Die Kritiker

«Mata Hari – Tanz mit dem Tod»

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Erotiktänzerin, Luxusprostituierte, Doppelagentin: Mata Hari ist eine faszinierende, schillernde Figur der europäischen Geschichte – und eine, die noch immer Fragen aufwirft. Diese fiktionale Suche nach Antworten geht leider mit angezogener Handbremse vor.

Cast und Crew

  • Regie: Kai Christiansen
  • Darsteller: Natalia Wörner, Nora Waldstätten, Patrick Joswig, Robert Schupp, Francis Fulton-Smith, Michael Brandner, Vladimir Burlakov, Heike Hanold-Lynch
  • Drehbuch: Kai Christiansen; nach einer Idee von Heike Brückner von Grumbkow, Jochen von Grumbkow
  • Kamera: Jan Kerhart
  • Schnitt: Barbara Toennishen
  • Musik: Nils Kacirek
  • Produktionsfirma: Vincent TV
Die Geschichte der als Mata Hari berühmt gewordenen, niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle wurde bereits mehrmals verfilmt. Sie diente unter anderem als sehr freie Vorlage für einen von Greta Garbos größten Klassikern. Noch heute rätseln Historiker, ob die 1917 hingerichtete Erotikikone eine mit allen Wassern gewaschene Frau, die gleichwohl berühmteste und erfolgloseste Spionin der Welt oder schlichtweg ein Justizopfer war. Produziert von Sandra Maischberger und inszeniert von Kai Christiansen («Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt»), versucht sich der ARD-Fernsehfilm «Mata Hari – Tanz mit dem Tod» an einer entromantisierten Lesart dieser historischen Persönlichkeit.

Die späte Mata Hari wird hier als vom Schicksal gezeichnete Lebedame dargestellt, die nicht willens oder fähig ist, die Rolle der edel-erotischen Ikone abzustreifen. Obwohl sie beim besten Willen nicht mehr die Jüngste ist, klammert sie sich an ihrem sinnlichen Ruhm. Ihren Kummer über den Verlust ihres Sohnes, den Streit mit ihrem Ex-Ehemann und das Kontaktverbot zu ihrer Tochter überdeckt sie in einem luxuriösen Auftreten, das sie sich finanziell eigentlich nicht mehr so recht leisten kann. Von falschem Stolz (oder übermäßiger Selbstüberschätzung) getrieben, bietet sie sich den Deutschen als Informationslieferantin über die Militärgeheimnisse der Franzosen feil, und weil dies nicht von Erfolg gekrönt ist, heuert sie kurzerhand zudem für die Franzosen an – ein Schritt zu viel, denn daraufhin wird die glücklose Verräterin verraten.

Mata Haris Gegenstück sucht der Film in "Fräulein Doktor" Elsbeth Schragmüller, einer jungen Akademikerin, die in Antwerpen für die deutsche Spionage tätig ist und die Erotiktänzerin als Spionen überführen soll. Während sich Mata Hari ergebnislos jünger macht, als sie ist, verleiht sich die Bildungsbürgerin im Militärpelz bemüht ein älteres, erfahreneres Aussehen: Mit streng geflochtenen Haaren, hochgeschlossener Uniform, schnurgerade gestutzten Augenbrauen und dank ihrer in Gegenwart von Männern eiskalt-stoischen Mimik zudem mit messerscharf hervorstechenden Wangenknochen versehen, ist Schragmüller eine harte, nicht im geringsten Maße feminine, dominante Präsenz.

Der in der Aufmachung und im Auftreten der beiden weiblichen Hauptfiguren mitschwingende Subtext lässt der Neunzigminüter jedoch weitestgehend fallen. Wir sehen hier zwei Seiten derselben Medaille, nämlich Frauen, die im frühen 20. Jahrhunderts durch das Annehmen einer übersteigerten Rolle in der von Männern bestimmten Gesellschaft ihren eigenen Weg gehen. Doch an diesen Implikationen ist das Skript von Kai Christiansen, der nach einer Vorgabe von Heike Brückner und Jochen von Grumbkow operiert, nicht interessiert. Gemeinhin bleibt dieses Historiendrama an der Oberfläche und scheint arg darauf hingebogen zu sein, ein möglichst großes Fernsehpublikum zu erreichen, ohne es in jeglicher Form zu fordern und dabei eine Überforderung zu riskieren.

Die Ereignisse werden brav und starr aneinandergereiht, mehrmals erläutert ein Erzählkommentar selbst offensichtliche Dinge und in der ersten Viertelstunde erfolgt dermaßen viel Exposition, dass der Film an späterer Stelle zwangsweise Leerlauf aufweist. Die Inszenierung ist aus demselben Holz geschnitzt: «Mata Hari – Tanz mit dem Tod» imitiert große deutsche Fernseh-Historienfilme und setzt auf eine konventionelle Ästhetik. Ausgebleichte Farben, detaillierte Kostüme, altmodisch ausstaffierte Kulissen. Bloß mangelt es dem Werk an den Produktionswerten, um dieses klassische Auftreten mit Bravour durchzuziehen:

Die Kostüme überzeugen noch durchaus, doch die steife Regieführung, die nach übermäßigem Gebrach von Farbfiltern wirkende Optik und die relativ leeren Sets lassen das Augenmerk eher dahin führen, was im Vergleich zu Eventproduktionen fehlt, und nicht dahin, was «Mata Hari – Tanz mit dem Tod» zu bieten hat. Die Performances der Hauptdarstellerinnen können dem Geschehen da nur ein klein wenig an zusätzlicher Dimension verleihen: Wenn Nora Waldstätten als "Fräulein Doktor" aus ihrer eisigen Maske ausbricht, gelingt dies mitreißend, Natalia Wörner wiederum wirkt als Mata Hari starr – egal, welche ihrer charakterlichen Züge die tragische Figur ausspielt.

«Mata Hari – Tanz mit dem Tod» ist am 18. Juni 2017 ab 22 Uhr im Ersten zu sehen.

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