First Look

«Marvel's The Defenders»: Stadtneurotiker mit Superkräften

von

Hier wächst zusammen, was zusammengehört: In «Marvel's The Defenders» treffen die Helden der (größtenteils) vielgepriesenen bisherigen Netflix-Marvel-Serien aufeinander. Unsere Kritik zum Start:

Cast & Crew

Produktion: Marvel Television, ABC Studios und Goddard Textiles
Entwickelt von: Douglas Petrie und Marco Ramirez
Basierend auf den gleichnamigen Graphic Novels von Roy Thomas und Ross Andru
Darsteller: Charlie Cox, Krysten Ritter, Mike Colter, Finn Jones, Sigourney Weaver, Élodie Young, Jessica Henwick u.v.m.
Als «Daredevil» hält der blinde Anwalt Matt Murdock mit großem Erfolg seit zwei Jahren bei Netflix die Straßen von Hell’s Kitchen sauber. «Jessica Jones» erzählte derweil in einer beeindruckenden Narrative von der gleichnamigen Hauptfigur, die trotz eines schweren, noch anhaltenden Traumas nicht an persönlicher Stärke einbüßte, und die die amerikanische Serienlandschaft mit ihrer starken feministischen Stimme bereicherte. «Luke Cage» erweiterte die Marvel/Netflix-Zusammenarbeit mit einer ebenso einnehmenden wie wichtigen afroamerikanischen Perspektive, bevor sich «Iron Fist» als leider nicht sonderlich ergiebige Erweiterung zum Superhelden-Quartett der Streaming-Plattform entpuppte.

Im achtteiligen «Marvel’s The Defenders» treffen die Vier nun allesamt aufeinander. Die größte inhaltliche Herausforderung an diesem Projekt dürfte darin bestehen, aus ihm mehr als die Summe seiner Teile zu machen: Jessica Jones, der Daredevil, Luke Cage und Iron Fist müssen in ein kohärentes Ganzes zusammengeführt werden, dabei gegen einen Gegner antreten, der jeden Einzelnen von ihnen auf seiner Heldenreise weiterbringt, und noch dazu müssen die diversen verschiedenen Stimmen und Tonalitäten der bisherigen vier Serien in den «Defenders» einen sinnigen Widerhall finden.

Bis die vier Helden aufeinandertreffen, dauert es ein wenig. Erst einmal muss etabliert werden, wo sie sich jeweils befinden – physisch wie emotional. Daredevil Matt Murdock steht am Ende eines erfolgreichen Prozesses und hat seine rote Maske eigentlich an den Nagel gehängt. Doch der Ruf des Helden ist bald stärker als der eiserne Wille, es mit dem Doppelleben bleiben zu lassen. Jessica Jones ist weiterhin damit beschäftigt, die seelischen Wunden nach der Vernichtung ihres Widersachers Kilgrave zu verarzten, und will von der öffentlichen Anerkennung ihrer Heldentat nichts wissen. Luke Cage wird derweil aus dem Knast entlassen und möchte sich weiter um Harlem, um die gefährdete Jugend kümmern, die er vor einem Abgleiten in die Kriminalität bewahren will. Seine eigenen Bedürfnisse stellt er dafür, altruistisch wie eh und je, hinten an. Die eiserne Faust Danny Rand macht unterdessen in Asien weiter Jagd auf die ominöse „Hand“, deren Spuren nach New York führen. Alle sind sie Helden wider Willen, alle sehnen sie sich nach einer wie auch immer gearteten Normalität. Allen bleibt dieser Wunsch fürs Erste unerfüllt.

Es braucht seine Zeit, bis die Altlasten abgearbeitet sind und die „Defenders“ aufeinandertreffen. Als ihre prominente Gegenspielerin ist Sigourney Weaver freilich eine Idealbesetzung. Kühl und kultiviert verfolgt ihre Figur einen ominösen Plan im Geiste des mystischen Marvel-Ortes K’un-L’un, in dessen Zuge New York erbeben wird und die Helden auf alte Bekannte treffen. «The Defenders» findet dabei schnell eine sinnvoll austarierte Balance aus vortrefflich inszenierten Martial Arts und den zahlreichen psychologischen Untersuchungsfeldern, an denen die Narrative nach wie vor großes Interesse zeigt.

War «Iron Fist» noch für die vergleichsweise schwachen Dialoge, den viel zu behäbigen, langsamen Erzählrhythmus und die weniger behende als anderswo choreographierten Action-Sequenzen kritisiert worden, muss sich sein Storyfaden in diesem Marvel-Potpurri nicht mehr denselben Kritikpunkten stellen. Der Verdacht, er könnte das schwächste Glied dieser Produktion sein, bewahrheitet sich nicht – denn sie hat kein schwächstes Glied. Das Zusammenspiel aus Murdock, Rand, Jones und Cage erweist sich nach vielleicht etwas zu lang geratenem Vorgeplänkel als mehr als die Summe seiner Teile, als kohärent erzählte Serie, E Pluribus Unum sozusagen.

Und doch bleibt sie unter ihren Möglichkeiten, denn in einer ihrer Ambitionen kann sie nur verlieren: Alle vier Figuren haben trotz punktueller Überlappungen und wechselseitiger Cameos in den bisherigen Serien ihre ganz eigenen Probleme zu bewältigen, die mit ganz unterschiedlichen erzählerischen Stilmitteln abgebildet wurden: Jessica Jones‘ New York ist kalt, unnahbar, der Mensch in den Niederungen seiner Isolation, allein gelassen mit seinen Wunden, in einer so fremd- wie selbstverschuldeten Einsamkeit, ausgeliefert, aber dadurch erst recht nicht willenlos. Luke Cages Harlem ist dagegen eher ein Ort der Begegnung, der keineswegs ein Utopia ist, aber durch geschaffene Strukturen doch einen gewissen Schutz bietet, der zu Beginn der Serie jedoch zu zerfallen droht. Die Farben seines New York sind wärmer, statt der ubiquitären Tristesse von Jessica Jones‘ Stadt immer mit etwas Hoffnung auf ein besseres Morgen versehen.

Dieselbe Stadt und doch zwei divergierende Blickwinkel, zwei divergierende Erzählhaltungen. Nicht verwunderlich, dass die sich in den «Defenders» hin und wieder beißen. Das soll jedoch nicht den Blick auf das große Ganze verstellen: Denn diese Produktion erweist sich schnell als klug erzählte, haltungsvolle Serie mit einem handverlesenen hervorragenden Cast. Auf in die Schlacht!

«Marvel's The Defenders» ist ab sofort bei Netflix auf Abruf verfügbar.

Kurz-URL: qmde.de/95187
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