Die Kino-Kritiker

Das Prequel zum Puppenhorror-Spin-Off: «Annabelle 2»

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Der zweite Teil der auf «Conjuring» basierenden «Annabelle»-Reihe gibt Aufschluss über die Entstehung der mörderischen Puppe. Wo ordnet sich «Annabelle 2» aus qualitativer Sicht in dem erfolgreichen Horroruniversum ein?

Filmfacts: «Annabelle 2»

  • Kinostart: 24. August 2017
  • Genre: Horror
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 109 Min.
  • Kamera: Maxime Alexandre
  • Musik: Benjamin Wallfisch
  • Buch: Gary Dauberman
  • Regie: David F. Sandberg
  • Darsteller: Anthony LaPaglia, Samara Lee, Miranda Otto, Talitha Eliana Bateman, Lulu Wilson, Brad Greenquist
  • OT: Annabelle: Creation (USA 2017)
Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Regisseur David F. Sandberg zum «Conjuring»-Universum hinzustoßen würde. Sein knackiger Schocker «Lights Out» spülte im vergangenen Jahr nicht bloß ordentlich Geld in die Kinokassen, sondern schnitt auch bei den weltweiten Kritikern hervorragend ab. Darin erzählte er von einer Horrorgestalt, die sich nur bei Dunkelheit an ihren Opfern zu schaffen macht. Bei Licht hingegen sind sie sicher. Zuvor hatte sich Sandberg bereits im Rahmen eines Kurzfilms an dieser Idee abgearbeitet, machte unter Aufsicht von Mentor James Wan («Conjuring» 1 und 2) einen hollywoodtauglichen Langspielfilm daraus und imponierte seinem Kollegen damit so sehr, dass dieser ihm direkt den Posten als Regisseur des zweiten «Conjuring»-Spin-Offs und «Annabelle»-Sequels «Annabelle 2» verschaffte. 2014 hatte John R. Leonetti («Wish Upon»), hauptberuflich Kameramann, dieses Los gezogen, musste jedoch – sicher auch aufgrund des direkten Vergleiches zum Überflieger «Conjuring – Die Heimsuchung» – weitaus skeptischeres Feedback über sich ergehen lassen. Die inhaltlich wie optisch stark an Roman Polanskis Klassiker «Rosemaries Baby» angelehnte Spuk-Odyssee blieb qualitativ so weit hinter der Erwartungen der Fans zurück, dass sich die Überraschung ob einer weitaus gelungeneren Fortsetzung in den ersten Fanscreening-Kommentaren widerspiegelte, in denen sich die Zuschauer vor Begeisterung regelrecht überschlugen.

Tatsächlich findet Sandberg für seinen Horrorfilm einen ganz anderen inszenatorischen Ansatz als sein Kollege Leonetti. Doch das Sechzigerjahre-Setting sorgt zwar für jede Menge Retrocharme, zu neuen Impulsen kann Sandberg dem «Conjuring»-Universum mit seiner Arbeit jedoch nicht verhelfen.

Die gruselige Puppe ist zurück


Etliche Jahre sind vergangen, seit das Ehepaar Mullins (Anthony LaPaglia und Miranda Otto) seine Tochter bei einem schrecklichen Autounfall verloren hat. Doch Samuel und Esther wollen nach vorne blicken. Und so nehmen sie eine Nonne (Stephanie Sigman) und mehrere Mädchen aus einem abgeschiedenen Waisenhaus bei sich auf. Das große verwinkelte Anwesen bietet den Gästen jede Menge Möglichkeiten der Erholung. Alle fühlen sich wohl, bis eines Nachts unheimliche Dinge geschehen. Vor allem die an Polio erkrankte, gehbehinderte Janice (Talitha Bateman) spürt die Anwesenheit einer fremden Macht, seit sie unerlaubt in ein abgeschlossenes Zimmer eingedrungen und hier auf eine Puppe namens Annabelle getroffen ist. Was sie nicht ahnt: Annabelle ist die besessene Schöpfung von Samuel Mullins, der einst damit versucht hatte, Kontakt zu seiner verunglückten Tochter wiederherzustellen…

In den bisherigen beiden «Conjuring»-Filmen wurden die bekannten Horrorschocker-Mechanismen kaum variiert. Trotzdem machte das nichts – im Gegenteil. James Wan ist schließlich ein herausragender Beobachter, der auf der einen Seite weiß, was seinem Publikum Angst macht und auf der anderen Seite in der Lage ist, genug Zeit und Arbeit in die Charaktere und Geschichten zu investieren, um aus seinen Filmen nicht bloß eine banale Jump-Scare-Party zu kreieren. Die von ihm inszenierten Schocks profitieren nicht nur von dem perfekten Auge des Filmemachers (Ausstattung, Setting und Kamerafahrten der «Conjuring»-Filme bildeten in den vergangenen Jahren das Non-plus-Ultra der per se eher oldschool inszenierten Haunted-House-Movies), sondern auch davon, dass sie inhaltlich fest verwurzelt sind. So erschrecken wir uns nicht ausschließlich aufgrund der plötzlich ansteigenden Musik oder der unheimlichen Fratzen, sondern in erster Linie für die leidenden Protagonisten.

John R. Leonetti griff da schon auf weniger ausgeklügelte Methoden zurück, beließ es bei den beiden Hauptfiguren seines «Annabelle»-Films primär bei durchschnittlichen Horrorfilm-Opfern, überzeugte aber gleichermaßen bei der Schöpfung eines atmosphärischen Szenarios. Nun ist es bei «Annabelle 2» zwar ebenfalls das Setting, das am meisten überzeugt. Doch indem die Abgeschiedenheit eines halbverfallenen Herrenhauses für sich genommen schon wie prädestiniert dafür ist, um Dreh- und Angelpunkt eines Horrorfilms zu sein, wirkt der Schauplatzwechsel von «Annabelle» zu «Annabelle 2» zwar wie eine konsequent um qualitative Steigerung ausgelegte Neuausrichtung, aber auch reichlich risikoarm.

Horror mit Nostalgiefaktor


Auf die Atmosphäre hat das zunächst einmal einen positiven Einfluss: «Annabelle 2» fühlt sich an, als käme er direkt aus den Sechzigern. David F. Sandberg nutzt die vielen dunklen Ecken und Winkel sowie große Teile der Ausstattung für alle möglichen (und dabei immer effektvollen) Spielereien – auch wenn man bei einigen Gegenständen nicht bloß sehr früh ahnt, dass sie später Teil eines ausgiebigen Jump-Scares sein werden, sondern auch, wie dieser wohl aussehen wird (Stichwort: Treppenlift). Gleichzeitig gelingt es den Machern, hier und da gezielt mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen, indem an einer passenden Stelle schon mal auf einen wirkungsvolle Schock verzichtet wird, um das Unbehagen beim Zuschauer immer weiter zu steigern. Eine große Variation innerhalb der gruseligen Szenen findet sich hier dann allerdings nicht. Es sind einmal mehr die knarrenden Türen, die wehenden Vorhänge, die langsam ihren Kopf um 180 Grad drehende Annabelle-Puppe sowie unheimliche Geräusche und typische Besessenheitsanzeichen bei den kleinen Mädchen, die hier dafür da sind, routiniert Gänsehaut zu erzeugen.

Das wird gerade solchen Zuschauern gefallen, die sich bei «Annabelle» an allzu effekthascherischen Jump-Scares störten, auch wenn diese hier allesamt weitaus überraschungsärmer verlaufen; dafür setzt Sandberg in der Fortsetzung nun auf einen weitaus gemäßigteren Spannungsaufbau, etabliert die Charaktere ausgiebig und wendet viel Zeit auf, um mithilfe des Grundszenarios eine emotionale Fallhöhe zu schaffen, aus der er jedoch – so viel kann verraten werden – später in einem relativ austauschbaren Spukfinale nur wenig macht. Dafür schlägt Drehbuchautor Gary Dauberman (schrieb auch das Skript zum ersten Teil) einen immerhin halbwegs plausiblen Bogen zum Vorgänger-Film, auch wenn er damit die Zuschauer eiskalt im Regen stehen lässt, die genau diesen eben nicht gesehen haben.

Es ist schon ein cleverer Schachzug, anders als in «Annabelle» nun wieder auf Kinder als vorzugsweise heimgesuchtes Spukopfer zurückzugreifen; erst recht, wenn die harmlos-unschuldigen laufenden Meter schließlich selbst von der bösen Macht besessen sind. Mit Newcomerin Talitha Bateman («Voll verkatert») haben die Macher von dem im Original «Annabelle: Creation» betitelten Film einen echten Glücksgriff gelandet. Die demnächst auch im Blockbuster «Geostorm» zu sehende Schauspielerin mimt die gehbehinderte Janice mit so viel Herzblut und Leidenschaft, dass man ihr zu jeder Sekunde an die Seite springen möchte, um sie aus den Fängen der einmal mehr äußerst schaurig eingefangenen Annabelle-Puppe zu befreien. Auch die Zeichnung des Ehepaares gestaltet sich angenehm vielschichtig: Hinter den vom Schicksal gebeutelten Mullins und dem Versuch, mithilfe eines Waisenhauses ein neues Leben zu beginnen, steckt schließlich eine furchtbare Tragödie, die beide diverse emotionale Schwankungen durchlaufen lässt.

Darüber hinaus gönnt sich David F. Sandberg genug Momente, um Unsicherheit zu streuen – dass Samuel und Esther Mullins nur Gutes im Sinn haben, ist lange Zeit nicht selbstverständlich. Die Darsteller verhelfen dem insgesamt recht austauschbaren Grundszenario somit immerhin zu einer erzählerischen Menschlichkeit, die vielen modernen Horrorfilmen abgeht. Am Ende möchte man einfach, dass die Geschehnisse für möglichst viele Menschen in «Annabelle 2» gut ausgehen. Immerhin dass es weitergeht, können wir bereits verraten – wie genau, darüber geben zwei Post-Credit Scenes ein wenig Aufschluss.

Fazit


«Annabelle 2» ist zwar bislang der schwächste Teil aus dem «Conjuring»-Universum, bietet aber immer noch solide atmosphärische Horrorunterhaltung mit Nostalgiecharme, deren Finale leider in allzu bekannten Bahnen verläuft.

«Annabelle 2» ist ab dem 24. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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