Die Kritiker

«Zarah»

von

Mit einem herausragenden Serien-Neustart gelingt dem ZDF zum Beginn der Season ein Coup: «Zarah» spielt in den 70er Jahren, ist aber keine Zeitreise, sondern modern erzählt und relevant. Unsere Vorab-Kritik:

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Claudia Eisinger als Zarah Wolf
Torben Liebrecht als Hans-Peter Kerchow
Svenja Jung als Jenny Olsen
Uwe Preuss als Frederick Olsen
Ole Puppe als Georg Hartwig
Jörn Hentschel als Wolfgang Schaffelgerber
Milena Dreißig als Karin Simonis

Hinter der Kamera:
Produktion: Bantry Bay Productions
Drehbuch: Eva Zahn und Volker A. Zahn
Regie: Richard Huber
Kamera: Robert Berghoff
Produzenten: Jan Kromschröder und Eva Holtmann
Hamburg, 1973: Die feministische Autorin und Aktivistin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) ist erst vor kurzem aus dem Swinging London in ihre hanseatische Heimat zurückgekehrt. Dort soll sie auf Wunsch des Verlegers stellvertretende Chefredakteurin des meinungs- und auflagenstarken Magazins „Relevant“ werden: Eine Feministin in leitender Position bei einer führenden Publikation der Bundesrepublik.

Die Widerstände in der Redaktion sind freilich enorm: Chefredakteur Kerchow (Torben Liebrecht) ergreift jede Gelegenheit, um ihre Autorität zu untergraben und das Gewicht ihrer Meinungen und Entscheidungen zu schwächen, während viele Kollegen der Vorstellung, eine Frau in gleichwertiger intellektueller Position zu akzeptieren, vollständig ablehnend gegenüberstehen.

Im Kern treffen Zarah diese Zustände nicht unerwartet, sind für sie in ihrer oft rabiaten Ausprägung aber trotzdem schockierend. Dem Blatt eine starke, gehaltvolle feministische Stimme zu verleihen, wird eine langwierige Aufgabe werden. Auch Zarahs Freundinnen sind skeptisch, wie viel Einfluss sie tatsächlich ausüben können wird.

Die politische Situation bietet viel Zündstoff: Die Chefredaktion organisiert Interviews mit US-Präsident Richard Nixon, während zur selben Zeit – wovon man in Hamburg freilich nicht das Geringste ahnt – bereits Kollegen von der „Washington Post“ einen mysteriösen Deep Throat in Washingtoner Tiefgaragen treffen. Zu Zehntausenden zieht es Demonstranten gegen den § 218 auf die Straße, Willy Brandt vollzieht seine visionäre Politik einer Aussöhnung mit dem Osten Europas und die höchstpersönlichen progressiven Ideale der 68er setzen sich im jungen Teil der Gesellschaft fest.

Doch auch wenn man die Dynamik der 70er Jahre aus heutiger Sicht gerne als progressiv verstehen will, saß der Muff von tausend Jahren tief. Eine Misogynie, die Teil des allgemeinen Common Sense war, ein steinalter Konservatismus, der nach heutigen Maßstäben klar die Grenze zum Reaktionären überschritt, ein Fremdeln mit den egalitären Vorstellungen, dass Frauen nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind, und dieses Ideal auch in den eigenen Redaktionsstuben gelebt werden muss, machen auch den gesellschaftlichen Fortschritt seit dieser Zeit deutlich.

«Mad Men» ist mitunter deshalb eine solch gelungene Serie, weil sie in ihrer Deutung über ihre erzählte Zeit hinaus weist, und die 60er Jahre nicht als ein museumshaftes Panoptikum darstellt. «Mad Men» ist keine pittoreske Sammlung zeitgeschichtlicher Abläufe und aus heutiger Sicht kurioser Lebenssituationen und –ereignisse der Kennedy- und Johnson-Zeit, sondern ein hochpsychologischer, narrativ ambitionierter Stoff, anhand dem wir die Zeit, in der wir leben, reflektieren können, indem er uns eine Welt betrachten lässt, die weit genug in der Vergangenheit liegt, um klar von unserer heutigen unterscheidbar zu sein, und die andererseits aber nah genug ist, um ihre (ungelösten) Konflikte noch in unserer eigenen Welt und Gesellschaft sehen zu können.

«Zarah» ist Ähnliches gelungen. Und – auch das lässt einen Vergleich mit dem brillanten amerikanischen «Mad Men» zumindest nicht ganz vermessen erscheinen – gleichzeitig sind Zarahs Konflikte nicht allein Aneinanderreihungen der gesellschaftlichen Dramen ihrer Zeit. Natürlich: Es geht um die Abtreibungdebatte. Es geht um feministische Forderungen. Es geht um die Auseinandersetzung der damals jungen Generation mit ihren Eltern über deren eigene Nazi-Geschichte. Aber «Zarah» hakt diese Ereignisse und kulturgeschichtlichen Themen nicht mit einer Abtreibungs-, einer Nazi-, einer Baader-Meinhof- und einer Feminismusfolge ab. Diese Auseinandersetzungen geschehen subtiler, gradueller, kurz: einnehmender.

Ein erzählerischer Höhepunkt ist der Serie sicherlich mit ihrer dritten Folge gelungen: Zarah soll ein Gespräch mit der berühmten deutschen Schauspielerin Bella Hausmann (Katharina Heyer) führen, die in Deutschland nicht nur für ihre gefeierten avantgardistischen (französischen) Filme bekannt ist, sondern ebenso wegen ihrer Eigenschaft als Tochter eines beliebten deutschen Schauspielers, dessen Auftritte in Nazi-Filmen seiner Bewunderung im Nachkriegsdeutschland keinen Abbruch getan haben. Während Bella Hausmann in der Öffentlichkeit gerne die glamouröse Grande Dame gibt, ist sie im Privaten ein Wrack: Der gefeierte Schauspielervater war tatsächlich ein Scheusal, der Bella in ihrer Kindheit schwer misshandelte; an ihre Mutter hat sie keine Erinnerung: Als Jüdin ist sie im Dritten Reich nach England geflüchtet und hat sich zwei Jahre später das Leben genommen.

Als das Gespräch zwischen Zarah und Bella Hausmann schließlich stattfinden soll, geht es Zarah aufgrund zahlreicher beruflicher wie privater Tragödien genauso dreckig wie der Grande Dame, die sie interviewen soll: Und spätestens in dieser Sequenz, in der diese zwei starken, aber vom Leben mitgenommenen Frauen aufeinandertreffen und mit ihrem jeweiligen Umfeld abrechnen, offenbart sich nicht nur die erzählerische Größe, zu der diese Serie fähig ist, sondern auch das spielerische Können von Hauptdarstellerin Claudia Eisinger und der Episodendarstellerin Katharina Heyer. Eisinger legt ihre Rolle völlig unprätentiös an, aufrichtig, hintergründig, und Heyer gelingt es vortrefflich, die verschiedenen Ebenen zwischen der öffentlichen, privaten und semi-öffentlichen Bella Hausmann transparent zu machen.

Die Glücksgriffe beim Cast setzen sich auch in den Nebenrollen fort: Svenja Jung ist eine Idealbesetzung für ihre Rolle der Verlegerstochter Jenny Olsen, die in der „Relevant“-Redaktion auf Papis Geheiß gerade ein Praktikum durchexerziert und gleichzeitig als lesbisches Love Interest für Hauptfigur Zarah fungiert: Jenny Olsen ist progressiv, offen, im Kleinen Teil des gesellschaftlichen Aufbruchs, und kann doch nicht mit ihrem konservativen bis reaktionären Vater abrechnen, geschweige denn brechen. Erstaunlich, wie Jung diese subtilen inneren Konflikte ihrer Figur fassbar macht. Uwe Preuss, dem Darsteller ihres Vaters, gelingt nicht minder Hervorragendes: Zu leicht hätte man seine Rolle als Antagonisten interpretieren können, als gesellschaftliches Reptil, mit Haltungen, Ansichten und Verhaltensweisen, die in der erzählten Zeit vermeintlich am Aussterben sind. Doch Preuss sucht geschickt die kontraintuitiven Facetten dieser Figur, und kann sie stellenweise überraschend warm und sanft darstellen. Gleiches leistet Torben Liebrecht in der Rolle des Chefredakteurs. In einer kleineren Nebenrolle gelingt es Ole Puppe derweil, den versoffenen Kulturchef nicht zum Comic Relief verkommen zu lassen, auch wenn der Umstand, dass seine Figur ihre Selbstachtung allein daraus bezieht, Rolf-Dieter Brinkmann unter den Tisch zu trinken, geradewegs eine Einladung dazu wäre. Wer einmal durch „Keiner weiß mehr“ geblättert hat, kann ahnen, was dazugehört: So deutsch, das haut dich um.

«Zarah» ist nicht so sehr eine Serie über eine bestimmte Zeit, als vielmehr eine Serie über zeitlose Themen, die in einer ganz bestimmten Zeit angesiedelt ist – einer Zeit, in der diese Themen besondere Bedeutung haben: Es geht um Auflehnung und Aufbruch, um Werte wie Mut und Integrität. «Zarah» ist damit eines der wenigen deutschen Period Dramas, das sich nicht mit dem Abfilmen einer pittoresk ausstaffierten Vergangenheit begnügt, vor der Banalitäten abgespult werden, sondern das seine erzählte Zeit als Ausgangspunkt nimmt, nicht nur, um über eine noch nicht lang zurückliegende Vergangenheit zu reflektieren, sondern aktuell allgegenwärtige Themen aufzugreifen: politische wie soziale wie höchstpersönliche, universelle. Und das alles noch dazu sehr klug erzählt, nah an den Figuren, intellektuell scharfsinnig wie emotional ergreifend, toll gespielt und mit sehr hohem Production Value sowieso. Eine großartige Bereicherung der deutschen Serienlandschaft.

Das ZDF zeigt die erste von sechs Folgen von «Zarah» am Donnerstag, den 7. September um 21.00 Uhr. Außer am 5. Oktober sind die übrigen Folgen ab dem 21. September wöchentlich zu sehen. In der Mediathek des ZDF ist bereits die erste Folge abrufbar.

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