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Fernsehfriedhof

«Treffpunkt Herz»: Das All-Star-Game des deutschen Fernsehens

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehmomente, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 332: Eine pompöse Spendengala, in der nicht einmal gesagt wurde, wofür eigentlich gesammelt wurde.

Liebe Fernsehgemeinde, diesmal gedenken wir eines heiteren Abends für eine „sehr, sehr ernste Sache“.

«Treffpunkt Herz» wurde am 04. Oktober 1975 im ZDF geboren und stellt bis heute den Höhepunkt des deutschen Unterhaltungsfernsehens dar, denn nie zuvor und nie wieder danach gelang es, nahezu die vollständige Branche auf einer Bühne in einer gemeinsamen Darbietung zu vereinen. Doch der Reihe nach…

Die Geschichte beginnt mit Mildred Scheel, der Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, die im Jahr 1974 einen Verein ins Leben rief, um die Behandlung und Erforschung der Krankheit Krebs voranzutreiben. Insbesondere Brust- und Unterleibskrebs versuchte sie auf diese Weise, aus dem Tabubereich der Gesellschaft zu ziehen, um Frauen zu ermutigen, sich regelmäßig untersuchen zu lassen. Damit dieses Vorhaben gelingen konnte, benötigte ihre nicht-staatliche Initiative aber sowohl Spendengelder als auch eine öffentliche Bekanntheit. Beides sollte kurz nach Gründung jener „Deutschen Krebshilfe“ durch eine große Fernseh-Gala erreicht werden, die beim ZDF platziert werden konnte.

Das war kein ungewöhnliches Vorgehen. Bereits in den Jahren davor wurden regelmäßig Sendungen ausgestrahlt, die mit einem guten Zweck oder Benefiz-Elementen versehen waren. Erstmals fand dies im Jahr 1948 statt, als im damaligen NWDR regelmäßig Spendenaufrufe für das Hilfswerk Berlin gezeigt wurden und um Gelder für Kinder im belagerten West-Berlin baten, um ihnen einen Ausflug in den nicht belagerten (und dadurch gut versorgten) Teil Westdeutschlands zu ermöglichen. Passenderweise erfolgten diese Appelle unter dem Slogan «Ein Platz an der Sonne». Aus dieser anfänglich unverbindlichen Kooperation entwickelte sich bald eine feste Partnerschaft, die im Jahr 1956 in der Gründung der ARD-Fernsehlotterie gipfelte.

Beim ZDF wurde ab 1964 im Auftrag der «Aktion Sorgenkind» (heute «Aktion Mensch») für die Unterstützung von Maßnahmen zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung geworben. Anfangs hauptsächlich durch Peter Frankenfeld im Rahmen von «Vergissmeinnicht», bevor diese Aufgabe Wim Thoelke ab 1970 in «Drei mal neun» und danach in «Der große Preis» übernahm. Nach deren Ende im Jahr 1993 schlossen sich eine Vielzahl von Nachfolgern an (darunter die misslungene Variante «Goldmillion»), die zwar nie eine ähnliche Popularität erreichen konnten, aber sich wenigstens weiter für Menschen mit Behinderungen engagierten. Parallel dazu unterstützte «das aktuelle sportstudio» die neueingeführte Lotterie «Glücksspirale», welche zunächst Gelder für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1972 in München und dann für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 sammelte, bevor sie sich ebenso anderen nicht-sportlichen Zwecken öffnete.

Auch nach 1975 veranstalteten deutsche TV-Kanäle immer wieder Unterhaltungsshows und Benefizsendungen, um an Gelder für wohltätige Zwecke zu kommen - sei es für Opfer von Flutkatastrophen, Erdbeben oder Kriegen. Mal als einmalige Schau direkt nach einem Vorfall und mal als jährlich wiederkehrende Tradition wie «Ein Herz für Kinder» oder die «José Carreras-Gala». Besonders eng mit dem Fernsehen ist die Gründung des Bündnisses „Menschen für Menschen“ verknüpft, deren Grundstein vom Schauspieler Karl-Heinz Böhm bei einem Auftritt bei «Wetten, dass..?» gelegt wurde. Einen zynischeren Ansatz wählte Mitte der 90er Jahre der Privatanbieter RTL, wo man in Formaten wie «Perfect Day» und «Glücksritter» Kandidaten für die Bezahlung ihrer Schulden oder dringend benötigter Zahnkronen in bizarren Spielchen zur Belustigung des Publikums antreten ließ.

Aber zurück ins Jahr 1975 und zurück zu «Treffpunkt Herz» - dem Anlass, bei dem sich die Deutsche Krebshilfe nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellen wollte. Inhaltlich geriet dies in Form eines fürs damalige Fernsehen typischen Varieté-Abends, in denen Lieder dargeboten, Tänze aufgeführt und kurze Sketche vorgetragen wurden. Weder besonders kunstvoll, noch besonders spektakulär. Was die Produktion bis heute zu einer Rarität in der deutschen Programmgeschichte machte, war die Liste der mitwirkenden Interpreten, die restlos die komplette A-Prominenz der deutschsprachigen Unterhaltungsriege umfasste. Stellenweise standen die großen Stars dafür lediglich für wenige Augenblicke auf der Bühne oder sagten gar nur einen Satz. Trotzdem sicherten sie ihr Kommen in die Kölner Sporthalle zu, um die Anstrengungen von Mildred Scheel zu unterstützen. Ein Event, das rückwirkend als deutsche TV-Version der Live-Aid-Konzerte beschrieben werden kann.

Marika Rökk steppte, die Kessler-Zwillinge tanzten, Vico Torriani, Johannes Heesters, Katja Ebstein und Ilja Richter sangen. Ingrid Steeger gab im knappen Dress das Nummerngirl. Robert Lembke brachte eine Sonderausgabe seines Klassikers „Was bin ich?“ mit, in dem ein prominent besetztes Rateteam (u.a. Hans Rosenthal) den beliebten Entertainer Lou van Burg erkennen musste. Die Hauptdarsteller von «Der Kommissar» (Erik Ode), «Derrick» (Horst Tappert) und «Tatort» (Hansjörg Felmy) ermittelten gemeinsam, um einen Falschspieler im Orchester zu entlarven, der sich als Klavierlegende Paul Kuhn entpuppte. Peter Frankenfeld bereitete in einer heiteren Darbietung voller (beabsichtigter) Pannen eine festliche Bowle, während Hans-Joachim Kulenkampff, Inge Meysel, Theo Lingen und Liselotte Pulver gemeinsam ein Gedicht vortrugen, bevor Hansjürgen Rosenbauer seine eigene Talkshow «Je später der Abend» parodierte und darin seinen Gast Heinz Sielmann kaum zu Wort kommen ließ. Zu guter Letzt präsentierte Heinz Rühmann als Höhepunkt beliebte Szenen aus seinen Filmen sowie ein tragisches Lied über einen Clown. Am Ende standen über 40 Prominente für das Abschlussbild auf der Bühne. Zu Recht sollte dieses Aufgebot mit dem Spruch „Die Super-Star-Gala“ beworben werden.

Durch den knapp zweistündigen Ablauf mit Nummern am Fließband führte mit Peter Alexander zudem eines der beliebtesten Gesichter der damaligen Zeit. Da er sang, schauspielerte und moderierte, galt er als wahres Multitalent, das überdies ein tadelloses und braves (fast biederes) Image verfügte und dem viel zitierten Traum aller Schwiegermütter entsprach. Kurz, er war das ideale Aushängeschild für ein Ereignis wie dieses. Und dort war er mit seichten Gesangsnummern, harmlosen Witzchen und seinem nie weichenden charmanten Lächeln erneut voll in seinem Element und begeisterte seine Fans.

Mit dem Autor Hans Hubberten und dem Regisseur Ekkehard Böhmer brachte er zusätzlich seine langjährigen Weggefährten mit, die maßgeblich am enormen Erfolg der «Peter-Alexander-Show beteiligt waren. Sie sorgten hinter den Kulissen von «Treffpunkt Herz» dafür, dass die vielen Berühmtheiten witzige Texte und passende Lieder erhielten und diese im rechten Licht vortragen konnten. Als Produzent hielt TV-Legende Wolfgang Rademann die Fäden in der Hand, der zuvor ebenfalls mit Peter Alexander für mehrere Jahre gearbeitet hatte.

Trotz des ausdrücklichen Ziels, ein allgemeines Bewusstsein für die tödliche Krankheit zu schaffen, unterließen es die Verantwortlichen, auf dem Schirm echte Aufklärungsarbeit zu leisten, mit Betroffenen zu sprechen oder Vorsorge-Tipps zu geben. Stattdessen deutete Peter Alexander die Problematik Krebs nur einmal kurz in seiner Einleitung an, als er von der „ziemlich unbewältigten Geißel der Menschheit“, sprach, die „ganz fürchterlich zum Verhängnis werden kann“. Tatsächlich war über die gesamte Laufzeit des eigens für die Krebshilfe veranstalteten Spektakels das Wort „Krebs“ nicht einmal zu hören. Selbst die anwesende Mildred Scheel wurde zwar als Schirmherrin vorgestellt, ohne dabei jedoch konkret und explizit auf ihre Organisation zu verweisen. Einzig kurze Schrifteinblendungen zu Beginn und Ende der Sendung machten diesen Zusammenhang deutlich. Daran lässt sich erahnen, was für ein heikles Thema, die Krankheit zu dieser Zeit noch darstellte und lediglich in vagen Formulierungen am Samstag zur besten Sendezeit zu besprechen war. Es musste reichen, einen „heiteren Abend“ anzukündigen, um „auf eine sehr, sehr ernste Sache aufmerksam zu machen“. Entsprechend fehlten jegliche Spendenaufrufe, Einblendungen von Telefon- und Kontonummern oder Verkündungen von Zwischenständen. So war es auch nicht hinderlich, dass die Aufführung bereits am 14. Juni aufgenommen und erst mit einer Verzögerung von knapp vier Monaten im Fernsehen lief.

Dennoch konnten allein am Tag der Aufzeichnung Einnahmen von rund 600.000 DM (u.a. durch den Verkauf von Eintrittskarten) verkündet werden. Einen größeren Effekt hatte jedoch die eigens herausgebrachte Schallplatte, welche die Originalaufnahmen der (teilweise) einmaligen Darbietungen der Veranstaltung beinhaltete. Sie war das eigentliche Kernstück der Spendensammlung und der Hauptgrund für die verzögerte Ausstrahlung. Sie musste bis dahin schließlich zusammengestellt, gepresst und ausgeliefert werden. Dieser Aufwand lohnte sich: Die LP wurde ein großer Hit, erhielt eine Goldene Schallplatte und brachte der Krebshilfe zusätzliche Einnahmen von 2,5 Millionen Mark ein, wodurch der Gesamterlös des Projekts auf rund 3 Millionen DM anstieg. Nicht zu vergessen, der enorme und nahezu unbezahlbare Popularitäts- und Bekanntheitszuwachs der Organisation. Allein angesichts dieses Ergebnisses kann die Aktion als Erfolg gewertet werden.

Diese Einschätzung teilten allerdings nicht alle Menschen. Der Kabarettist Werner Schneyder fand im damaligen SPIEGEL wenig Lobenswertes an all dem Zirkus. Er warf den Mitwirkenden sogar vor, den Krebs bloß als Vorwand dafür genutzt zu haben, eine großspurige und selbstverliebte „krankhafte Wucherung“ zusammengestellt zu haben, in der nur „Menschen gezeigt werden, weil sie kürzlich gezeigt wurden, weil man sie also kennt.“ Peter Alexander beschrieb er außerdem als den einzigen Sänger der Welt, „der beim Singen zunimmt. So schmalzig ist er geworden.“

Seine Meinung schienen die damaligen Zuschauenden zumindest mehrheitlich nicht geteilt zu haben, immerhin durfte sich «Treffpunkt Herz» über eine Reichweite von 11,87 Millionen Haushalte (nicht Personen) allein in Westdeutschland freuen. Dies stellte selbst zu Zeiten, in denen meist nur drei Sender zu empfangen waren, einen beeindruckenden Wert dar. Dass die Revue und ihre Stars noch drei Jahrzehnte später ein großes Publikum anziehen konnte, bewies ihre bisher einzige Wiederholung am 16. Juli 2006. Diese war anlässlich des 80. Geburtstags von Peter Alexander und auf dessen ausdrücklichen Wunsch erneut ins Programm genommen worden. Selbst nach Mitternacht genossen 2,23 Millionen Menschen die guten Erinnerungen an all die beliebten Gesichter der 70er-Jahre, von denen die meisten zu dieser Zeit aber längst schon verstorben waren.

Mögen sie alle und die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am Donnerstag, den 15. Juni 2017 und widmet sich dann 5 erfolglosen Kopien von «Big Brother».

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