundin allerdings nicht beim gemeinsamen Urlaub ermordet wird, sondern bei einem Anschlag auf ein Flugzeug ums Leben kommt), mangelt es dem Team an dem Fingerspitzengefühl, die Ernsthaftigkeit des Stoffes auch auf den Film zu übertragen. Coolen Sprüchen, geschweige denn die durch und durch grimmige Atmosphäre aufheiternden Gags räumen sie in «American Assassin» zwar keinen Platz ein, dafür halten sie bei der Inszenierung der Actionszenen sowie der Darstellung der Ermittlungsmethoden an abgehobenen Hollywood-Standards fest. Mit echter Polizeiarbeit – ganz gleich für welchen Geheimdienst – hat das hier gezeigte Geschehen absolut nichts zu tun, wenn zwar regelmäßig die Unmenschlichkeit der Ungläubige niederballernden Terroristen betont, gleichzeitig jedoch Gleiches mit Gleichem vergolten wird.

Ausgerechnet der so auf Moral pochende Mitch Rapp ist es nämlich, der schon mal Fünfe gerade sein lässt und auf seinen Alleingängen auf Verdächtige schießt; das können auch die anschließenden Standpauken seines an Professionalität appelierenden Mentors Stan (Michael Keaton gibt sich sichtlich Mühe, zwei Stunden lang zynisch dreinzublicken) nicht ausgleichen, der zwar immer wieder betont, man müsse jede Form der Emotionalität aus seinen Einsätzen verbannen, gleichzeitig aber selbst aus persönlichen Gründen so handelt, wie er handelt.

Am spannendsten ist «American Assassin» vornehmend in der Ausbildungsphase, in der Mitch Rapp und seine Kollegen zu Kämpfern trainiert werden. Auch das hat vermutlich kaum etwas mit der Realität zu tun und dient vornehmlich der Effekthascherei, gestaltet sich aber weitaus abwechslungsreicher, als der anschließende Auftrag, den es so oder so ähnlich schon dutzendfach im internationalen Thrillerkino zu sehen gab – nur besser. Dagegen kann auch der sichtbar gereifte Dylan O’Brien nichts unternehmen, bei dem ein paarmal zu oft das Babyface durchkommt, sodass er in ruhigen Phasen nicht in der Lage ist, die Handlung auf seinen Schultern zu tragen. Taylor Kitsch («Lone Survivor») als ihm erstaunlich ähnlich sehender Widersacher mit unklarem Motiv überzeugt immerhin mit seinem körperlichen Auftritt, während Shiva Negar («24 Hour Rental») als einzige Frau im Team für einen überraschungsarmen Storytwist verschenkt wird.

Dafür überzeugt «American Assassin» auf jeder Ebene in der technischen Ausführung. Kameramann Enrique Chediak («Deepwater Horizon») macht mit seinen schwelgerischen Hochglanzbildern vergessend, dass das Team nur ein Produktionsbudget von 33 Millionen US-Dollar zur Verfügung hatte und beweist gleichermaßen, dass sich dynamische Actionszenen auch ganz hervorragend inszenieren lassen, ohne auf einen zum Standard gewordenen Wackelkameralook der Marke «Jason Bourne» zu setzen. So brutal die Kämpfe zwischen Gut und Böse hier auch sein mögen: Chic anzuschauen sind sie (bis auf den mies animierten Schlussakt) auf jeden Fall. Doch ob wir von der Filmreihe in Zukunft mehr sehen wollen, stellen wir an dieser Stelle groß infrage.

Fazit


«American Assassin» ist ein technisch sehenswerter Actionthriller, dessen grimmige Prämisse jedoch nicht zur abgehobenen Inszenierung passt. Am Ende profitiert von dem Film vor allem Dylan O’Brien, der hiermit den Sprung ins Erwachsenenbusiness geschafft hat, doch der Zuschauer erhält kaum die Möglichkeit, mit seiner Figur oder der Geschichte zu connecten.

«American Assassin» ist ab dem 12. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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