Hingeschaut

Die geile Meile: Die letzte Strecke «Circus HalliGalli»

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Abschied nehmen von der Manege des Wahnsinns: Joko und Klaas führten bei ProSieben durch die finale Ausgabe von «Circus HalliGalli». Ein TV-Zirkus in Moll.

Wenn eine langlebige TV-Show geht, wie beendet man sie gebührend? Auf dem "Business as usual"-Wege? Mit einem die vorherigen Showregeln aushebelndem Special, ähnlich wie damals «Schlag den Raab»? Mit Feuerwerk, Bombast und Megalomanie? Oder doch mit einem introspektiven Rückblick, bei dem sich die Verantwortlichen die vergangene Zeit nochmal vor Augen führen? Ausgerechnet die selbsternannte Manege des Wahnsinns, das wöchentliche ProSieben-Chaos von Joko und Klaas, schlug den letztgenannten Pfad ein und setzte eben nicht auf Irrwitz, Anarchie und Albernheit.

Klingt im ersten Augenblick vielleicht so, als hätte Florida.TV den Abschluss einer Fernsehära gegen den Strich gebürstet. Doch auf dem zweiten Blick endete «Circus HalliGalli» so, wie es auch hätte enden müssen. Denn Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf schickten nicht einfach nur eine 2013 gestartete Unterhaltungsshow in Rente. Wie sie in der Finalstaffel mehrmals anrissen, tragen sie viel eher einen Abschnitt ihrer Karriere zu Grabe, der bereits 2009 seinen Anfang nahm. Denn «Circus HalliGalli» ist die zweite Regeneration der zwischenzeitlich als ZDFneo-Highlight namens «neoParadise» ausgestrahlten Chaosshow «MTV Home».

Acht Jahre Wettbewerbe, Hassliebe zwischen den Moderatoren, kuriose Interviews und ein sonderbarer Mix aus Gagahumor und Medienwitz mit Hintersinn. Die abschließenden Meter dieser kleinen TV-Epoche waren bereits mit Folgen gespickt, in denen sich die Showmacher auf höchstem "Mir egal, was die Masse denkt"-Niveau ausgetobt haben. Anarcho-Folgen wie "Wir feiern den Geburtstag unseres Sidekicks Sabine, selbst wenn sie gar nicht Geburtstag hat" oder "Joko und Klaas übernehmen die Regie" waren für den härtesten Kern des harten Kerns an «Circus HalliGalli»-Fans gedacht und unterstrichen die Wahnwitz-Seite des Formats. Als Abschiedsgala muss da das Gegenteil her, erst recht, wenn eine fast zehnjährige Tradition beendet wird und sich quasi eine Fernsehfamilie auflöst, um sich nur noch gelegentlich bei Samstagabendeventshows zu treffen.

Und so begrüßten Joko und Klaas als Gast ihren früheren Sidekick Palina Rojinski, blickten gemeinsam in einer Montage auf "Die Emotionen der Show" zurück und wurden passenderweise mit der Rückkehr einer früheren «Circus HalliGalli»-Tradition überrascht: Dem Countdownmoment, in dem der Showverlauf urplötzlich durch ein Kuriosum unterbrochen wurde – dieses Mal durch eine Wiederholung des allerersten Countdownmoments. Kurzum: Showkomfortfutter für Fans, die sich langsam an den Gedanken gewöhnen müssen, Abschied zu nehmen. Aufgemuntert wurde diese Aufbruchstimmung durch einen erneuten "Betrunkene schreiben das Drehbuch zu …"-Beitrag, in dem Joko und Klaas die Ideen Besoffener nachstellten – passend zum Abschied die hochprozentigen Einfälle für die letzte «Circus HalliGalli»-Folge, deren perfekter Untertitel demnach "Die geile Meile" ist.

Hater, die aus irgendwelchen masochistischen Gründen die finale «Circus HalliGalli»-Ausgabe eingeschaltet haben, kamen wiederum gleichermaßen mit den schadenfrohen Fans zum Zug, als James Blunt die schärfsten professionellen und unprofessionellen Joko-und-Klaas-Kritiken vorgesungen hat. Diese Aktion wurde zwar bereits einige Monate vorher schon einmal durchgezogen, aber große Abschiedsrevuen sind im deutschen Fernsehen generell selten von Innovation geprägt. Als abschließende Verneigung vor Joko, Klaas und dem Onlinehass, den sie Woche für Woche provozierten, ist solch eine Wiederholung aber mehr als angebracht.

Daraufhin mauserte sich die 90-minütige Abschiedsgala langsam vom behutsamen Rückblick zum gebührenden Abschied – mit großen Emotionen im kleinen Rahmen. Joko und Klaas blödelten mit ihrem Dauergast Matthias Schweighöfer herum, plauderten aus dem Nähkästchen, was absurde Anforderungen ihrer prominenten Gäste (oder deren Manager) anbelangt und wurden erneut überrascht: Mit einem kreativen Video mehrmaliger Musikgäste wie Jan Delay, Kool Savas und Cro, die allesamt liebevoll das Moderatorenduo neckten. Auf den letzten Metern wurde die "geile Meile" dann endgültig zum intimen Showabgesang. Auf tränenreiche, dankbare und auch selbstkritische Worte von Joko und Klaas folgte ein ausführlicher Abspann, der noch ganz ruhig und besonnen, noch ein letztes Mal vorführte, was «Circus HalliGalli» und seine Vorgängerformate in ihren Glanzstunden so besonders machte: In einer langen Plansequenz, die sich Backstage den Weg aus dem Fernsehstudio bahnte, nickten Stars und Teammitglieder ihrer TV-Familie, dem Publikum, zu, während sie kryptisch Highlights aus der «HalliGalli»-Historie nachstellten. Ein sentimentaler, kreativer Abschied für eine laute, vulgäre Gagasendung mit so viel Charakter, dass sie vielen Menschen zurecht ans Herz gewachsen ist.



«Circus HalliGalli», mögest du im Showhimmel herzlich empfangen werden.

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