Film-Check

«Mulholland Drive»: Der Film, der beinahe eine Serie war

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Von Cineasten und Filmhistorikern gefeiert, doch beinahe eine ABC-Serie geworden: Wir blicken auf David Lynchs «Mulholland Drive».

Hinter den Kulissen

  • Regie und Drehbuch: David Lynch
  • Produktion: Neal Edelstein, Tony Krantz, Michael Polaire, Alain Sarde, Mary Sweeney
  • Musik: Angelo Badalamenti
  • Kamera: Peter Deming
  • Schnitt: Mary Sweeney
David Lynch sorgt in der Serienfanatiker- und Cineasten-Welt seit einigen Wochen mit seinem «Twin Peaks»-Revival für emsige Diskussionen. Die Mysteryserie ist die erste fiktionale Regiearbeit von Lynch abseits von Kurzfilmen und Musikvideos seit dem Experimentalfilm «Inland Empire» aus dem Jahr 2006 – und Lynchs erste Serie seit dem HBO-Flop «Hotel Room» von 1993. Doch fast wäre es bereits Ende der 90er-Jahre oder Anfang der 2000er zu Lynchs Seriencomeback gekommen. Dafür hätten Cineasten aus aller Welt auf einen Film verzichten müssen, den sie seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten mehrheitlich als unumstößliches Meisterwerk feiern: «Mulholland Drive».

Denn dieser wiederholt zu einem Glanzstück der jüngeren Kinogeschichte emporgehobene Film nahm seinen Anfang als Projekt für das US-Network ABC, wo Anfang der 90er-Jahre die ersten «Twin Peaks»-Staffeln liefen und zunächst für Furore und Topquoten sorgten. Lynch pitchte dem Sender eine in Los Angeles spielende Mysteryserie über eine junge Frau, die in einen schlimmen Autounfall verwickelt wird, ihr Gedächtnis verliert und mit 125.000 Dollar sowie einem blauen Schlüssel in ihrem Besitz Unterschlupf bei der aufstrebenden Schauspielerin Betty findet. Diese hilft ihr, ihre Identität zu finden, stellt allerdings auch fest, dass die geheimnisvolle Dame Probleme magnetisch anzieht. Lynchs Treatment beinhaltete zudem einen Subplot über ein Filmprojekt, in das Betty involviert war. Naomi Watts und Laura Harring wurden für eine 90-minütige Pilotepisode besetzt, die Dreharbeiten fanden Anfang 1999 innerhalb von sechs Wochen statt.

ABC äußerte über Lynchs erste Schnittfassung der Pilotfolge großen Unmut, kritisierte unter anderem die Besetzung von Watts und Harring, das Erzähltempo und das Zeigen von Hundekot in Großaufnahme. Lynch stimmte ABC zumindest bezüglich des Erzähltempos zu, dennoch wurden sich beide Seiten nicht einig, woraufhin ABC den Piloten fallen ließ. Im normalen TV-Zirkus wäre dies das Ende des Projekts gewesen – schließlich werden jährlich Dutzende von Piloten nicht weiter verfolgt. Nur gelegentlich werden Pilotfolgen erfolgreich an andere Sender (oder mittlerweile auch an VoD-Portale) veräußert und dort dann mit einer Serienbestellung begrüßt.

Lynch jedoch beschloss, «Mulholland Drive» die Pilotfolge im Schnitt zu überarbeiten und zudem einen letzten Akt zu verfassen, um aus dem Serienbeginn einen in sich abgeschlossenen Film zu formen. Mit einer Sieben-Millionen-Dollar-Finanzspritze von StudioCanal wurde der surreale, düstere Schluss des Films auf die Beine gestellt. Dieser ungewöhnliche Schritt pushte das Gesamtbudget von «Mulholland Drive» auf rund 15 Millionen Dollar.

Zwar standen weltweit als Einspielergebnis nur 20 Millionen Dollar auf dem Konto, doch der ewige Ruhm, der Lynch und seinem Film zuteil wurde, ist unbezahlbar: Der Mix aus abgelehntem Pilotfilm, Unfall, kreativem Geistesblitz und Notlösung erntete zahllose glühende Lobeshymnen, wird häufig als Karrierehoch des Regisseurs bezeichnet und gewann unter anderem bei der Los Angeles Film Critics Association, Cahiers du cinéma, IndieWire, The Village Voice, Film Comment und dem Onlinemagazin Slate die Wahl zum bester Film seiner Dekade. Bei der angesehenen "Sight & Sound"-Abstimmung des British Film Institute landete «Mulholland Drive» auf Rang 28 der besten Filme aller Zeiten und bei einer Umfrage von BBC Culture unter 177 Filmkritikern wurde die Produktion zum besten Film des 21. Jahrhunderts gewählt. Große Kunst kann also auch aus Niederlagen entstehen – stellt sich nur die Frage, ob sich dies heute noch wiederholen ließe. Wer weiß, wie viele neue «Mulholland Drive»-Wunder Amazon und Netflix mit ihren Übernahmen anderswo abgelehnter Arbeiten bereits verhinderten?

«Mulholland Drive» ist am 19. Juni 2017 ab 20.15 Uhr bei arte zu sehen.

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