Die Kino-Kritiker

«Ein Sack voll Murmeln»: Gut gemeinter Familienhistorienkitsch

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Ein Abenteuer namens "Flucht vor den Nazis": Der an wahre Begebenheiten angelehnte Familienfilm «Ein Sack voll Murmeln» weist gute Ansätze auf, steht aber auf sehr wackligen Beinen.

Filmfacts «Ein Sack voll Murmeln»

  • Regie: Christian Duguay
  • Drehbuch: Alexandra Geismar, Jonathan Allouche; nach dem Buch von Joseph Joffo
  • Darsteller: Dorian Le Clech, Batyste Fleurial Palmieri, Patrick Bruel, Elsa Zylberstein, Christian Clavier
  • Produktion: Nicolas Duval Adassovsky, Joe Iacono, Laurent Zeitoun, Yan Zenou
  • Kamera: Christophe Graillot
  • Schnitt: Olivier Gajan
  • Musik:  Armand Amar
  • Laufzeit: 113 Min
  • FSK: ab 12 Jahren
Eine wahre, grausame Begebenheit für Kinder zu adaptieren, ist ein denkbar schweres Unterfangen: Der reale Hintergrund muss zwangsweise geschwächt werden, doch wird er zu sehr verwässert, ist es ein Verrat an der historischen Tragödie. Wird zu wenig weggeschliffen, verpasst die Nacherzählung ihr Zielpublikum und muss sich einem älteren Publikum stellen, das gegebenenfalls eine dramatischere Sicht auf die Dinge bevorzugt hätte. Dem Kinofilm «Ein Sack voll Murmeln» gelingt es sogar, in beide Fallen zu tappen: Dieses Geschichtsdrama erzählt von der Flucht zweier jüdischer Brüder vor den Nazis – und ist zuweilen so zahnlos-kinderfreundlich-kitschig, dass es zu Magenschmerzen führt.

Und dennoch sind die vereinzelten, dramatischeren Spitzen hart genug, um dem Film in Deutschland eine FSK-Freigabe ab 12 Jahren zu erhalten, so dass er auf Augenhöhe mit zahllosen weiteren Holocaustdramen steht, wie etwa «Schindlers Liste», «Son of Saul» oder «Elser – Er hätte die Welt verändert». Eltern, Lehrkörper und wer sonst noch Kindern mittels eines Films dieses düstere Geschichtskapitel näher bringen will, haben also deutlich eindrucksvollere, umfassendere Beschäftigungen mit dem Thema zur Hand. Schade, denn Christian Duguays Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller, den Joseph Juffo nach seinen eigenen Erfahrungen verfasst hat, wobei dieser großes Kritikerlob dafür erhielt, einen unbeschönigten, dennoch kinderfreundlichen Schreibstil aufzuweisen.

Die Erzählung nimmt 1941 in Paris ihren Anfang. Die Stadt ist zwar unter deutscher Besatzung, doch so weit die Brüder Jo (Dorian Le Clech) und sein älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) es beurteilen können, hat sich unter deren Einfluss nichts verändert – bis das Gesetz erlassen wird, sie müssten einen Judenstern an ihrer Kleidung tragen, was ihnen in der Schule Prügel einbringt. Ihr Vater Roman (Patrick Bruel), der wegen seines jüdischen Glaubens vor vielen Jahren aus Russland vertrieben wurde, überrascht Jo und Maurice kurz darauf am Abendtisch mit einem ernsten Gespräch. Er sagt, sie müssten allein nach Südfrankreich fliehen, wo es sicherer sei. Die Familie werde sich dort dann wieder vereinen. Der fürsorgliche, humorvolle Vater zeigt seinen jüngsten Söhnen eine bis dahin unbekannte Seite, indem er mit Gebrüll und Ohrfeigen ein Naziverhör nachahmt und seinen Nachwuchs so auf den Ernstfall vorbereitet.

Die von den Jungdarstellern Le Clech und Palmieri und ihrem Leinwandvater Bruel eindrucksvoll gespielte Szene zählt zu den Höhepunkten des Films, fängt sie doch mit Nachdruck den Blickwinkel zweier Jungs ein, die unvorbereitet in den für sie verständlich gemachten Ernst der Weltlage geschubst werden. Im Anschluss daran siedelt Duguay die Reise der beiden Brüder hingegen zu sehr im Rahmen eines Kinder-Abenteuerfilms an: Wenn sich die Brüder etwa in einem Zug befinden, der von den Nazis angehalten wird, ähnelt die Suche nach einem Ausweg eher einem Kinderkrimi, in dem sich die Protagonisten vor einem gemeinen, raffgierigen Schurken verstecken, weil sie nicht wollen, dass ihnen das Beweisstück weggenommen wird oder der Fiesling bei ihren Eltern petzt. Eine solche Fallhöhe bietet sich für die «Rico, Oskar und …»-Reihe an, nicht aber für ein Geschichtsdrama, welches zudem wenige Minuten zuvor auch den zentralen, jungen Helden einbläute, dass die Nazis eine sehr ernste Bedrohung darstellen.

Besonders sauer stoßen Montagesequenzen auf, die den langen Weg der Brüder zusammenraffen, indem Kameramann Christophe Graillot güldene Frankreichpanoramen einfängt, die Komponist Armand Amar mit fröhlichen Melodien unterlegt, während eine an «Indiana Jones»-Reisesequenzen erinnernde Frankreichkarte die zurückgelegte Distanz zeigt. Hach, was für ein schönes Abenteuer die Flucht vor den Nazis doch ist …

Zwar gehört es zur Dramaturgie von «Ein Sack voll Murmeln», dass Jo und Maurice ohne Eltern oder ältere Geschwister und fern von den schulischen Pflichten näher zusammenwachsen und auch Spaß haben, allerdings lässt Duguay diese Sequenzen so kitschig dastehen, dass es lachhaft wird. Vor dem Hintergrund, dass im Laufe des Abenteuers der beiden Brüder zudem zahlreiche wohlgesinnte Menschen aufkreuzen, und diese aufgrund des dauerfreundlichen Lächelns selbst für wenig erfahrene Zuschauer leicht von Nazi-Kollaboratueren sind, geht so jegliche narrative Fallhöhe verloren – und eine solche Verharmlosung wird dem Schicksal des realen Joseph Juffo nicht gerecht.

Duguay findet die Balance zwischen Kindheitsperspektive und historischer Glaubwürdigkeit erst in Nizza wieder, wo die italienischen Soldaten ein deutlich lascheres Regiment führen, was in den Augen der Juffo-Brüder fast schon Spaß verspricht – bis schlagartig die Stimmung kippt. Die sonnigen, nostalgischen Bilder eines pittoresken Nizzas voller lachender, Fotos schießender Soldaten und entspannter Einwohner sowie Flüchtender haben bis dahin etwas Absurdes an sich – und durch diese Distanz schaffende Unwirklichkeit vermeidet der Regisseur, die Vergangenheit zu verklären. Spätere Szenen verlieren diesen Beiklang wieder, und wenn Duguay die Dramatikschraube fester anzieht, kommt sogleich wieder ein großer Schub Pathos mit, der allerdings nicht hilft, die wenigen wirklich argen Momente dem jüngeren Publikum auf Augenhöhe beizubringen.

Daher ist «Ein Sack voll Murmeln» nicht einmal als schonende erste Begegnung mit der Holocaust-Thematik für ein Publikum unter 12 Jahren geeignet, weil die raren Gewaltspitzen sehr wohl das Beisein einer älteren Vertrauensperson erfordern. Und für einen Eindruck, wie diese schlimme Zeit auf Kinder gewirkt hat, ist «Ein Sack voll Murmeln» wiederum nicht konsequent genug – da verliert Duguay im Vergleich mit dem stringenteren «Lauf, Junge, lauf!» oder zum gewollt naiven «Der Junge im gestreiften Pyjama».

«Ein Sack voll Murmeln» ist ab dem 17. August 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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