Hingeschaut

«Doppelpass»: Ein Format, größer als sein Moderatorenstuhl

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Zur Rückkehr lief der «Doppelpass» erstmals direkt gegen das Konkurrenzformat von Jörg Wontorra bei Sky Sport News HD. Wir haben den Saisonauftakt gesehen und sagen, wie Sport1 aufgerüstet hat.

Die Bundesliga-Saison 2017/2018 bringt für den frisch umbenannten «CHECK24 Doppelpass» bei Sport1 die größte Herausforderung seit Beginn des Formats im September 1995. Lange Zeit hatte die Sonntagmittag-Sendung die Monopolstellung in Bezug auf Fußball-Talks im deutschen Fernsehen inne. Diese machte vor wenigen Jahren bereits «Sky 90» am Sonntagvorabend zunichte und mit zwei neuen Fußball-Talks ab dieser Saison wird die Konkurrenz schlagartig noch härter. Einerseits wartet RTL Nitro nun immer montags mit «100% Bundesliga» auf, ein anderer neuer Konkurrent trifft den «Doppelpass» aber noch wesentlich empfindlicher: Sky Sport News HD, das unlängst auch im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen ist und versucht, Sportsendern wie Sport1 auch mit immer mehr Live-Spielen das Wasser abzugraben, läuft im Wesentlichen zeitgleich mit dem «Doppelpass» und startet dabei sogar schon 15 Minuten eher.

Wontorras Schatten verdrängt?


Und damit nicht genug. Das Format leitet ein Moderator, der den «Doppelpass» einst großmachte, sich aber nun anschickt, seinen früheren Kollegen den Rang abzulaufen. Jörg Wontorra ist zurück und liefert mit «Wontorra – Der Fußball-Talk» einen ernstzunehmenden «Doppelpass»-Widersacher. Dass ausgerechnet Wontorra durch ein direktes Konkurrenz-Format führt, könnte zur Klärung eines Streitpunkts führen, den eingefleischte Fans des «Doppelpass» ganz unterschiedlich beantworten: Hat der «Doppelpass» mit Wontorra, der mit Charme und Chuzpe 11 Jahre lang die Sendung bestritt, sein Gesicht verloren - und sein Profil gleich mit? Dieser Ansicht sind nach wie vor einige Zuschauer der Sport1-Flagschiffsendung, während andere in Moderator Thomas Helmer, der bereits durch über 100 Sendungen führte, einen würdigen Nachfolger sehen, der kaum Wünsche offenlässt. Geht die Diskussion spurlos an Helmer vorüber? Zumindest etwas außer Atem begrüßte Thomas Helmer das Publikum um 11 Uhr und wirkte deshalb ein klein wenig aufgeregt: „Endlich geht es wieder los!“

Nicht zuletzt den Schatten Wontorras, in dem einige Beobachter Ex-Fußballprofi Helmer noch immer sehen und der nun durch «Wontorra – Der Fußball-Talk» bedrohlicher denn je über dem «Doppelpass» liegen zu scheint, versuchte Sport1 mit der ersten Ausgabe der neuen Saison endgültig zu verdrängen. Denn auch abseits des Moderatorenstuhls schraubte Sport1 fleißig am Konzept der Sendung, um möglichst keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer auch künftig die Nummer eins unter den deutschen Fußball-Talks stellen wird.

Den Sky-Abwerbungen zum Trotz: Die Gästeauswahl stimmt


Die «Doppelpass»-Gäste stellen ein Thema dar, mit dem Sport1 vorab gezwungen war, sich zu befassen. Hier leitete Sky nämlich Absprachen in die Wege, die einige Sportjournalisten künftig an die Talks beim Pay-TV-Sender binden. Gleich zehn Vertreter von „Spiegel“, „Sport-Bild“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Welt“ verpflichtete Sky exklusiv, womit diese dem «Doppelpass» nicht zur Verfügung stehen werden. Sport1 setzte dem entgegen, dass der «Doppelpass» künftig noch häufiger mit Live-Schalten und Auftritten aktiver Spieler plane, was die Helmer-Runde mit Dominik Kaiser und Yussuf Poulsen von RB Leipzig oder Werder Bremens Clemens Fritz erstmals in der vergangenen Saison testete. Sport1 macht aus der Not also eine Tugend, von besagtem Vorhaben sah man jedoch zumindest in der ersten Ausgabe nach der Sommerpause noch nichts.

Während «Wontorra» mit Uli Hoeneß in Ausgabe eins den unbestritten größeren Namen für sich gewann, ordnete der «Doppelpass» seine Gäste den Themen unter. Inhaltlich gestaltete sich die Entscheidung für DFB-Chefinstruktor Hellmut Krug und Eintracht Frankfurt-Sportvorstand Fredi Bobic sowie Andreas Rettig, dem kaufmännischen Geschäftsleiter des FC St. Pauli durchaus sinnvoll, standen doch die Themen „Video-Assistent“ und Transfermarkt-Exzesse auf der Talk-Agenda, die an der aktuellen BVB-Personalie Ousmane Dembélé aufgehangen wurde. Letztere Thematik wurde auch mit Live-Schalten zu Sport1-Reporter Oliver Müller in Dortmund bearbeitet. Vermutlich spekulierte der «Doppelpass» hierbei auf mögliche Verlautbarungen der Dortmunder, von denen tags zuvor im Rahmen des DFB-Pokals eine Entscheidung zur Causa Dembélé angekündigt wurde. Dies ging letztlich nicht auf, weshalb Müller nur die Erkenntnisse wiedergeben und einordnen konnte, die bereits in den Zeitungen und Nachrichtenportalen nachzulesen waren.

Zunächst widmete sich die Talk-Runde also den angeprangerten Perversionen des Fußball-Marktes, wobei Sport1 mit Einspielern die richtigen Impulse gab und Helmer als Gesprächsleiter nach und nach aufblühte, Pointen setzte und seinen Gästen die Möglichkeit gab, mit Expertise und starken Meinungen zu glänzen. Zum «Doppelpass»-Saisonauftakt stellte sich dabei erneut die Verpflichtung von Experte Marcel Reif als Gewinn heraus, der die Runde mehrmals an sich riss und interessante Gegenperspektiven auf die Gesprächspunkte verschaffte. Auch die Rolle des „Frankfurter Rundschau“-Manns Jan Christian Müller durfte in dieser ersten Ausgabe nach der Sommerpause jedoch nicht unterschätzt werden, da dieser ein ums andere Mal Meinungen einbrachte, an denen sich die Runde rieb, was den Gesprächsfluss am Laufen hielt. Kontrovers wurde es beim Thema Transfers zudem des Öfteren im Dialog zwischen Rettig und Bobic, die in ihren Vereinen beide Positionen mit betriebswirtschaftlicher Relevanz bekleiden, oftmals aber andere Meinungen vertraten. Ob Quäntchen Glück oder gute Redaktionsarbeit: Alles richtig gemacht mit diesen Gästen, Sport1.

Schiri-Experte, Sendezeit, Interaktion: So rüstete Sport1 auf


Mit der Einführung des „Video-Assistenten“, der es in der Bundesliga künftig möglich macht, potenziell spielentscheidende Situationen einem Videobeweis zu unterziehen, nutzte Sport1 die Gelegenheit, mit Ex-FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann einen Schiedsrichter-Experten zu gewinnen, der von nun an als fester Bestandteil des Talks die Schiedsrichterentscheidungen des aktuellen Spieltags einordnen wird. In der zweiten Sendungshälfte lud sich Helmer zur Diskussion des „Video-Assistenten“ schließlich auch Hellmut Krug in die Runde ein. Gleich in seinem ersten Einsatz stellte sich das Engagement von Bernd Heynemann im Kontext des DFB-Gastes als strategisch klug heraus, da Heynemann zu Krug, der die Sinnhaftigkeit des Video-Beweises vermitteln musste, als Gegenpol fungierte und den Einsatz des Videoassistenten kritisch hinterfragte. Eventuell wird sich Heynemann jedoch wünschen, bis zu seiner Einladung in die eigentliche Talk-Runde künftig einen würdigeren Sitzplatz zu erhalten. Die ersten 90 Minuten nahm der Schiri-Fachmann jedenfalls auf einem Barhocker an der Getränketheke Platz. Welche Stellung Heynemann künftig im Format einnehmen wird, bleibt vorerst unklar.

Der neue Schiedsrichter-Experte kennzeichnet nur eine der Änderungen, die Sport1-Chefredakteur und Director Content Dirc Seemann als eine der „behutsamen und kreativen Weiterentwicklungen“ kennzeichnet. Mit einer halben Stunde mehr lässt sich der «Doppelpass» ab sofort bist 13.30 Uhr Zeit, auch die Bindung der Zuschauer soll in Form neuer interaktiver Elemente erhöht werden. So markierte die erste Ausgabe des «Doppelpass» vor dem Bundesliga-Start kommende Woche auch die Premiere des Talks auf Facebook Live, wo die Sendung von nun an jede Woche in voller Länge zu sehen sein wird - wie Sky Sport News HDs «Wontorra» übrigens auch. Ruth Hofmann gab obendrein weiterhin am Studio-Pult Einblicke in die Meinungen der Internetnutzer, zwischendurch ergänzten auch eingeblendete Tweets die Diskussionen. Die Einbindung des Zuschauers wurde nach dem bereits etablierten „Dopafon“ also weiter vorangetrieben.

«Doppelpass»: Die Summe seiner Teile


Bezüglich der Szenerie hat sich seit dem Saisonübergang beim «Doppelpass» nichts verändert. Noch nicht. Ab Herbst soll das Set im Hilton Munich Airport Hotel um zwei Tribünenansätze ergänzt werden, die Stadionatmosphäre schaffen sollen. Die Atmosphäre war schon immer einer der wesentlichen Eigenschaften, die den «Doppelpass» von anderen, zuweilen trockenen Talks abhebt und die Sport1 beispielweise mit seinem in der Kneipe verorteten «Fantalk» ebenfalls schaffen will: Launig, augenzwinkernd und kontrovers soll es weiterhin zugehen zum Sonntagsbrunch mit Fußball-Talk, vielleicht mehr denn je. An dieser besonderen Atmosphäre, an Phrasenschwein, an Kulisse, Expertenmeinungen, Dopafon und der durchweg souveränen Co-Moderation von Ruth Hofmann, die vielleicht sogar zu Höherem berufen ist als zur Wiedergabe von Tweets und Instagram-Posts, erfreuen sich Zuschauer nun schon seit über 20 Jahren – nicht bloß am Moderator. Das zeigte die «Doppelpass»-Rückkehr nach der Sommerpause erneut deutlich, weshalb es falsch ist, sich bloß mit der Frage aufzuhalten, ob Thomas Helmer die Fußstapfen von Jörg Wontorra voll ausfüllt. Kein anderer Fußball-Talk kann jedenfalls von den vorhandenen Strukturen und der Tradition, die den «Doppelpass» auszeichnen, zehren, weshalb der Sport1-Talk vorerst weiter der Primus unter den mittlerweile vier Formaten bleiben wird.

Fest steht aber auch: Nie war ein gutes Abschneiden des «Doppelpass» am Sonntag von größerer Bedeutung als in der Bundesliga-Saison 2017/2018. Dies hat nicht nur mit der härteren Konkurrenz zu tun, sondern auch damit, dass Sport1 jüngst viele Sportrechte einbüßte, darunter die zweite Liga am Freitag-, Sonntag- und auch Montagabend. In Sachen Bundesliga bleibt nur der Wochenabschluss, an dem Dirc Seemann einen „noch größeren, heiligen Sonntag“ bauen will, wie er Anfang des Jahres im Gespräch mit Quotenmeter.de verriet (siehe Info-Box). Dieser umfasst von 9 bis 15 Uhr neben dem «Doppelpass» Zusammenfassungen der 2. und ersten Fußball-Bundesliga. Ob dies reichen wird, den Status Quo von Sport1, dem als Sportsender ausgerechnet vorgeworfen wird, zu wenig Sport zu zeigen, zu erhalten, wird die kommende Bundesliga-Saison 2017/2018 zeigen.

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